Das Bein in meiner Küche – Essay

Ich gehöre zur großen Mehrheit der Supermarktkäufer, die Fleisch in kleinen, fertig verpackten Einheiten erwerben, welche einen nicht dazu auffordern, an die lebendige Quelle der Nahrung zu denken. Sogar ein komplettes Tier, ein kleiner Hahn, hat in seiner Plastikbox, die umgehend in den Kühlschrank wandert, etwas Abstraktes, und lässt einen unberührt. Vor Weihnachten gibt es jedoch, selbst in den Discountern, Teile von Tieren, die etwas Vornehmes haben und uns als besonderer Genuss für die Feiertage angeboten werden. So kam es, dass ich in den Besitz eines Serrano-Schinkens gelangte, also eines Beins vom Schwein samt Huf, das ich umgehend mit Hilfe des mitgelieferten Gestells in der Küche installierte.

Nach Entfernen der Plastikfolien wickelte ich wieder die dekorative rot-grün-gelbe Kordel um den Huf, schnitt den Schinken an, kostete und war zufrieden. In den nächsten Tagen konnte ich an mir ein Gefühl beobachten. Es kam auf, wenn ich das Bein betrachtete. Es war kein Gefhl des Ekels, kein Schuldgefühl, sondern etwas Positives. Ich vermute, dass ich es als Derivat eines Instinktes einzustufen habe, der den Prozess der Zivilisation überstanden hatte. Ich erfreute mich am erlegten Bein, das ich in Wirklichkeit nur gekauft hatte. Auch meine Kinder, neun und elf Jahre alt, schnitten sich mit Vergnügen und erkennbar ohne Schuldbewusstsein schöne Schinkenscheiben ab. Die Beobachtung führt zur Frage: Ist Familie Spahl moralisch noch auf der Höhe der Zeit?

Weiterlesen in Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 8-9/2012)

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