Grenzwertige Angst

Da Erdbeben und Tsunamis in Deutschland nicht wirklich als Bedrohung der Kernkraftwerke erscheinen, ist man wieder bei den Flugzeugen angekommen. Flugzeuge könnten, was extrem unwahrscheinlich ist, im Falle eines Absturzes ausgerechnet auf ein Kernkraftwerk prallen. Und sie könnten, was angesichts der Anschläge vom 11. September 2001 möglich erscheint, entführt und absichtlich auf eine Atomanlage gestürzt werden.

In der FAZ vom 18. Mai 2011 wies Stefan Dietrich darauf hin, dass auch Volksfeste und Fußballstadien nicht gegen Abstürze von Flugzeugen gesichert seien. Das Gleiche gilt bekanntlich für Hochhäuser, Chemiefabriken und überhaupt jedes erdenkliche Ziel. Das Argument zeigt einem die Grenzen der Sicherheit auf. Die Zahl der in Deutschland vor Flugzeugabsturz besonders schützenswerten Orte dürfte leicht in die Tausende gehen. Das Argument ist aber kein resignatives und impliziert auch nicht eine generelle Forderung nach Verzicht auf geeignete Maßnahmen zum Schutz gegen den Aufprall von Verkehrsflugzeugen. (Gerade weil Kernkraftwerke freistehend und von überschaubarer Größe sind, könnte man sie im Gegensatz zu vielen anderen möglichen Zielen schützen – etwa durch Stahlseilpyramiden, die ein anfliegendes Flugzeug in kleine abgebremste Stücke zersägen würden.)

Welchen Grund kann es geben, dass der Schutz vor Flugzeugabstürzen einzig in Hinblick auf Kernkraftwerke diskutiert und von manchen als unverzichtbar bezeichnet wird? Es hat offenbar mit einer sehr speziellen Risikowahrnehmung zu tun. Ein in der FAZ vom 20. Mai abgedruckter Leserbrief bringt in bemerkenswerter Klarheit eine Haltung zum Ausdruck, die in der Debatte kein Außenseiterstandpunkt zu sein scheint. Gerlind Schabert aus Bonn erkennt in Dietrichs Argument eine „Wisch-und-weg-Mentalität“. Sie fragt sich ob, „Stefan Dietrich ganz ernsthaft der Meinung“ sei, „ein Flugzeugabsturz auf ein Fußballstadion lasse sich mit dem auf ein Atomkraftwerk vergleichen.“ Sie selbst ist ganz anderer Ansicht. Und zwar folgender: „Es wäre eine Tragödie, wenn Tausende von Zuschauern in einem Stadion Opfer einer solchen Katastrophe würden. Kilometerbreite Evakuierungen und die Verseuchung von Luft und Boden mit Radioaktivität wären aber nicht zu erwarten. Das Gleiche dürfte für Volksfeste gelten.“

Gerlind Schabert hat recht: Tausende von menschlichen Todesopfern sind nicht vergleichbar mit der vorübergehenden Kontaminierung von einigen Quadratkilometern Land. Die Selbstverständlichkeit, mit der vielen hierzulande das Zweite als die offenbar weitaus größere Katastrophe erscheint, ist erschreckend.

In ihrem 2002 erschienenen Buch „RISK. A Practical Guide for Deciding What’s Really Safe and What’s Really Dangerous in the World Around You“ stufen die Autoren David Ropeik und George Gray von der Harvard University eine Vielzahl öffentlich diskutierter Risiken – von Brustimplantaten bis Ozonloch – auf einem „Risk Meter“ in zwei Kategorien ein: Wahrscheinlichkeit (der Exposition auf gefährlichem Niveau) und Konsequenzen (Schwere, Opferzahlen). Beim Thema Kernenergie fügen sie interessanterweise eine dritte Kategorie hinzu: „Einzigartige Konsequenzen (psychologische, wirtschaftliche und soziale Folgen)“. Ihre Einstufung lautet: Wahrscheinlichkeit: sehr gering; Konsequenzen: gering; einzigartige Konsequenzen: sehr hoch.

Gefühltes Risiko

Wie kommen Ropeik und Gray dazu, die Konsequenzen von Strahlenkontamination als gering einzustufen? Indem sie sich auf das stützen, was wir über die Wirkungen radioaktiver Strahlung wissen. Und die wichtigste Erkenntnis lautet hier: Dass irgendwo erhöhte Strahlung herrscht, heißt gar nichts. Auch Angaben wie „tausendfach erhöhte“ Strahlung, die vielen Menschen als Beleg einer Katastrophe gelten, wenn sie sie in der Zeitung lesen, sagen wenig aus. Entscheidend ist, wie viel Strahlung insgesamt in welcher Zeit auf einen Menschen einwirkt. Gemessen wird diese Strahlenwirkung in Sievert. Ein ganzes Sievert abzubekommen ist indes bisher nur recht wenigen Menschen widerfahren. Es ist eine Dosis, die schon zu akuter Erkrankung führen kann und die der Durchschnittsdeutsche in seinem ganzen Leben nicht abbekommt. Üblicherweise haben wir es mit Millisievert (mSv), also Tausendstel, oder Mikrosievert, also Millionstel, zu tun. Wenn jemand in Zusammenhang mit einem Unfall, oder auch bei einem medizinischen Eingriff, in kurzer Zeit einigen Millisievert an ionisierender Strahlung ausgesetzt ist, dann ist das Tausend mal mehr als die paar Mikrosievert, die in Deutschland die tägliche Hintergrundstrahlung ausmachen. Das heißt aber nicht, dass die Person Schaden nehmen muss. In der Tat ist die Schadenswahrscheinlichkeit solcher Dosen äußerst gering. Und nach heutigem Wissensstand gibt es neben der Schadensmöglichkeit sogar die Möglichkeit, dass man von dieser Strahlung gesundheitlich profitieren kann – bei medizinischen Eingriffen ist genau das bekanntlich der Grund der Bestrahlung.

Die Reaktionen auf Fukushima haben gezeigt, dass dennoch viele Menschen offenbar Radioaktivität als Gefährdung ohne Gleichen betrachten. Es besteht die offenkundige Neigung, „Strahlenfunde“ nicht nach ihrer konkreten Höhe und Gefährlichkeit zu bewerten, sondern stets als kleines Stückchen der großen Katastrophe, als absolutes Indiz, das die Gewissheit derselben nur einmal mehr belegt.

Die Diskrepanz zwischen realer und gefühlter Bedrohung dürfte bei kaum einem Schadstoff so hoch sein wie bei radioaktivem Material. Dieses psychologische Phänomen ist sicher erklärbar. Die Bombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki hatten der Welt das enorme Vernichtungspotenzial atomarer Waffen vor Augen geführt. Die anschließende Hochrüstung im Kalten Krieg hat die Möglichkeit des Auslöschens der Menschheit durch die riesigen Kernwaffenarsenale unmittelbar mit dem Begriff des „Atomtods“ in Verbindung gebracht. Der Zusammenhang von Radioaktivität und Krebs hat ein Weiteres getan. Wenn wir uns fragen, was wir nicht kriegen wollen, fällt den meisten von uns zuerst Krebs ein. So scheint die Kombination der beiden Hauptassoziationen, Bombe und Krebs, die Strahlenangst zur Königin der Ängste zu machen. Verdient hat sie diese Sonderstellung indes nicht. Denn sowohl in ihrer unmittelbaren Zerstörungswirkung, als auch in ihrem Potenzial, Krebs zu erzeugen, bleiben Atomunfälle, bis hin zum so genannten Super-GAU, weit hinter ihrem Ruf zurück.

Dass es in einem Kernkraftwerk nicht zu einer atomaren Explosion kommen kann, ist bekannt und wird nicht bezweifelt. Die Assoziation zur Bombe tritt also schnell in den Hintergrund, sobald die Diskussion um Bedrohungsszenarien etwas konkreter wird. Dominiert wird die Debatte eindeutig durch die Vorstellung der „Verseuchung“ und einer damit verbundenen schleichenden Verstrahlung. Es geht also um eine höchst unklare, recht diffuse Bedrohung durch ein Agens, das man nicht riechen, nicht sehen, nicht fühlen kann und dem schon deshalb etwas Perfides, Unsympathisches anhaftet. Die Tatsache, dass niemand mit den eigenen Sinnen die Gefahr wahrnehmen oder gar in ihrer Schadenswirkung einschätzen kann, steigert die Unheimlichkeit der Angelegenheit und öffnet Tür und Tor für spekulative, irrige und teilweise auch bewusst irreführende Vorstellungen und Behauptungen.

Die negativen gesundheitlichen Folgen von hoher Strahlenexposition sind belegt und unstrittig. Einer hohen Strahlendosis sind aber selbst bei schwersten Unfällen nur sehr wenige Menschen ausgesetzt. Sie tritt nur in direkter räumlicher Nähe eines Atomunfalls auf. Selbst von den Tausenden Arbeitern im Atomkraftwerk Fukushima haben nach bisheriger Erkenntnis nur 103 eine Dosis von mehr als 100 mSv und sechs davon mehr als 250 mSv abbekommen. Dies ist der Grenzwert, der international für Einsatzkräfte bei atomaren Katastrophen gilt. In diesem Bereich können zwar noch keine unmittelbaren Gesundheitsbeeinträchtigungen beobachtet werden, mit einiger Wahrscheinlichkeit steigt jedoch das Risiko für eine spätere Krebserkrankung leicht an.

Die Größenordnung des erhöhten Krebsrisikos ist aus der Nachverfolgung von Überlebenden der Atombombenabwürfe bekannt. Wir haben es nicht mit einem dramatischen Anstieg zu tun.

Nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz wurden bis Ende 1998 in der Gruppe der 105.000 Überlebenden in Hiroshima und Nagasaki rund 850 zusätzliche, durch Strahlung verursachte Erkrankungen an soliden Tumoren beobachtet. Hinzu kommen etwa 85 Leukämietodesfälle. Insgesamt hat also bei weniger als 1% der Betroffenen die Strahlenbelastung (meist einige Jahrzehnte später) zu einer Krebserkrankung geführt. Es wurden Betroffene mit Belastungen zwischen Null und über 2000 mSv erfasst. Dabei ergab sich für solide Tumoren in der Gruppe bis 100 mSv und bei Leukämien in der Gruppe bis 200 mSv kein statistisch signifikanter Anstieg. Der größte Anstieg ergab sich erwartungsgemäß bei der sehr kleinen Personengruppe mit extrem hoher Belastung von über 2000 mSv. Hier starben von 905 Betroffenen 20 an Leukämie. Das sind zehn mal mehr, als ohne die Strahlenbelastungen zu erwarten gewesen wäre. Aber es sind dennoch nur gut 2 Prozent der Betroffenen (und bei soliden Tumoren 9-10%). Vergleicht man dieses Risiko mit dem der Raucher, von denen 10% bis zum 75. Lebensjahr an Lungenkrebs erkranken, erscheint es wenig spektakulär. Vergleicht man mit dem in der Öffentlichkeit fast gar nicht wahrgenommenen Risiko, durch das Schimmelpilzgift Aflatoxin, an Leberkrebs zu erkranken, erscheint Strahlung ebenfalls von geringer Bedeutung. Von den mehr als 500.000 Leberkrebsfällen jährlich gehen 5-28% auf das Konto von kontaminierten Lebensmitteln wie Mais, Pistazien, usw..

Auch in Tschernobyl dürfte es zu Leukämieerkrankungen gekommen sein, aber sicher nicht zu vielen. In Tschernobyl wurde in der Tat das worst case scenario wahr. Wolfgang-Ulrich Müller, Professor am Universitätsklinikum Essen, fasste kürzlich im Deutschlandfunk die unklaren, aber auf jeden Fall unspektakulären Erkenntnisse zusammen: „Eigentlich ist zu erwarten, dass der eine oder andere Leukämie-Fall durch die Strahlendosen, die die Liquidatoren erhalten haben, aufgetreten ist. Und es gibt auch einige Untersuchungen, die in diese Richtung deuten. Aber so richtig handfeste Daten, wie wir sie zum Beispiel in Hiroshima und Nagasaki haben, die gibt es leider eben nicht.“ Insgesamt dürfte der Anteil der auf Tschernobyl zurückführbaren Krebserkrankungen in Europa, einschließlich der stark kontaminierten Gebiete in der unmittelbaren Umgebung, in der Größenordnung von 0,01% liegen. Legt man die Erfahrungswerte von Hiroshima an, ist für Tschernobyl sogar nur mit drei Sterbefällen durch Leukämie und 78 durch andere Krebserkrankungen zu rechnen. Da die Liquidatoren die Gesamtdosis über einen längeren Zeitraum erhielten und nicht, wie die Atombombenüberlebenden, in einem Bruchteil einer Sekunde, ist generell bei gleicher Dosis sogar eher von geringeren gesundheitlichen Folgen auszugehen.

Wolfgang Weiss, Vorsitzender der UN-Strahlenschutzorganisation UNSCEAR und Fachbereichsleiter im Bundesamt für Strahlenschutz, rechnet auch in Fukushima für Personen, die nicht unmittelbar im Kraftwerk im Einsatz waren, nicht mit Gesundheitsbeeinträchtigungen: „In der nächsten Zeit werden wir uns vor allem um die psychologischen Konsequenzen für die Evakuierten kümmern. Bei allen anderen gesundheitlichen Folgen einer Havarie erwarten wir für diese Gruppe der Evakuierten keine größeren Probleme.“

Beachtet man zudem, dass Milliarden Menschen rauchen, dagegen bisher in Folge von Reaktorkatastrophen nur rund 1000 Menschen, aus der Gruppe der so genannten Liquidatoren in Tschernobyl, mit Strahlung von mehr als 2000 mSv belastet wurden, kann man eigentlich ein relativ entspanntes Verhältnis zur Kernenergie entwickeln. „Ach“, könnte man sagen, „gäbe es doch noch mehr Risiken wie die Kernkraft!“

Grenzwert. Nein danke?

Wenn man nun aber eine Meinungsumfrage durchführen würde und fragte, ob der Autor der behauptet, die Kernenergie habe bisher keinen großen Schaden angerichtet und sei auch wenig geeignet, dies in de Zukunft zu tun, ein Verharmloser sei, dann käme ohne Zweifel heraus, dass dem so sein müsse. Ich gebe also zu: mein Urteil basiert nicht auf der Analyse der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW). Diese haben uns kürzlich mitgeteilt, dass insgesamt 600 Millionen Europäer von der Tschernobylkatastrophe „gesundheitlich betroffen“ seien. (Auch im Geschäft mit der Angst scheint noch vielfach die Devise zu gelten „Viel hilft viel“.)

Mein Urteil basiert auch nicht auf jener Rechnung, die wir zum Beispiel beim Bundesamt für Strahlenschutz nachlesen können. Dort erhalten wir folgende Information:

„UNSCEAR schätzt auf der Grundlage der bisher ausgewerteten Daten der Atombomben-Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki den Lebenszeit-Risikokoeffizienten für strahlenbedingte tödliche Leukämien und Krebs auf rund zwölf Prozent pro Sievert bei einer Bevölkerung aller Altersklassen. Das heißt, wenn 10.000 Personen mit zehn Millisievert bestrahlt werden, dann werden bis zu ihrem Lebensende zwölf Personen zusätzlich an Krebs und Leukämien sterben (Nach derzeitigen statistischen Befunden sterben ohne Strahleneinwirkung von 10.000 Personen etwa 2.500 an Krebs und Leukämie). Beim Auftreten von strahlenbedingter Leukämie ist mit einer Lebenszeitverkürzung von rund 30 Jahren, bei Krebs mit etwa 15 Jahren zu rechnen. Diese Risikoabschätzungen stützen sich auf Befunde bei hohen Dosen und hohen Dosisleistungen.“6

Wenn man diese Rechnung nicht auf Anhieb versteht, so liegt das daran, dass hier etwas versteckt ist, was für die Bewertung des Strahlenrisikos von entscheidender Bedeutung ist. Es ist die so genannte Linear No Threshold (LNT) Hypothesis. Frei übersetzt: die Hypothese vom nicht vorhandenen Grenzwert. Diese besagt, dass bei ionisierender Strahlung das Risiko einer resultierenden Gesundheitsschädigung (durch Krebs) sich zwar mit abnehmender Strahlendosis verringert, aber nicht ab irgendeinem Grenzwert zu vernachlässigen ist. Der Rechenweg ist dann, wie wir oben sehen, ganz einfach. Von 100 Menschen, die eine Strahlendosis von 1000 Millisievert ausgesetzt sind, erkranken (und sterben) 12 an Krebs. Ist die Strahlendosis aber 100 mal kleiner, nämlich 10 Millisievert, muss ich die Zahl der Betroffenen mit 100 multiplizieren, um wieder auf 12 Tote zu kommen. Auf diese Weise kann man auch bei sehr niedrigen Strahlenwerten immer noch auf beachtliche Opferzahlen kommen, wenn man sich auf große Bevölkerungsgruppen bezieht. So erhöhte sich in Deutschland im Jahr 1986 durch die Freisetzung radioaktiver Substanzen in Folge des Tschernobyl Unfalls die jährliche Belastung um 0,1 mSv, sie war also noch einmal 100 mal kleiner als in dem Beispiel. Um wieder auf 12 Tote zu kommen, müssen wir nun nicht von 10.000 sondern von einer Million Betroffenen ausgehen. Da Deutschland aber 80 Million Einwohner hat, können wir sogar fast 1000 Tote verbuchen. So weit, so gut. Und auf jeden Fall richtig gerechnet. Wenn dem so wäre, wäre durch Tschernobyl tatsächlich das Krebsrisiko der Deutschen von etwa 25% auf etwa 25,001% gestiegen (was die meisten von uns allerdings auch nicht gerade in Panik ausbrechen lassen sollte). Dennoch ist die Rechnung höchst zweifelhaft. Wir haben nämlich ein ernstes Problem. Der letzte Satz der oben zitierten Ausführung lautet: „Diese Risikoabschätzungen stützen sich auf Befunde bei hohen Dosen und hohen Dosisleistungen.“ Bei den Opfern von Hiroshima und Nagasaki konnte bei hohen Dosen, die in sehr kurzer Zeit auf die Menschen einwirkten (deshalb auch hohe Dosisleistung), ein erhöhtes Krebsrisiko festgestellt werden. Jedoch bereits im Bereich um 100 bis 200 mSv, also dem Tausendfachen der Tschernobyldosis für Deutschland, war dieser Zusammenhang nicht mehr feststellbar. Die LNT Hypothese steht daher auf wackeligen Füßen. Es ist durchaus denkbar, dass sie für Radioaktivität genauso wenig gilt wie für Gifte. Wenn wir 100 Gramm Salz essen, sind wir sofort tot. Wer daraus folgert, dass von 100 Menschen, die je ein Gramm Salz essen, einer stirbt, von dem wird man verlangen, dass er sehr gute Gründe für diese Behauptung vorbringen muss. Hinzu kommt, dass nicht zwischen Belastungen unterschieden wird, die in einer Sekunde auf uns einwirken, und solchen, die im Verlauf eines Jahres einwirken. Doch auch das ist sehr wichtig, denn schließlich tritt Krebs nur dann auf, wenn die Reparaturmechanismen des Körpers überfordert sind. Und da macht es einen großen Unterschied, wie groß der Zeitraum ist, über den sich die Strahlung verteilt. So wie es einen großen Unterschied macht, ob ich einen Liter Alkohol in einem Zug trinke, oder im Verlauf eines Jahres.

Das Festhalten an der LNT Hypothese wird hauptsächlich damit begründet, dass es keinen Beweis dafür gibt, dass sie nicht gelte. Ein solcher lässt sich aber schlicht nicht erbringen. Da wir bei keinem der jährlich Millionen Krebstoten exakt die Ursache der Erkrankung benennen können, kann es nie als unmöglich gelten, dass einige davon auf niedrig dosierte ionisierende Strahlung zurückzuführen sind.

Das LNT Modell basiert auf dem Vorsorgeprinzip. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass man bei Festlegung von Vorschriften für den beruflichen Umgang mit Radioaktivität nach dem ALARA-Prinzip (as low as reasonably achievable) vorgeht. Eindeutig problematisch wird dieser Ansatz allerdings, wenn man in der gesellschaftlichen Diskussion um Anwendung und Entwicklung von Nukleartechnologie den Grundgedanken des Modells, dass es theoretisch keinen Wert für ungefährliche Strahlung gibt, zum Dreh- und Angelpunkt der Gesamtwahrnehmung macht. Dann gerät das Naturphänomen Radioaktivität zum Teufelszeug. Die gefühlte Bedrohung übersteigt die reale bei Weitem, und die rationale Debatte leidet.

Auch wenn wir an der LNT-Hypothese festhalten, sollte man zu einem entspannteren Umgang mit Kontaminationen durch Unfälle kommen. Denn die Belastung durch Reaktorunfälle ist im Vergleich zu anderen Quellen ionisierender Strahlung insgesamt gering. Da es für die Wirkung von Strahlung belanglos ist, aus welcher Quelle sie stammt, steigt unser Krebsrisiko durch eine Flugreise nach Übersee in ungefähr dem gleichen Maße wie durch den Fallout von Tschernobyl. Eine Mammographie entspricht acht Tschernobyls. Die durchschnittliche Belastung pro Einwohner und Jahr durch Computertomographie beträgt etwa 1 mSv, ist also 10 mal so hoch wie die Belastung durch Tschernobyl in 1986 (und 100 mal so hoch wie die verbleibende Belastung durch Tschernobyl in 2009). Nun unterzieht sich aber durchaus nicht jeder Deutsche jedes Jahr einer Computertomographie. Das heißt, im Einzelfall ist die Dosis deutlicher höher, nämlich pro Anwendung 3 bis 10 mSv. Insgesamt wurden in Deutschland 2009 je 1.000 Einwohner 114 CT-Untersuchungen durchgeführt (absolut: 9,37 Mio. Untersuchungen an 4,88 Mio. Patienten). Eine Studie in den USA an knapp einer Million Menschen hat ergeben, dass 1,86% der Versicherten jährlich einer Strahlenwirkung von mehr als 20 mSv und 0,19% sogar mehr als 50 mSv durch medizinische Diagnostik ausgesetzt waren. Hochgerechnet ergibt sich, dass etwa 4 Millionen Amerikaner jährlich mit mehr als 20mSv pro Jahr belastet sind – jenem Wert, der in Japan als Grenzwert für die Evakuierung genommen wurde.

In den unmittelbar von der Tschernobylkatastrophe betroffenen Regionen der Länder Russland, Weißrussland und Ukraine lag die durchschnittliche kumulierte Belastung von 1986 bis 2005 in der Größenordung einer einzigen Computertomographie. Die Belastung in den am meisten kontaminierten Gebieten betrug in 1986 –1995 0,9 mSv in Weißrussland, 0,76 mSv in Russland, und 1.4 mSv in der Ukraine. Therapeutische Anwendungen gehen sogar noch weit über die diagnostischen Dosen hinaus. Bei der Radiotherapie von Krebs wird der Tumor und das umgebende gesunde Gewebe mit Dosen von 2000-3000 mSv pro Tag bestrahlt.

Die natürliche Strahlung ist einigen Region der Erde weit über den hierzulande üblichen etwa 2mSv pro Jahr. Die höchsten Werte wurden in Teilen der Stadt Ramsar im Iran gemessen und liegen bei bis zu 260 mSv.

Hormesis

Es ist in der Natur nicht unüblich, dass Substanzen in niedriger Konzentration keine negative oder sogar eine positive, mitunter lebensnotwendige Wirkung haben, die ab einem gewissen Grenzwert ins Negative umschlägt und dann erst mit wachsender Dosierung immer schädlicher wird. Das gilt für das meiste, was wir essen: Vitamine, Mineralstoffe, aber auch die Nährstoffe Zucker, Fett und Proteine. Es gilt auch für Rotwein, die Strahlen der Sonne oder eine kalte Dusche.

Alle Lebewesen sind seit Beginn des Lebens vor rund 4 Milliarden Jahren permanent ionisierender Strahlung ausgesetzt. Schon als wir noch Einzeller waren, haben wir daher Regenerationsmechanismen entwickelt. Aus evolutionärer Sicht ist es daher nicht plausibel, dass niedrig dosierte Strahlung ein Problem für uns sein sollte. Es gibt sogar zunehmend Hinweise, dass sie eine positive Wirkung haben könnten. Auf der Website des Bundesamts für Strahlenschutz (BFS) lesen wir:

„Ob kleine Dosen ionisierender Strahlung möglicherweise biopositive Reaktionen in biologischen Systemen auslösen können, wird kontrovers diskutiert. Das Erscheinungsbild dieser biopositiven Effekte, die häufig unter dem Begriff Hormesis zusammengefasst werden, wird als vielfältig beschrieben (…) Diese Effekte werden typischerweise im Dosisbereich unterhalb von 200 mSv beobachtet.“

Nun sollten wir nicht soweit gehen, diese Darstellung des BFS, dessen Präsident, Wolfram König, der Grünen Partei angehört und von Jürgen Trittin 1999 ins Amt gesetzt wurde, aufzugreifen und behaupten, Zehntausenden von Betroffenen in der Umgebung des Kraftwerks Fukushima könnten mitunter gesundheitlich von der freigesetzten Strahlung profitieren. Die Behauptung, dass die freigesetzte Radioaktivität eher zu den kleineren Problemen im Erdbebengebiet zählt, ist jedoch durchaus plausibel.

Die bisherigen Erfahrungen mit radioaktiver Strahlung lassen es denkbar erscheinen, dass der in Deutschland geltende Jahresdosisgrenzwert von 1 mSv für zusätzliche Strahlung aus künstlichen Quellen um das 100 bis 1000-fache überschritten werden kann, ohne dass die Gesundheit davon beeinträchtigt würde. Es sollte zumindest daher als diskussionswürdig betrachtet werden, die extrem niedrigen Grenzwerte in Frage zu stellen. Der Physikprofessor Wade Allison von der Oxford University plädiert dafür, den Grenzwert, von dem an mit Gesundheitsschäden zu rechnen ist, auf 200 mSv pro Monat hochzusetzen. Das ist mehr als das Tausendfache der Hintergrundstrahlung in Deutschland und mehr als das 2000-fache des derzeit geltenden Jahresdosisgrenzwerts. Die extrem niedrigen Grenzwerte führen nicht nur zu hohen Kosten, sondern auch zu großer Verunsicherung und, im Falle von Evakuierungen, zu erheblichen Belastungen für die Betroffenen.