Greenpeace: Neue Bienen, alte Botschaft

Die grüne Vorzeige-NGO Greenpeace entführt uns in einem aktuellen Werbespot in eine Welt, die uns nicht gefallen soll, und sucht die Zukunft in der Vergangenheit. Novo-Wissenschaftsressortleiter Thilo Spahl klärt über Bienen und Blumen auf.

Mit einem neuen Werbespot der Bienenkampagne weicht Greenpeace vom üblichen Propagandastil ab, präsentiert uns ein scheinbar freundliches Zukunftsszenario und stellt am Ende eine Frage, die wahrscheinlich von den meisten Zuschauern schnell und verlässlich im Sinne des Auftraggebers beantwortet wird.

Der Spot „NewBees“ [1] zeigt die heile Welt einer Blumenwiese, auf der wenige Jahre nach dem Aussterben der Honigbiene, kleine „Wunder fortgeschrittener Robotik“, also künstliche „neue Bienen“, den Job der Bestäubung übernommen haben. Selbstverständlich sind sie solarbetrieben, effizient, preiswerter als ihre natürlichen Vorbilder und recyclebar. Kinder können sich unbesorgt von ihnen umschwärmen lassen, stechen tun sie nicht. Wehrhaft sind sie dennoch: Einer Hornisse wird kurzerhand durch Pestizidbeschuss der Garaus gemacht. Diese Szene, in der das echte Lebewesen durch die vermeintlich so perfekten „Neuen Bienen“, so kaltblütig wie nur Roboter es können, vergast wird, soll den Betrachter irritieren und die bis dahin positive emotionale Stimmung leicht erschüttern. Ihr folgen jedoch gleich die spielenden Kinder, die uns vermitteln, dass alles wirklich gut sei.

Zwei Sekunden im vermeintlichen Abspann müssen dann genügen, um zu zeigen, dass wir uns womöglich täuschen und einlullen lassen haben. Eine Tafel präsentiert die Logos von zwölf Unternehmen, denen besonderer Dank gilt. Es sind natürlich Monsanto, BASF, Bayer, usw. Danach folgt die Frage „Sollen wir ein neue Welt schaffen oder unsere eigene erhalten?”- eine Formulierung, für die Greenpeace der beauftragten Werbeagentur DDB Paris bestimmt gerne einen schönen Batzen Geld bezahlt hat. Die Gegenüberstellung des Neuen, selbst Geschaffenen nicht mit Altem, sondern mit „Eigenem“ ist meisterhafte Rhetorik. Die Natur ist unser Ureigenes, unser Selbst. Die von Menschen geschaffene Technik ist der Teufel in Gestalt von Millionen nicht kontrollierbarer („Nichts kann ihnen etwas antun“) Miniaturkampfhubschraubern, die sich als harmlose und nützliche Bienen tarnen, in einer von naiven, technikgläubigen Ingenieuren, die nicht wissen, was sie tun, nur reparierten, aber darum eben nicht heilen Welt.

Der neue Spot ist Teil der Greenpeace-Bienenkampagne, die offenbar der Antiagrarindustriekampagne eine neue Note geben soll. Nicht das Wildtier ist bedroht, sondern eines der ältesten Nutztiere, also Freunde des Menschen und damit wiederum wir Menschen selbst. Pestizide und Gentechnik vergiften nicht nur uns selbst, wie Greenpeace uns seit Jahrzehnten gebetsmühlenartig predigt (ohne dass sich irgendwelche nennenswerten gesundheitlichen Risiken belegen ließen), sondern auch unsere fleißige, uralte Freundin, die Biene. Die aber spielt als Bestäuber vieler Kulturpflanzen, etwa Äpfel, Melonen oder Kaffee, eine wichtige Rolle für die Nahrungsmittelversorgung.

Doch noch sei es nicht zu spät. „Das Bienensterben kann mit ökologischen Methoden in der Landwirtschaft gelöst werden“, erfahren wir in einer Pressemitteilung [2], die uns das Ergebnis einer am 7. Mai von Greenpeace veröffentlichten Studie [3] präsentiert. Es lautet: „Der Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide – eine der Hauptursachen für das weltweite Bienensterben – ist überflüssig.“

Das kann man ein klar formuliertes Ergebnis nennen. Dennoch drängen sich zwei Fragen auf. Erstens: Sind Pestizide wirklich eine Hauptursache für das Bienenstreben? Und zweitens: Ist der Einsatz von synthetischen Pestiziden wirklich überflüssig? In der Studie nach Antworten zu suchen, scheint wenig ratsam. Denn Greenpeace bekennt freimütig, dass es sich offenbar nicht um eine wissenschaftliche „Studie“ handelt. Vielmehr ist sie „Teil einer Kampagne von Greenpeace, der unabhängigen Umweltschutzorganisation, zum Schutz von Bienen und Landwirtschaft.“ „Schutz von Bienen und Landwirtschaft“, das ist auch eine schöne Formulierung.

Nein, Pestizide sind nach gegenwärtigem Stand der Wissenschaft keineswegs eine Hauptursache des Bienensterbens. Verantwortlich sind in erster Linie sich global ausbreitende Parasiten, wie die Varroamilbe, die verschiedene Viren überträgt. Als wesentliche Faktoren, die die Anfälligkeit erhöhen,  gelten ein zu einseitiges Nahrungsangebot mit vielen Monokulturen und wenig Blumenwiesen, ungünstige Wetterbedingungen (harte Winter und feuchter Frühling) sowie ein zu harter „Arbeitseinsatz“ mit langen Reisen über Tausende von Kilometern. Zudem sind heutige Bienen überzüchtet und weisen zu wenig genetische Variabilität und damit zu wenig Widerstandsfähigkeit auf. Dominante Züchtungsziele waren über Jahrhunderte geringe Aggressivität und hohe Honigproduktion.

Ein Zusammenhang von Insektizideinsatz und Bienensterben konnte indes nicht gezeigt werden. Die sogenannten Neonicotinoide, die insbesondere zum Beizen von Saatgut genutzt werden, sind zwar giftig für Bienen. Sie werden jedoch so eingesetzt, dass die Bienen sie nicht oder nur in sehr geringen Mengen aufnehmen können.

Man kann sich also eine Reihe von sinnvollen Maßnahmen vorstellen, um die Verluste von Bienenvölkern zu reduzieren, etwa die Umrandung von Feldern mit Blühwiesenstreifen oder die Zucht von widerstandsfähigen Stämmen. Die von Greenpeace in erster Linie geforderte „schrittweise Verbannung aller chemischen Pestizide (Herbizide, Insektizide und Fungizide) in ganz Europa durch die flächendeckende Einführung der ökologischen Landwirtschaft“ gehört jedoch nicht dazu. Das ist nur die altbekannte, rückwärtsgewandte grüne Vision, vor deren Karren nun die ohnehin schon geschwächten Bienen gespannt werden.

Ausgerechnet der Gentechnikriese Monsanto hat ebenfalls einen Versuch gestartet, die Bienen zu retten. Die 2011 vom Konzern übernommene israelische Firma Beeologics hat auf Basis der sogenannten RNAi-Technologie einen Wirkstoff entwickelt, mit dem Bienen gegen das Israel Acute Paralysis Virus (IAPV) geschützt werden. [4] Das Produkt ist gerade in der Erprobung in Feldversuchen. Weitere Substanzen zum Schutz vor anderen durch die Varroamilbe übertragenen Viren sollen folgen. Greenpeace’  Kommentar dazu: „Der Agrarriese Monsanto will in die Gene der Bienen eingreifen, um den Parasiten zu töten.  Kritiker schlagen Alarm.“ [5] Das klingt ein bisschen nach der biotechnischen Variante der „New Bee“, ist aber nicht korrekt. Es geht darum, die Aktivität einzelner Gene der Varroamilben sowie der von ihnen übertragenen Viren zu reduzieren, so dass diese sterben bzw. sich nicht vermehren können.

erschienen bei NovoArgumente

Tierrechte: Lasst uns Kalb und Küken töten!

Immer mehr Menschen empfinden den Tod von Nutztieren als Missstand und fordern mitunter ein Recht auf Leben. Inzwischen wird die Diskussion absurderweise sogar auf Rinderföten und Eintagsküken ausgeweitet. Thilo Spahl fragt sich, was aus dem guten alten Tierschutz geworden ist

„Wer denkt an die Kälbchen?“, fragt Daniela Kuhr letzten Donnerstag in der Süddeutschen Zeitung auf Seite 1. [1] Sie berichtet von einem „Drama in deutschen Schlachthöfen, von dem kaum jemand weiß: Jährlich sterben Zehntausende ungeborene Kälbchen, weil trächtige Kühe geschlachtet werden.“

Als Zeuge der Anklage tritt ein Amtstierarzt auf. Er habe es schon erlebt, und zwar „nicht nur einmal“. „So einen Fötus vor sich liegen zu sehen, das geht einem an die Nieren“, sagt er. Bis zu vier Prozent der jährlich 1,2 Millionen geschlachteten Tiere seien trächtig, schätzt er. Die genaue Zahl sei aber nicht entscheidend: „Egal, wie hoch die Zahl tatsächlich ist – jedes einzelne Tier ist eines zu viel.“ Deshalb müsse endlich gehandelt werden.

Ist aber die gelieferte Begründung, der Anblick des Fötus gehe dem Tierarzt an die Nieren, ausreichend, um einen verpflichtenden Trächtigkeitstest einzuführen? Ist es für das „Lämmchen“ besser, erst nach der Geburt geschlachtet zu werden? Ist ein Lebewesen je jünger, desto unschuldiger und damit schutzwürdiger? Will uns Frau Kuhr womöglich im Tierschutzjargon ein Argument gegen Abtreibung unterjubeln – das altbekannte „Abtreibung ist Mord“, angewendet auf die Kuh?

Drama um Eintagsküken

Ein Blick aufs Geflügel zeigt, dass auch der Tod nach der Geburt von vielen als Drama empfunden wird. Hühnerrassen sind heute so gezüchtet, dass sie entweder als Legehenne sehr produktiv sind oder als Masthühner schnell Gewicht zulegen. Männlicher Nachwuchs von Legehennen ist für die Mast nicht geeignet. Die sogenannten Eintagsküken werden daher gleich nach dem Schlüpfen getötet. In Deutschland sind es rund 40-50 Millionen jährlich. Ende 2013 hat jedoch die Staatsanwaltschaft Münster entschieden, diese Praxis sei tierschutzwidrig, und das Land Nordrhein-Westfalen daraufhin ein Verbot erlassen. „Tiere sind Lebewesen und keine Abfallprodukte landwirtschaftlicher Produktionsprozesse“, sagte dazu Landwirtschaftsminister Johannes Remmel (Grüne). Sein niedersächsischer Amtskollege, Christian Meyer, ebenfalls von den Grünen, forderte im April ein bundesweites Verbot. Was bewegt die grünen Landwirtschaftsminister zu ihrem Engagement fürs Eintagsküken? Wie ist dem Tierwohl gedient, wenn die Küken statt sofort erst nach mehrwöchiger Mast sterben? Sind es gar Überlegungen zur Gleichstellung: Kükenmädchen dürfen leben, Kükenjungen (von der Tierschutzorganisation Peta als „kleine Brüder der Legehennen“ bezeichnet) müssen vorzeitig sterben? Oder werden einfach nur emotional berührende Bilder süßer kleiner Küken für die eigene agrarpolitische Agenda instrumentalisiert?

„Wie ist dem Tierwohl gedient, wenn die Küken statt sofort erst nach mehrwöchiger Mast sterben?“

Rein formal lautet das Argument, es handele sich um Tötungen von Tieren alleine aus wirtschaftlichen Gründen, ohne sie einem Nutzen zuzuführen. Dies verstoße gegen das Tierschutzgesetz. Wer einmal das Füttern der Otter im Zoo beobachtet hat, weiß jedoch, dass es für die toten Küken durchaus eine Verwendung gibt. Die Otter haben ihre Freude daran, und so ist neben wirtschaftlichem Nutzen sogar dem Tierwohl gedient. Auch einige Katzenhalter schwören auf diese artgerechte Ernährung. Bei haustierkost.de gibt es 10 Stück für 1,98 Euro [2].

Schlechtes Gewissen als Weg zum Tierschutz

Die wesentliche Motivation der „Aufklärer“ in Sachen Kuhfötus und Eintagsküken dürfte in einer generellen Ablehnung der effizienten landwirtschaftlichen Tierproduktion und/oder dem Fleischverzehr liegen. Die beachtliche züchterische Leistung, die dazu geführt hat, dass heutige Masthühner in nur fünf statt 17 Wochen schlachtreif sind und daher mit sehr viel geringerem Ressourceneinsatz erzeugt werden können, ist Agrarromantikern ein Dorn im Auge. Dabei ist es ökonomisch sehr leicht zu verstehen. Laut einem Fernsehbeitrag der NDR-Sendung Panorama wäre ein länger gemästetes Hühnchen zehn Euro teuer: „Kosten, die die Großindustrie nicht auf sich nehmen will“, erläutert die Reporterin in vorwurfsvollem Ton [3]. Soll das heißen, die „Großindustrie“ verdiene an einem Huhn, das wir für drei Euro kaufen, wundersamer Weise genug, um noch zehn Euro mehr für die Aufzucht auszugeben? Oder ist sie im Ernst der Meinung, irgendjemand sei bereit, zehn Euro mehr zu bezahlen, nur, damit das Hühnchen ein paar Wochen später einen weder besseren noch schlechteren Tod stirbt? Es geht hier ja ausdrücklich nicht darum, dass die Tiere ein besseres Leben haben, sondern nur ein längeres. Wäre die NDR-Reporterin selbst dazu bereit? Sehr wahrscheinlich nicht. Ziel der ganzen Übung ist es, uns mit Hilfe der Küken ein schlechtes Gewissen einzureden und zum Vegetarismus zu bekehren.

Mit Tierschutz hat das alles wenig zu tun. Tierschutz ist im Grunde eine einfache Angelegenheit: Es geht ums Quälen, nicht ums Töten. Wir sollten uns darum bemühen, Tiere im Leben (und beim Sterben) nicht unnötig zu quälen (was übrigens mit sogenannter artgerechter Haltung auf Biobauernhöfen auf der einen und so genannter Massentierhaltung auf der anderen Seite nur sehr bedingt zu tun hat) [4] Aber wir sollten nicht an unserem Recht zweifeln, Tiere zu töten. Tiere sind keine Menschen. Sehr viele Tiere existieren nur aus dem Grund, vom Menschen gegessen zu werden. Dafür werden sie auf die Welt gebracht und dazu werden sie zu einem geeigneten Zeitpunkt getötet. Milliarden weitere Tiere ̶  Insekten, Würmer, Schnecken, aber auch Mäuse, deren Leidensfähigkeit durchaus nicht geringer ist als die von Hühnern ̶  kommen ohne uns zur Welt und werden getötet, damit wir pflanzliche Nahrungsmittel produzieren können. Findige Fleischfreunde haben sogar berechnet, dass bei der Erzeugung der Nahrungsmittel eines Vegetariers mehr Tiere getötet werden als für Steakliebhaber, die Weidevieh verzehren [5].

Es macht absolut keinen Sinn, einzelne, irgendwie Unschuld verkörpernde Tiere herauszupicken und ihren vorzeitigen, womöglich gar vorgeburtlichen Tod als besonderes Drama unters Volk zu bringen. Solche Kampagnen sind einfach schlechte Propaganda oder bestenfalls ein missratener Versuch der Journalisten, die eigenen Gefühle auszudrücken. Einer rationalen Diskussion über Tierschutz dienen sie nicht.

erschienen bei NovoArgumente

CSR: Burger aus Ökostrom

Deutschland soll bis zum Jahr 2050 zu 80 Prozent auf Strom aus erneuerbarer Energie umsteigen. Die Deutsche Bahn hat sich bis dahin sogar 100 Prozent vorgenommen.  Die Restaurantkette McDonald‘s hat das schon 2014 geschafft. Thilo Spahl ist sehr beeindruckt.

McDonald’s hat es geschafft: Das Unternehmen hat den Anteil an Ökostrom von 25 Prozent im Jahr 2011 auf 100 Prozent in diesem Jahr gesteigert. 300 Prozent Zuwachs in nur vier Jahren! So steht es im Themenfeld „Planet“ des Nachhaltigkeitsberichts des Unternehmens. [1] Wie konnte das gelingen? Der beispielhafte Einsatz bestand wohl darin, beim Auslaufen vorhandener Stromlieferverträge den Tarif zu wechseln.

Hat das Unternehmen damit dazu beigetragen, dass die Welt besser wird? Oder wenigstens, dass weniger CO2 in die Atmosphäre gelangt? Die Antwort ist ein klares Nein. Ökostrom wird nicht deshalb produziert, weil ihn McDonald‘s oder Tante Barbara kauft, sondern weil die Erzeuger gar keine Käufer dafür suchen müssen: Sie speisen ihn zum garantierten Preis einfach ins Netz ein. Er würde auch produziert, wenn keiner einen Ökostromtarif wählen würde.

Und er wird natürlich, wenn er erst einmal im Netz ist, auch diskriminierungsfrei an alle geliefert – an die umweltbewussten Ökostromkunden, an die normalen Menschen wie Du und ich, die einfach nur ordinären Graustrom aus konventionelle Elektronen kaufen, und zur Not auch an Nachbarländer, die ihn gar nicht haben wollen. Es gibt genug davon. Nie hat man gehört, dass einem wechselwilligen Interessenten gesagt wurde, er habe sich bis zum nächsten Jahr zu gedulden, man müsse erst noch ein paar Solaranlagen aufstellen, um ihn dann beliefern zu können.

Aus Sicht von McDonald‘s und Tante Barbara ist jedoch das Praktischste: Die Mehrkosten für den teuren Strom werden auch auf alle gleichermaßen verteilt, auf die umweltbewussten Ökostromkunden und auf die normalen Menschen wie Du und ich. Würden alle Ökostromtarife Deutschlands abgeschafft, würde keine Kilowattstunde mehr oder weniger Ökostrom produziert. Gleichzeitig könnte man eine Menge Geld sparen, weil Ökostromvergleichsportale, Werbebroschüren für Ökostrom der 810 deutschen Ökostromanbieter und Plakatkampagnen der Bundesregierung nicht mehr erforderlich wären.

Nicht nur Geld könnte man sparen, sondern natürlich auch Energie. Dietlind Freiberg, Senior Director Corporate Responsibility & Environment bei McDonald’s Deutschland, müsste nicht mehr mit dem Auto jeden Morgen zu ihrem Arbeitgeber fahren, sondern könnte bestimmt mindestens einen Tag pro Woche zuhause bleiben. Die kleinen Halogenspots zur Beleuchtung der eingerahmten Lieferurkunden [2] für 100 Prozent Ökostrom in den McDonald’s-Restaurants könnten entfallen. Und beim aufwändigen Lebensstil des Wirtschaftsprüfers, der McDonald’s nach gründlicher Begutachtung bescheinigt, dass es wirklich 100 Prozent als Ökostrom deklarierten Strom bezieht, könnten ebenfalls klimaschonende Abstriche gemacht werden.

Wenn wir uns zu noch mehr Verzicht durchringen wollen, wäre es auch wunderbar, auf die McDonald’s-Apps zur Bewusstseinserweiterung der Kunden namens McMission zu verzichten, mit denen das Unternehmen seinen „Gästen zentrale Nachhaltigkeitsaspekte spielerisch näherbringen“ möchte:

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Eizellen einfrieren: Soziale Kälte?

Wenn Apple und Facebook Mitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen (Social Freezing) bezahlen, ist das nicht Ausdruck von Allmachtsphantasien der Firmen, findet Thilo Spahl. Auch bedeutet das keine Absage an das Ideal der Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Ab Mitte 30 sinken die Chancen, auf natürliche Weise ein Kind zu bekommen. Frauen, die aus welchen Gründen auch immer, die Option auf ein eigenes Kind bewahren wollen, haben seit einiger Zeit die Möglichkeit, eigene, junge Eizellen einfrieren zu lassen, um sie ggf. zu einem späteren Zeitpunkt künstlich befruchten zu lassen und erst in fortgeschrittenem Alter Mutter zu werden. Wenn sie einen Job bei Facebook oder Apple haben, übernimmt nun die Firma die Kosten dafür. In Deutschland ernteten die Unternehmen dafür viel Empörung.

Anna Reimann spricht auf Spiegel Online von einem „verlogenen Angebot“. Sie unterstellt den Unternehmen, ihre Mitarbeiterinnen zu ermuntern, den Kinderwunsch zu verschieben. Das sei pervers. Letztlich sendeten sie so das „verheerende Signal“ aus, dass sie keine Frauen mit Kindern wollen. [1] DGB-Vize Elke Hannack kommentiert das Angebot mit dem beliebten Empörungsdiktum “Geht’s noch?”  und sagt, die Konzerne würden den Frauen „vorgaukeln“, die Entscheidung für oder gegen ein Kind „könne auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben werden.” [2]

Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger kritisiert das „Ziel der arbeitsmarkttechnischen und ökonomischen Maximierung der Gewinne“ und fordert, die Gesellschaft müsse Frauen „einen Zeitpunkt zur Geburt eines Kindes ermöglichen, an dem die Natur das auch vorgesehen hat.“ [3] Für den familienpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Markus Weinberg, handelt es sich um ein „unmoralisches Angebot“, das „gesellschaftspolitisch fatal“ sei. Die frauenpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Ulle Schauws, findet es „sehr schräg.” [4] Und Reinhard Müller fragt in der F.A.Z.: „Warum nicht gleich aus den Organen verdienter Mitarbeiter ein Ersatzteillager machen?“ [5]

Was ist die Ursache für die allgemeine Empörung? Zwei Motive für die harsche Kritik werden selten ausgesprochen: die Vorstellung, späte Mutterschaft sei unnatürlich und unverantwortlich, und der Vorbehalt gegenüber Menschen und insbesondere Frauen, die ihr Leben (und ihre Seelen) für üppige Gehälter an ungeliebte „Großkotzkonzerne“ [6] verkaufen.

Alissia Passia spricht im Onlinemagazin European aus, was viele denken: „Was die beiden Markenbonzen nicht auf dem Schirm haben, dass Mami mit 70 eventuell damit Schwierigkeiten haben könnte, mit Klein-Julia mitzuhalten, die gerade mal aus dem Gröbsten raus ist.“ Wir lernen: Nur junge Mütter sind gute Mütter. Späte Mütter sind ein Risiko für ihre Kinder und Opfer sozialen Drucks bzw. der Vorgaukelungs- und Verführungskünste der Facebook-Chefin Sheryl Sandberg, die ̶  selbst Mutter zweier Kinder ̶  gerne davon spricht, Frauen sollten den Fuß auf dem Gaspedal lassen.

Die Unterstellung, es handele sich um eine miese Strategie, um Frauen optimal auszubeuten und um ihren Nachwuchs zu betrügen, ist falsch. Was hier passiert, ist etwas anderes. Die US Technologiekonzerne neuen Typs wollen einfach dadurch glänzen, alles zu bieten, was man bieten kann: die Kosten für das Einfrieren von Eizellen oder das Fitnessstudio, aber auch bezahlte Elternzeit, Adoptionsgebühren, 5000 Dollar in Cash zur Geburt eines Kindes und die Rundumversorgung im luxuriösen Firmenkindergarten. Es wird für Eltern ebenso gesorgt wie für Nichteltern, für Heteros ebenso wie für Homos. Um klarzustellen, dass man nichts gegen Transsexuelle hat, werden im Zweifelsfall auch die Kosten für eine Geschlechtsumwandlung übernommen.

Warum umwerben die Googles dieser Welt gerade Frauen mit allem, was diese wünschen könnten? Der Grund ist sehr einfach: Es lastet ein erheblicher Druck auf ihnen, etwas gegen die niedrige Frauenquote zu tun, die zumindest als imagegefährdend, oft auch als unsozial wahrgenommen und hingestellt wird. Deshalb wird das Arsenal der Sozialleistungen bis zu Instrumenten ausgedehnt, die dort für Empörung sorgen, wo einer Abweichung von der Norm der Mutterschaft im besten Gebäralter, wahlweise mit oder ohne gleichzeitiger beruflicher Karriere, mit großer Skepsis begegnet wird. Im Stern ist von einem „Sozialleistungs-Rüstungswettlauf“ die Rede. [7] Sozialleistungen werden anscheinend zur Bedrohung für die Gesellschaft, wenn sie Frauen ermöglichen, sich zur Unzeit ganz auf die Karriere zu konzentrieren. Dies wird offenbar ausschließlich als Wunsch des Arbeitgebers betrachtet, nicht als Wunsch der Frau, die sich bewusst für einen arbeitsintensiven Job bei einem ‚Top-Arbeitgeber‘ entschieden hat.

Wir sollten die US-Techfirmen nicht mystifizieren und verteufeln, sondern als das nehmen, was sie sind: sehr schnell sehr erfolgreich gewordene Unternehmen, die eine Menge Geld und einen Hang zu einer ausgeprägten Firmenkultur haben, deren Stern aber auch wieder sinken kann. Die Konzerne haben das Social Freezing nicht erfunden.

Dass immer mehr Frauen, die früher entweder in jüngeren Jahren oder aber gar keine Kinder bekommen hätten, sich die Option auf Nachwuchs erhalten wollen, hat vielfältige Gründe. Einer davon ist, dass es ziemlich schwer ist, mit Kind Karriere zu machen. Diesen Wunsch gilt es dennoch zu respektieren. Er ist nicht widernatürlich und die Frauen sind nicht einfach Opfer der finanziellen Verführungen ihrer Arbeitgeber oder verblendete Karrieristinnen. Nein, Facebook wird nicht die Weltherrschaft übernehmen und auch nicht für das Verschwinden junger Mütter sorgen.

Erschienen bei The European

Afrika: Keine Kohle mehr für Kohle

Beim Klimagipfel in New York hat Umweltministerin Barbara Hendricks die Absicht der Bundesregierung bekräftigt, den Bau von Kohlekraftwerken in Afrika nicht mehr zu fördern. Sie offenbart damit das antihumane Denken der Klimarettergemeinde, findet Thilo Spahl.

Fast drei Milliarden Menschen weltweit kochen noch auf offenem Feuer. Sie verbrennen Holz, Kuhfladen oder Holzkohle. 4,3 Millionen sterben jährlich an den Folgen der Schadstoffbelastung durch diese Art der Energienutzung.

Der Pro-Kopf Verbrauch an Energie der einen Milliarde Menschen, die südlich der Sahara leben, beträgt 124 Kilowattstunden im Jahr. In Deutschland sind es rund 7500. Hätten wir genauso wenig, könnten wir nur 24 Minuten am Tag ein Leben führen, wie wir es gewohnt sind, den Rest der Zeit müssten wir ohne Strom, Warmwasser, Licht, Computer, usw. auskommen. Wieviel mühsamer und komplizierter und unproduktiver ein solches Leben zwangsläufig ist, kann man sich kaum vorstellen. Dabei sind rund zwei Drittel der Stromerzeugungskapazitäten in Südafrika konzentriert. Der Großteil der Menschen auf dem Kontinent liegt also sogar noch weit unter dem Durchschnittswert.

Laut Bundesumweltministerin Barbara Hendricks soll sich daran lieber langsam als schnell etwas ändern. „Da die Weltgemeinschaft bis Mitte des Jahrhunderts auf den Einsatz von Kohle- oder Gaskraftwerken verzichten müsse, werde Deutschland auch keine Finanzierung von Kohlekraftwerken in Schwellen- und Entwicklungsländern mehr fördern“, gab sie bekannt. [1] Sie ist der Auffassung, damit einen Beitrag zum dauerhaften Frieden auf der Welt zu leisten, den sie durch den Klimawandel bedroht sieht.

Frau Hendricks ist sicher nicht die Einzige, die billige Energie für Afrika ablehnt. Viele Menschen halten eine moderne Stromversorgung auf westlichem Niveau für die armen Teile der Welt für ebenso unerreichbar wie unangemessen. Billige und sicher verfügbare Energie ist aber die Basis von allem. Sie erleichtert jedwede menschliche Aktivität: Bildung, Gesundheitsversorgung, Transport, Lebensmittelerzeugung, Wasserversorgung, Produktion, usw. Knappe, unzuverlässige und teure Energie macht alles schwer und ist damit der mit Abstand schlimmste Hemmschuh für die Entwicklung armer Länder.

Laut IEA müssten rund 300 Milliarden Dollar investiert werden, um bis 2030 den allgemeinen Zugang zu Elektrizität in Afrika aufzubauen. Das ist deutlich weniger Geld als Deutschland für die Ökostromumlage ausgibt. Der Nutzen für die Menschheit wäre aber unvergleichlich viel größer.

Wenn man Kapazitäten schnell aufbauen will, ist das Mittel der Wahl vorhandene Technik für kostengünstige Energieerzeugung, sprich Kohle- und Gaskraftwerke. Afrika hat größere Gasvorkommen als die USA, fördert aber nur ein Viertel so viel, wovon das meiste exportiert wird. Nach einer Schätzung des Center for Global Development kann mit Investitionen von 10 Milliarden US-Dollar in erneuerbare Energien eine Elektrizitätsversorgung für 30 Millionen Menschen aufgebaut werden. Der gleiche Betrag in Gaskraftwerke investiert würde jedoch 90 Millionen Menschen Zugang zu Elektrizität ermöglichen. [2]

Wir sollten uns dafür einsetzen, dass in Afrika nicht weniger, sondern mehr Energie erzeugt und verbraucht wird. Es geht nicht um Solarpavillons für Dörfer, sondern um eine leistungsfähige Versorgung, bei der in jedem Haushalt, nicht anders als bei uns, der Strom schlicht aus der Steckdose kommt. Wenn deutsche Klimaretter davon überzeugt sind, eine Niedrigenergiewelt sei eine bessere Welt, dann können sie gerne bei sich selbst anfangen, aber nicht bei den Ärmsten der Armen.

erschienen bei NovoArgumente

Greenpeace: „Der humanitäre Anspruch war weg, also ging ich.“

Interview mit Patrick Moore

Patrick Moore war einer der Gründer von Greenpeace. Heute sieht er die Organisation als großes Problem und setzt sich für die Zulassung des gentechnisch veränderten Goldenen Reises ein. Novo-Wissenschaftsressortleiter Thilo Spahl hat mit ihm gesprochen.

Thilo Spahl: Vor 40 Jahren haben Sie Greenpeace gegründet, heute bekämpfen Sie Greenpeace. Was ist in der Zwischenzeit schief gegangen, wann und warum?

Patrick Moore: Vieles ist schiefgelaufen über die Jahre. Zusammengefasst: Als Greenpeace anfing, und ich mit Greenpeace, ging es nicht nur um die Umwelt, sondern auch um die Menschen. „Green“ stand für die Umwelt und „Peace“ für das Ziel, die Gefahr eines Atomkriegs aus der Welt zu schaffen. Im Lauf der Jahre driftete Greenpeace dann dorthin, wo die Organisation heute und seit Langem steht. Sie charakterisieren heute den Menschen im Grunde als Feind der Erde. Das ist ein ganz anderer Ansatz und keiner, mit dem ich noch zu tun haben möchte. Menschen sind Teil der Erde. Wir sind mit unseren großen Gehirnen und unserer Technologie einzigartig unter den Lebewesen. Wir haben eine große Verantwortung, untereinander und gegenüber der Umwelt. Und wir nehmen sie auch wahr. Es gibt das Element des Eigeninteresses. Wenn wir Umwelt zerstören, können wir sie nicht mehr nutzen. Es gibt aber auch die Liebe zur Natur, die die Menschen verspüren.

Ich hatte das Glück in der unberührten Natur der Urwälder im Norden von Vancouver Island zur Welt zu kommen. Meine große Naturverbundenheit hat mich dazu geführt, Ende der 1960er-Jahre Ökologie zu studieren. 1971 schloss ich mich dem „Don’t Make a Wave Committee“ an, um gegen die Atombombentests in Alaska zu protestieren. Da ich praktisch auf Booten aufgewachsen bin, hatte ich gute Voraussetzungen für diese frühen Aktionen, die wir in einer kleinen Gruppe durchführten. Die ersten beiden Kampagnen waren gegen Atombombenversuche und der ganze Fokus war gegen Krieg. Wir nannten unser Boot damals Greenpeace. 1972 übertrugen wir den Namen auf die Organisation: die Greenpeace Foundation. Es gab damals zwei Fraktionen bei Greenpeace: die Peaceniks und die Ecofreaks. Als wir die Rettet die Wale-Kampagne starteten, fragten die Peacenik Leute: Was soll das denn? Mit den Kampagnen zur Rettung der Wale und gegen das Abschlachten von Robbenbabies haben wir uns vom Blick auf den Menschen entfernt und ganz auf Ökothemen konzentriert. Das war wahrscheinlich die entscheidende Wende für Greenpeace hin zu einer rein umweltzentrierten Ausrichtung. Die wäre okay, wenn sie rational begründet und konstruktiv wäre. Das Gegenteil ist aber der Fall.

In den 1970er-Jahren wuchs Greenpeace zunächst schnell und ungeordnet. Es wurden überall mehr oder weniger autonome Greenpeace Büros eröffnet, da der Name nicht geschützt war. Damit nicht alles außer Kontrolle gerät, haben wir 1979 Greenpeace International gegründet, wo ich einer der Direktoren war – der einzige mit einer wissenschaftlichen Ausbildung.  Die Zentrale wurde von Vancouver nach Amsterdam verlegt, da es in Europa am meisten Geld zu holen gab. Mittlerweile fanden wir Zustimmung bei der Mehrheit der Menschen: Atomare Abrüstung, Wale retten, Giftmüll kontrollieren – das alles war Mitte der 1980er nicht mehr kontrovers. Greenpeace wurde etabliert, einflussreich und reich.

Was hat das für die inhaltliche Ausrichtung bedeutet?

Die Aktivisten hatten nur eine Chance, die konfrontative Anti-Establishment-Haltung, die zu ihrem Selbstverständnis gehörte, zu bewahren: Sie mussten immer extremer werden. So wurde schließlich jeder Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und Logik aufgegeben, um Null-Toleranz-Kampagnen fahren zu können. Gentechnik und Atomkraft wurden die Paradethemen für einseitige kompromisslose Verteufelung und die Forderung nach Totalverboten. Gleichzeitig endete der Kalte Krieg, und die Friedensbewegung verlor ihren Inhalt. Die Friedensbewegung war im Grunde eine linksgerichtete, antiamerikanische Bewegung. Ich war Teil der Friedensbewegung, aber nie ausgesprochen links. Ich war links in Hinblick auf individuelle Freiheit und rechts in Hinblick auf wirtschaftliches Wachstum. Der Umweltschutz lässt sich da nicht einordnen, den verorte ich zwischen den Lagern. Ich glaube, der Verzicht auf wissenschaftlich begründbare Forderungen, kombiniert mit einer linken, antiamerikanischen und antimarktwirtschaftlichen Einstellung führte die Umweltbewegung in die ideologische Sackgasse, in der sie heute steckt.
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Freihandel: Angst vor Chlorhühnchen

USA und EU verhandeln seit Mitte 2013 über ein Abkommen zum Abbau von Handelsbarrieren, die so genannte Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP). Auch wenn es sich häufig so anhört, bedeutet dies nicht den Untergang des Abendlandes.

Auf der Kampagnenseite campact.de stellt sich die Sache ganz einfach dar: Unter der Überschrift „Keine Geschenke für Monsanto, BASF & Co.“  erfahren wir: „Das TTIP-Handelsabkommen soll Konzernen Profite durch Fracking, Chlorhühner, Gen-Essen und laxen Datenschutz erleichtern – und es bedroht Europas Demokratie. Auf diesen Deal lassen wir uns nicht ein.“ [1] Das leuchtet offenbar vielen Mitbürgern sofort ein. Bis Anfang April haben sich schon fast 500.000 vom mitgelieferten „5 Minuten Info“ überzeugen lassen und die Onlinepetition unterzeichnet.

Von den Kritikern wird die öffentliche Debatte als Kulturkampf inszeniert. In der taz wird in der Überschrift „Chlorfleisch statt Biohähnchen“ [2] in aller Kürze auf den Punkt gebracht, was zu drohen scheint, wenn man sich auf solche Verhandlungen mit Amerika einlässt. Illustriert ist der Artikel mit Fotos von übergewichtigen, fahnenschwenkenden US-Bürgern. Es geht darum, die gefühlte Bürgerherrschaft und Ökoromantik in Europa gegen die gefühlte Konzernherrschaft und Technikgläubigkeit in den USA zu verteidigen.

Der eigentliche Gegenstand der TTIP-Verhandlungen, die wohl noch Jahre brauchen werden, ist weniger spektakulär. Neben dem Abbau relativ weniger, noch verbliebener Zölle wird vor allem die Angleichung von Regeln und Standards oder die gegenseitige Anerkennung der jeweiligen Regulierungen als gleichwertig angestrebt. Ziel ist es, dass Unternehmen ihre Produkte in den Mitgliedstaaten des Abkommens genauso einfach verkaufen können wie in ihren Heimatländern.

Am ominösen Chlorhühnchen kann man verdeutlichen, worum es bei der gegenseitigen Anerkennung verschiedener Verfahren geht. Sowohl die USA als auch die EU achten aus guten Gründen darauf, dass Fleisch, das in den Handel kommt, nicht mit gefährlichen Bakterien belastet ist. In den USA wird dies unter anderem dadurch erreicht, dass Geflügel mit antimikrobiell wirkendem Chlordioxid behandelt wird, das bei Kontakt mit Lebensmitteln zu harmlosen Chlorid-Ionen zerfällt. In der EU sind für Fleisch grundsätzliche keine Dekontaminationsmethoden zugelassen.

Seit 1997 ist die Einfuhr von Geflügel, das mit Chlordioxid behandelt wurde, in die EU verboten, 2009 haben die USA dagegen geklagt, da weder die EU-Kommission noch die Mitgliedsstaaten eine auf wissenschaftliche Erkenntnisse gestützte Begründung für das Verbot vorgelegt hatten. Tatsächlich kam auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit efsa 2005 in einem Gutachten zu dem Schluss, dass Chlordioxid und drei andere untersuchte Substanzen unter den vorgeschlagenen Anwendungsbedingungen keinen Anlass zu Sicherheitsbedenken geben. [3] Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung lehnt die chemische Dekontaminierung in einer Stellungnahme von 2006 mit Verweis auf weit über 100.000 Erkrankungen durch Salmonellen und Campylobacter nicht ab. [4] Es ist verständlich, dass die US-Geflügelindustrie hier eine protektionistische Maßnahme sieht und die USA versuchen, diese Handelsbarriere loszuwerden.

Bezeichnend ist, dass Ilse Aigner, als sie noch Landwirtschaftsministerin war, die Ablehnung damit begründete, dass sie gegen die „Einfuhr von kontaminierten Geflügel“ sei. [5] Sie war offenbar der Auffassung, dass die Hühnchen durch die Dekontamination kontaminiert wurden. Fürchtet sie sich auch in der Arztpraxis, durch das Desinfektionsmittel infiziert zu werden? Sicher nicht. Sie teilt wahrscheinlich nur mit vielen anderen Europäern eine intuitive Abwehr gegen jede chemische Behandlung von Lebensmitteln und mutete sich nicht zu, lange darüber nachzudenken, was sie sagt, da sie sich der Zustimmung der Mehrheit sicher sein konnte.

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Saharastaub und Nanoangst

Zurzeit haben unsere Lungen wieder ganz schön etwas zu verarbeiten. Die Luft ist voller Partikel im Mikro- und Nanobereich. Ganz Europa wird regelmäßig von riesigen Staubwolken aus der Sahara heimgesucht, die die Feinstaubwerte nach oben treiben. Der Staub besteht vornehmlich aus Mischoxiden der Elemente Silizium, Aluminium, Titan, Eisen, Kalium und Kalzium.

Auch der Mensch produziert schon sehr viel länger, als es Nanotechnologie gibt, kleinste Partikel, vor allem durch Verbrennung von Holz, Kohle, Benzin und natürlich auch Tabak. Gerade im Frühjahr kommt noch die Landwirtschaft dazu. Seit Anfang Februar dürfen die Landwirte die Gülle, die sich über den Winter angesammelt hat, auf den Äckern und Wiesen ausbringen. Dabei wird Ammoniak (NH3) freigesetzt, aus dem sich in der Atmosphäre Feinstaub bildet.

Nanopartikel sind also nichts Neues. Wir atmen sie schon immer mit jedem Atemzug ein. In einem Liter Luft befinden sich 5 bis 10 Millionen Teilchen, die kleiner sind als 100 Nanometer. Von den Schwebstoffen in der Luft sind etwa 90 Prozent natürlichen Ursprungs, 10 Prozent von menschlicher Aktivität herrührend und 0 Prozent Produkte der Nanotechnologie. Selbst das High-Tech-Material der Kohlenstoffnanoröhrchen, das wir erst seit Kurzem industriell herstellen können, entsteht offenbar auch unabsichtlich als Nebenprodukt der Dieselverbrennung und ist daher schon seit langem in unserer Atemluft enthalten.

Die größte Quelle von Nanopartikeln sind tatsächlich Staubstürme. Rund 50 Prozent der Schwebstoffe in der Luft stammen aus der Sahara, der Wüste Gobi und anderen Gegenden mit starker Winderosion. Sie stellen insbesondere für empfindliche Menschen, etwa mit Asthma, eine Belastung dar. Dabei spielt auch die Zusammensetzung der Stäube eine Rolle. Ein hoher Anteil von Eisen oder anderen Metallen ist für das Lungengewebe problematischer als ein geringer. Hinzu kommen Partikel vulkanischen Ursprungs sowie von Waldbränden und auch Salzkristalle mit einer Größe ab 100 Nanometern. Letztere scheinen jedoch eher gesundheitsförderlich als schädlich zu sein. Deshalb schickt man Asthmatiker gerne ans Meer zur Kur oder auch untertage in Salzstöcke.

Auch viele Organismen sind kleiner als ein Millionstel Meter (1000 Nanometer). Viren bewegen sich im Bereich zwischen 10 und 400 Nanometer, Bakterien zwischen 30 und 7000. Einige von ihnen stellen als Krankheitserreger eine besondere Gefahr für Menschen dar und sind ein wesentlicher Grund dafür, dass im Laufe der Evolution alle Lebewesen sehr effektive Barrieren gegen das Eindringen auch sehr kleiner Objekte gebildet haben. In anderer Hinsicht sind sie harmloser, weil sehr viel unbeständiger. Sie lösen sich im Gegensatz zu den Teilchen, die wir als Nanopartikel bezeichnen, schnell auf.

Menschengemachte Partikel

Unter den von Menschen gemachten Nanopartikeln verdienen die in Innenräumen erzeugten besondere Beachtung, denn sie tragen in höherem Maße zur gesundheitlichen Belastung bei als die durch industrielle Produktion und Straßenverkehr verursachte Luftverschmutzung, zumal die meisten Menschen sich etwa 80 Prozent der Zeit in Gebäuden aufhalten. Kochen, Putzen, Kerzen- und Kaminfeuer sowie Zigarettenrauch sind die Hauptverursacher dieser Partikel. Aber auch Textilfasern oder Exkremente von Milben, die für die sogenannte Hausstauballergie verantwortlich sind.

Das grundsätzliche Problem von Nanopartikeln ist, dass sie leichter in den Körper gelangen und dort über Blut- und Lymphbahnen prinzipiell in alle Organe vor- und in einzelne Zellen eindringen können. Sie können so zur Entstehung einer Vielzahl von Krankheiten beitragen. Generell sind kleinere Partikel gefährlicher als größere, Haupteinfallstor ist die Lunge. Deshalb ist es ratsam die Belastung der Atemluft möglichst gering zu halten. Da ein Großteil der Partikel aus natürlichen Quellen stammt, sind die Möglichkeiten hierzu jedoch begrenzt.

Von Menschen absichtlich hergestellte Nanopartikel stellen also im Vergleich zu den natürlichen und den seit Jahrtausenden durch menschliche Tätigkeit unbeabsichtigt entstehenden eine geringe Menge dar. Unsere Körper verfügen generell über eine Vielzahl von Abwehrmechanismen, um damit umzugehen. Ebenso wie die natürlichen sind sie nicht per se gefährlich oder ungefährlich. Manche sind giftig, andere harmlos und manche sogar gesundheitsförderlich.

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Informationelle Selbstbestimmung im Reich der Genetik

Im Falle des US-Unternehmens 23andMe kommt einiges zusammen, weshalb es derzeit häufiger in den Medien ist: die Aufforderung der amerikanischen Zulassungsbehörde den Verkauf der Gentests einzustellen, ein Patent auf Designerbabies und die, auf eine Scheidung zulaufende, Ehe der 23andMe-Chefin Anne Wojcicki und des Google Gründers Sergey Brin. Wir sind gefordert, uns Gedanken zu machen, welcher der drei Tatbestände der brisanteste ist.

23andMes Geschäft ist Genomanalyse. Was die Firma bietet, wurde zunächst als Lifestyle-Angebot präsentiert. Die 23 im Firmenname steht für die 23 Chromosomenpaare des Menschen. Zu diesen kann der Kunde gewissermaßen ein persönlicheres Verhältnis aufbauen, indem man für ihn ein wenig darin liest: Selbstfindung auf biologischer Ebene mit Hightech-Appeal. Das erschien vielen ziemlich cool, als 23andMe 2007 auf den Markt ging und man auf Spit-Parties [1] gemeinsam in Röhrchen spuckte, um diese dann ins Labor zu schicken. Über 500.000 Menschen haben seitdem die Tests durchführen lassen, deren Preis von anfänglich 999 Dollar auf heute 99 Dollar gesunken ist.

Auch im Weiteren bewegte sich 23andMe im Grenzbereich zwischen Lifestyle und Medizin, stellte aber immer mehr den Wert der Produkte für die gesundheitliche Prävention heraus. Dem Kunden wird in Aussicht gestellt, mit den genetischen Informationen die eigene Gesundheit managen zu können. Das Unternehmen selbst sieht sich als Wegbereiter einer Revolution in der Medizin.

Mitte 2012 trat 23andMe in den Dialog mit der Food and Drug Administration (FDA), um eine Zulassung anzustreben. Denn laut FDA ist alles, das dazu dient, Krankheiten zu behandeln, zu diagnostizieren oder zu vermeiden, ein Medizinprodukt und damit der behördlichen Zulassungspflicht unterworfen. Seit Mai 2013 schien die Firma das Ziel aber aufgegeben zu haben, meldete sich nicht mehr bei der FDA und startete stattdessen eine große Werbekampagne. Die FDA sagte nichts, wartete die Deadline ab, die es dem Unternehmen gegeben hatte, um notwendige Studien beizubringen, und schickte dann am 22. November einen Brief [2], in dem sie Anne Wojcicki aufforderte, den Vertrieb des Personal Genome Service (PGS) unverzüglich einzustellen. Schließlich hatte sie dem Unternehmen die Chance und die Zeit gegeben, zu liefern.

Nach dem Schuss vor den Bug hat 23andMe Anfang Dezember entschieden, zwar weiter Tests anzubieten, aber keine gesundheitsbezogenen Auswertungen, etwa über das Krebsrisiko, Erbleiden oder Unverträglichkeiten mehr zu liefern. Die Nachfrage dürfte drastisch einbrechen. Nun versucht man, schnell nachzuarbeiten und der FDA Belege für Zuverlässigkeit und Nutzen der Tests zu liefern.

Im Brief der FDA kann man nachlesen, wo diese das Problem sieht: in der Überforderung der Nutzer. Diese könnten bei fehlerhaften Ergebnissen fatalerweise auf eigene Faust und ohne Konsultation eines Arztes entscheiden, sich die Brust amputieren zu lassen, die Dosis ihrer blutverdünnenden Medikamente ändern oder aber sich in falscher Sicherheit wähnen, wenn sie tatsächlich von einer schweren Krankheit bedroht sind. Möglich wäre das. Die Frage ist aber: Ist es besser, erwachsenen Menschen zuzumuten, und auch zuzutrauen, den Rat ernst zu nehmen, die Ergebnisse mit einem Arzt zu besprechen, bevor sie Konsequenzen ziehen, die mit einem gewissen Risiko verbunden sind? Oder muss man sie vor Ihrer eigenen Unbedachtheit schützen und ihnen damit die entsprechende Urteilsfähigkeit absprechen? Die zweite Sichtweise mag im Einzelfall vor Fehlentscheidungen bewahren, sie befördert aber eine Kultur der Unmündigkeit, die letztlich viel mehr Schaden anrichtet. Wir kommen nicht darum herum, uns auf den Umgang mit solchen Daten vorzubereiten. Man muss Menschen zugestehen, auf freiwilliger Basis, unvollständiges Wissen über die eigenen Gene zu erwerben und auf eigene Verantwortung damit umzugehen.

Zweites Thema: Das Designerbaby. Im September erhielt 23andMe ein Patent auf ein Verfahren zur „Keimzellspenderauswahl basierend auf genetischen Berechnungen“. [3] Dieses sieht vor, genetische Informationen von Samenspendern oder Eizellspenderinnen zu erheben, um entsprechend den Wünschen der Empfängerin eine Auswahl treffen zu können. Die Patentschrift [4] enthält Anwendungsbeispiele, die man irgendwo zwischen absurd und knifflig einsortieren kann, beispielsweise einen Fragebogen, der einen vor die Wahl stellt, ob man für sein Kind maximale Lebenserwartung, minimale Gesundheitskosten oder geringste Krankenhausaufenthaltsdauer bevorzugt. In beispielhaft angeführten Auswertungen sieht man, wie hoch die Wahrscheinlichkeit bei einem bestimmten Spender ist, ein Kind zu bekommen, das bei Alkoholkonsum eine rote Birne kriegt (Alkohol Flush) oder ein guter Sprinter sein wird. 23andMe beteuert, dass die Firma nicht plane, in Zusammenarbeit mit Kinderwunschkliniken einen entsprechenden Service anzubieten. Vielmehr diene das Patent nur dem Schutz eines Produkts, das schon seit vier Jahren im Angebot ist: der Family Traits Inheritance Calculator. Dieser ermöglicht es Paaren, Voraussagen über Eigenschaften des geplanten Nachwuchses zu ermitteln. Es sei „eine lustige Möglichkeit, herauszufinden, welche Augenfarbe ihr Kind haben könnte, oder ob das Kind bitter schmecken kann oder eine Milchzuckerunverträglichkeit hat“, erfährt man auf einem Websiteeintrag [5] zu dem Patent. Doch sollte und wird man es wirklich bei dieser Spielerei belassen? In der Tat gäbe es durchaus sinnvolle Anwendungen, die über die Unterhaltung der Eltern hinausgehen würden. Nehmen wir an, eine Frau ist Trägerin einer bestimmten Genvariante für eine Erbkrankheit. Sie kann oder will – aus welchen Gründen auch immer – nicht mit einem Lebenspartner zusammen ein Kind bekommen. Sie lässt sich also in einer Kinderwunschklinik mit Samenzellen eines Spenders befruchten. Warum soll sie bei der Auswahl des Spenders gerade jene Information nicht berücksichtigen, die darüber entscheidet, ob das Kind eine schwere Krankheit erben wird? Viele Menschen würden das als legitimes Interesse betrachten. Es ist übertrieben, hier gleich von Designerbabies zu sprechen und eine Welt heraufdämmern zu sehen, in denen Babies wie Produkte maßgefertigt und gekauft werden. Eine solche Gesellschaft entsteht nicht dadurch, dass ein Patent erteilt wird oder eine sehr kleine Gruppe von Menschen bestimmte Dienstleistungen in Anspruch nimmt. Es ist umgekehrt so, dass eine Nachfrage erst dann entsteht, wenn die Gesellschaft sich weit von dem weg entwickelt hat, was wir bisher für selbstverständlich erachten, und in der insbesondere die Institution der Familie eine Umwertung erfahren hätte.

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