Grüne Neue Welt – Warum einfarbiger Fortschritt nicht genug ist.

„I don’t accept second place for the United States of America. I want us to be first in wind power, first in solar power, and I want us to be first when it comes to biodiesel.“ (Barack Obama, April 2010) (1)

Es gibt Grüne, die in den 80er-Jahren hängen geblieben sind. Es sind die Jute-statt-Plastik-Grünen, die, zwar längst mit Funktionswäsche ausgestattet, festgetretenen Outdoor-Pfaden folgen, sich aber im Grunde das Weltbild dieser für viele prägenden Gründerzeit der Umweltbewegung bewahrt haben. Sie pflegen es in einigermaßen behaglichen gesellschaftlichen Biotopen, in denen manche sich sehr wohl fühlen, andere vielleicht auch etwas unter der selbst gewählten Entkopplung von der realen Welt leiden. Sie sind weder der Technik noch der Wirtschaft zugetan. Sie kennen ihre Feinde.

Es gibt aber auch Grüne, an denen die letzten 30 Jahre nicht spurlos vorbeigegangen sind, die vielfach auch erst später ergrünt sind, sich teilweise dem grünen Lager gar nicht zugehörig fühlen und sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie einen starken Gestaltungswillen zeigen. Sie wollen die Welt nach ihrer Vorstellung neu erschaffen und folgen dabei dem bei Henry Ford entlehnten Motto: You can have it any color you like, as long as it’s green. Wie sollen wir den zweiten, moderneren Typus von Grünen nennen, der uns Technik, Wirtschaft, Wachstum, Fortschritt erlauben will, solange sie grün sind? Neogrüne, Technogrüne? Vielleicht lieber gar nicht „Grüne“, um zu verdeutlichen, dass sie nicht unmittelbar mit der grünen Partei zu tun haben? Neoöks? Ökotechies? Der passende Begriff wird sich finden. Ich nenne sie vorläufig Ökoingenieure.

Dem Ingeniör ist nichts zu schwör

Dr. Erika Fuchs’ Kurzcharakterisierung der von Daniel Düsentrieb perfekt verkörperten Geisteshaltung des Ingenieurs, derzufolge keine Herausforderung zu groß sei, als dass nicht eine Lösung gefunden werden könne, scheint auch auf Ökoingenieure zuzutreffen. 100 Prozent erneuerbare Energien im Deutschland des Jahres 2050 – kein Problem! Kein Problem zumindest, eine Studie zu verfassen, die die Machbarkeit belegt. Es gibt indes fließende Übergänge zwischen dem Typus des Jute-statt-Plastik-Grünen und dem des Ökoingenieurs. Der Ökoingenieur ist innovationsfreundlich, und das ist ihm hoch anzurechnen. Er sieht, dass die technischen Möglichkeiten längst nicht ausgereizt sind. Er neigt aber dazu, das Vertrauen in Innovationskraft und Verbesserungsfähigkeit auf „grüne“ Technik zu begrenzen, und pflegt eine Kategorisierung, die andere Bereiche in pejorativer bis denunziatorischer Weise ausklammert und mit negativen Bezeichnungen belegt: Risikotechnik, Großtechnik, Agrotechnik. Ebenso wird die Wirtschaft in Gut und Böse geschieden. Hier scheint das Motto zu gelten: je größer, desto gemeiner; je kleiner, desto sympathischer. Regional vertriebene Solarzellen aus der örtlichen Manufaktur sind jedoch zu schön, um wahr zu sein. Das erkennt auch der Ökoingenieur und hat daher den altbeliebten Lokalismus über Bord geworfen. Aus seiner Sicht reicht es nicht, selbst einen ökologisch korrekten Alltag zu pflegen. Im Angesicht der drohenden Katastrophe ist nichts Geringeres erforderlich als ein Umsteuern der Menschheit.

Die Krise als Chance

Man wird sich kaum wundern, dass die Finanzkrise der letzten Jahre viele Menschen dazu ermutigte, ein Umdenken und einen Neuanfang zu fordern. Das ist gut. Nichts ist erfreulicher als Offenheit für Veränderung. Wenn wir es denn wirklich damit zu tun hätten! Es ist ebenso nicht verwunderlich, dass dabei die manifeste, unzweifelhafte Finanzkrise die Existenz der ökologischen Krise zu bekräftigen hatte und somit der Ausweg aus der Doppelkrise vielfach als notwendig grün dargestellt wurde und wird. Bedauerlich ist es, wenn das Umdenken in sehr enge Bahnen führt.

Im Koalitionsvertrag der rot-grünen Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen wird für das Land die „ökologisch-industrielle Revolution“ angekündigt. Andere, wie der Chef der Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks, sprechen von einer „grünen industriellen Revolution“ und einem „grünen Wirtschaftswunder“. (2) Da uns umfassende staatliche Programme aus der Krise führen sollen, ist in Anlehnung an das Reformprogramm Roosevelts von 1933 bis 1938 auch von einem „Green New Deal“ die Rede. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ermutigt uns sogar, „drei Krisen mit einer Klappe zu schlagen: die Finanz-, Energie- und auch die Klimakrise“. (3) Ihr Ausweg: „richtige Anreize“ und „klimabewusste Geschäftsmodelle“. Da es solche grünen Geschäftsmodelle mittlerweile zuhauf gibt, ist auch der Übergang zwischen Industrielobby und Umweltschutzorganisationen fließend geworden.

Ist grüner Fortschritt echter Fortschritt?

Natürlich soll man Anreize für Innovationen geben. Auch ist Effizienzsteigerung ein legitimes Ziel. Aber es ist eines, dem man keine übermäßige Beachtung schenken muss. Denn wenn höhere Effizienz einen klaren Kostenvorteil bringt, setzt sie sich am Markt ohnehin durch. Wenn sie das nicht bringt, weil zum Beispiel der höhere Anschaffungspreis durch die Einsparungen bei den Verbrauchskosten nicht wettgemacht wird, wie bei Hybrid- und Elektroautos, dann ist diese Innovation auch der Rede nicht wert. Gefordert ist der Staat vielmehr dort, wo es gilt, grundlegende Innovationen voranzutreiben, und wo das ökonomische Risiko so hoch ist, dass sich keine privaten Geldgeber finden, etwa bei Milliarden Euro teuren Prototypen neuer Kernreaktoren oder bei der Grundlagenforschung. Der Kernreaktor ließe sich dabei noch ins grüne Paradigma eingliedern. Immer mehr Klimaschützer befürworten Atomenergie. Aber so etwas wie grüne Grundlagenforschung kann es nicht geben. Und Grundlagenforschung ist das Fundament des technischen Fortschritts.

Die Fürsprecher und Aktivisten der grünen Revolution haben einen unverantwortlich eingeengten Innovationsbegriff. Bei Klimaschutz, Ressourcen- und Energieeffizienz geht es um die Optimierung der vorhandenen Technik, und auch dies lediglich in Richtung erhöhter Effizienz. Wird der Fortschritt ins Korsett des Eco-Mainstreaming gepresst, bleibt wenig übrig. Fortschritt in der Informationstechnik beschränkt sich nicht auf effizientere Computer, die Zukunft der Medizin liegt nicht in energiesparenden Röntgengeräten, die Zukunft der Energietechnik nicht in Dämmmatten, und der Fortschritt in der Verkehrstechnik kann nicht nur aus Videokonferenzsystemen bestehen. Technik ist ein universelles Mittel zum Zweck und nicht Mittel zur Erreichung des Zwei-Grad-Klimaziels.

Es ist gut, wenn Amerika die Nummer eins bei Windturbinen, Solarkraftwerken und Biotreibstoffen sein will. Es ist aber nur gut, wenn es auch die Nummer eins in der Biotechnologie, der Raumfahrt, der Kerntechnik, der Lasertechnik usw. sein will. Und es ist nur gut, wenn Europa und Asien ebenfalls die Nummer eins sein wollen. Wir brauchen globalen Wettbewerb um die beste Wissenschaft und die besten Technologien. Und wenn man es mit dem legitimen Ziel Klimaschutz ernst nimmt, dann sind das Maß aller Dinge, so der Kolumnist der New York Times, Thomas L. Friedman, „chinesische Preise“. (4) Wer mit seiner innovativen Technik saubere Energie zu dem Preis liefern kann, zu dem in China Strom mit Kohlekraftwerken gewonnen wird, der hat eine echte Innovation, die den Lauf der Dinge verändern wird. So hoch müssen wir die Latte legen. Ineffiziente Solarzellen zur Befriedigung des Bedürfnisses nach ökologisch korrektem Konsum zu subventionieren ist dagegen schlicht innovationsfeindlich.

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