Buchbesprechung: Why are you free? von Boris Kotchoubey

Der Tübinger Psychologe Boris Kotchoubey hat ein anschauliches und präzises Buch geschrieben, in dem er darlegt, warum es sinnlos ist, sich den Menschen als Wesen ohne freien Willen zu denken.

Die Behauptung, der freie Wille sei eine Illusion und unser Handeln allein das Resultat physikalischer Vorgänge im Gehirn, hat in den letzten Jahren Verbreitung und Anerkennung gewonnen. In Deutschland vertreten diese Position unter anderem die Hirnforscher Wolf Singer und Gerhard Roth. Die Neurowissenschaftler beanspruchen, Denken und Handeln naturwissenschaftlich erklären zu können. Doch an diesen Erklärungen lässt der Autor kein gutes Haar. Vielmehr formuliert Kotchoubey die Gegenbehauptung: Komplexes menschliches Verhalten und auch jenes höher entwickelter Tiere kann nicht determiniert sein. Zu diesem Schluss kommt er nicht in Zurückweisung einer naturwissenschaftlichen Herangehensweise, sondern gerade dadurch, dass er jene wissenschaftlichen Fakten berücksichtigt, die für die Fragestellung tatsächlich relevant sind.

Was hat es mit der Ablehnung des freien Willens auf sich? Der Biologe Gerhard Roth weist beispielsweise darauf hin, dass die Bewegung des Fingers am Abzug einer Pistole natürlich von einer Nervenaktivität im Rückenmark ausgelöst wird, die wiederum Resultat anderer Aktivitäten im Gehirn ist, welche zuvor von wieder anderen bewirkt worden sind. Fände man keine Lücke in einer solchen Kausalkette, dann sei auch kein Platz für den freien Willen. Wenn wir dennoch den Eindruck haben, selbst entschieden zu haben, so habe uns unser Gehirn eben diesen freien Willen nur vorgespielt. An dieser Stelle fragt Kotchoubey nach, was in diesem Fall eigentlich mit „uns“ gemeint ist. Wen täuscht das Gehirn? Offenbar ein immaterielles, vom Gehirn unabhängiges „Ich“ oder „Selbst“. Was aber soll man von einer Argumentation halten, die alles Denken und Handeln als ausschließliches Resultat von Umwelteinflüssen und Gehirnaktivität betrachtet und gleichzeitig einen „Geist“ bemüht, der dabei der Illusion des freien Willens verfällt?

Als Beweis für die behauptete Unfreiheit unserer Handlungen werden Experimente bemüht, wie sie zuerst 1979 von Benjamin Libet durchgeführt wurden. Dabei wird gemessen, wann im Gehirn eine Handlung eingeleitet wird. Zudem geben die Teilnehmer an, wann sie die Entscheidung zur Bewegung getroffen haben. Es zeigt sich, dass die vermeintliche Entscheidung oft einige Zehntelsekunden nach dem „Startschuss“ im Gehirn erfolgte. Libet selbst sah in diesen Ergebnissen keineswegs einen Beleg für die Nichtexistenz des freien Willens. Er konnte nämlich auch zeigen, dass nach dem Bewusstwerden noch Zeit blieb, um die Handlung gegebenenfalls zu stoppen. Über diese Vetooption sah er die bewusste Kontrolle der Handlung gewährleistet.

Der „Beweis“ hinkt aber auch noch an anderer Stelle: Die Annahme, einer freien Handlung müsse ein bewusster Entschluss oder ein innerer Drang („urge to move“, wie es bei Libet heißt) vorausgehen, ist aus Sicht von Kotchoubey alles andere als plausibel. Dann müsste der Husten, dem der bewusst wahrgenommene Hustenreiz vorausgeht, der Prototyp einer freien Handlung sein. Er verweist stattdessen darauf, dass wir im normalen Leben eine Handlung dann als frei betrachten, wenn sie auf Gründen beruht und nicht auf Ursachen. Je stärker der innere Drang, desto eher muss man eine Handlung als zwanghaft, also unfrei, betrachten. Generell, so der Autor, sollten wir, wenn wir festlegen, was wir unter „freiem Willen“ verstehen wollen, eine Definition wählen, die mit dem, was wir im Alltag als Freiheit wahrnehmen, vereinbar ist. Libets Versuche haben lediglich gezeigt, dass bestimmte neurophysiologische Prozesse, die mit einer Handlung zusammenhängen, schon aufgezeichnet werden können, bevor die Handlung der jeweiligen Person bewusst wird. Warum diese Handlung als unfrei bezeichnet werden sollte, ergibt sich aus den Experimenten nicht.

Auch sollte man die weiteren Implikationen des Determinismus nicht außer Acht lassen. Schaut man sich eine einzelne Handlung an, kann man sich durchaus vorstellen, sie sei unfrei erfolgt und nur von der Illusion des freien Willens begleitet worden. Die Lächerlichkeit der Annahme, freier Wille sei eine Illusion, zeigt sich jedoch in aller Klarheit, wenn man sie sich, wie letztlich verlangt, als allgemeingültig vorstellt. Kotchoubey schreibt: „Stellen Sie sich vor, dass die Menschen, die Ihr Auto, Ihr Haus, Ihren Boiler gebaut haben, und das Flugzeug, mit dem Sie nächste Woche nach New York fliegen, und das Aspirin, das Sie gegen Ihre Erkältung nehmen, hergestellt haben, ebenso wie der Chirurg, der Ihren entzündeten Wurmfortsatz entfernt – dass all diese Menschen nur der Illusion erliegen, bewusste und rationale Entscheidungen zu treffen.“ Der einzige Grund, weshalb diese absurde Idee sich noch immer halten könne, so der Autor, liege darin, dass sie im Gegensatz zur ebenfalls unplausiblen Vorstellung stehe, willentliche Entscheidungen müssten vollkommen und perfekt bewusst sein. „Doch dies ist nicht notwendig“, hält Kotchoubey fest. Jede Entscheidung beruht immer auch auf einer Vielzahl unbewusster Einflüsse. Die Möglichkeit, sich diese alle bewusst zu machen (um eine hundertprozentig freie Entscheidung zu treffen), ist eine philosophische Abstraktion, die mit dem realen Leben nichts zu tun hat. Vergleichbar mit einem geometrischen Punkt, der in der Realität nicht ausdehnungslos vorkommt und den wir dennoch nicht als Illusion bezeichnen.

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