Wer hat Angst vorm fremden Mann?

Über die biologischen Grundlagen des Universalismus.
Fremdheit ist wieder ein Thema geworden. Viele Deutsche sind der Auffassung, die Integration von Menschen aus anderen Kulturkreisen sei eine Art kaum zumutbarer Herkules-, wenn nicht sogar Sisyphosaufgabe. Aber sind wir Menschen uns wirklich so fremd?

Der menschliche Körper ist ein Ergebnis der Evolution. Wir alle sind die direkten Nachkommen von Vorfahren, die wiederum Nachkommen ihrer unmittelbaren Vorfahren waren. Jeder von uns ist somit das Resultat einer ununterbrochenen Reproduktionskette, die bis zum Beginn des Lebens vor über drei Milliarden Jahren zurückreicht. Die Organe, Eigenschaften und Fähigkeiten unseres Körpers sind Resultat von Variation und natürlicher Auslese. Sie sind so, wie sie sind, weil sie sich in der Vergangenheit als vorteilhaft erwiesen haben.

Was für unseren Körper gilt, gilt auch für unseren Geist. Er ist Ergebnis der Evolution und kann daher nur als Ansammlung von spezifischen Anpassungen gesehen werden, die es uns ermöglicht haben, die Herausforderungen der Vergangenheit erfolgreich zu meistern. Wir können den Geist also in Analogie zum Körper als ein Gefüge von vielen mentalen Organen sehen, mit denen wir von Geburt aus ausgestattet sind.

Einheit und Vielheit

Die Evolutionspsychologen John Tooby und Lea Cosmides haben sich in dem Aufsatz „Über die Universalität der menschlichen Natur und die Einzigartigkeit des Individuums“ der alten Frage nach der Einheit in der Vielheit gewidmet und diese aus evolutionärer Sicht beantwortet. (1) Sie erklären, weshalb sowohl die alle Menschen vereinende identische menschliche Natur als auch die mannigfaltigen Unterschiede zwischen den Menschen Ergebnis der Evolution sind und nicht im Widerspruch zueinander stehen. Grundsätzliche Persönlichkeitsmerkmale, Verhaltensmuster und kognitive Fähigkeiten sind demnach Anpassungen, also das Ergebnis natürlicher Auslese in der Vergangenheit. Solche Anpassungen sind aber stets im Zusammenwirken einer großen Zahl von Genen festgeschrieben, sodass sie nicht in einzelnen Personen auftauchen können und in anderen nicht. Sie sind darauf angewiesen, weitgehend unbeeinflusst von interindividuellen genetischen Unterschieden stabil zu funktionieren. Denn bei jeder Empfängnis werden ja zwei Genome komplett durcheinander gewürfelt, wobei keine Chance besteht, dass Komplexe aus Hunderten von spezifischen Genvarianten zusammenbleiben. Anpassungen dieser Art sind generell unabhängig von einzelnen Genvarianten und als psychologische Mechanismen universell – vergleichbar etwa dem aufrechten Gang, der fünffingrigen Hand, usw.

Angeborene Unterschiede zwischen den Menschen sind deshalb nicht Ausdruck unterschiedlicher Anpassungen, sondern entstehen entweder zufällig oder als Beiprodukt anderer Anpassungen. Insbesondere sind sie Resultat des beständigen Kampfs gegen Parasiten, der die wesentliche Ursache für die genetische Vielfalt des Menschen (und auch anderer langlebiger Organismen) darstellt. Wenn wir nicht mithilfe der sexuellen Reproduktion in jeder Generation die Gene neu mischen würden, würde es uns schon lange nicht mehr geben. Denn all die kleinen Feinde (Viren, Bakterien und sonstige Schmarotzer), die sich aufgrund der kurzen Generationenfolge von wenigen Minuten schnell so weiterentwickeln, dass sie unsere Schwachstellen ausnutzen können, würden sonst nicht nur uns dahinraffen, sondern auch alle unsere Klonbrüder und Klonkinder.

Mit dem Sex haben wir einen Weg gefunden zu bewirken, dass sich unsere Nachkommen in Millionen zufälliger Details von uns unterscheiden. Diese qualitativen Unterschiede spielen sich jedoch auf der Ebene ab, auf der die Parasiten agieren, auf der mikroskopischen Ebene der Proteine. Sie spielen sich nicht auf der Ebene der körperlichen und mentalen Organe ab. Daher gibt es keinen Widerspruch zwischen der universellen menschlichen Natur und der hohen genetischen Vielfalt. Die Evolution hat dafür gesorgt, dass wir Menschen in allen für uns bedeutsamen Funktionen identisch sind, denn sie sorgt dafür, dass Funktionsbeeinträchtigungen sich nicht verbreiten können. Sie hat gleichzeitig dafür gesorgt, dass wir für Parasiten sehr unterschiedlich sind. Ob wir also bei Betrachtung unserer Mitmenschen mehr Gemeinsamkeiten oder mehr Unterschiede sehen, hängt davon ab, ob wir die Perspektive eines Menschen oder die eines Parasiten einnehmen.

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