Fortschritt in der anthropogenen Welt: Auf ins Technium!

Wer glaubt noch an den Fortschritt in Deutschland? Zum Beispiel der Vorsitzende der SPD, wenn er uns erklärt: „Von Anfang an war für die Sozialdemokratie klar, dass Fortschritt in Wissenschaft und Technik mit einer Verbesserung nicht nur der individuellen Lebensbedingungen einhergeht, sondern auch mit einem Mehr an Freiheit und Demokratie, einem Mehr an Gerechtigkeit und Solidarität.“ Das ist ein klares Bekenntnis zum technologischen Fortschritt. Zu klar, um wahr zu sein. Denn er fährt fort: „Inzwischen zweifelt kaum jemand daran, dass dieses fast lineare Fortschrittsverständnis, dass aus stetigem Wachstum sich quasi automatisch auch ein beständig höherer Wohlstand und mehr sozialer und gesellschaftlicher Fortschritt ergibt, heute überholt ist.“ [1]

Der technologische Fortschritt gilt quer durch das politische Spektrum als zumindest ambivalent, wenn nicht grundsätzlich problematisch. Von einer besseren Welt durch Wissenschaft und Technik träumt kaum einer. Das Vorsorgeprinzip fordert von uns, jede technische Innovation mit Argwohn zu betrachten und den technologischen Fortschritt, den nur noch „naive Fortschrittsgläubige“ als Königsweg in eine bessere Zukunft betrachten, strikt zu regulieren.

Doch so einfach ist das Bremsen und Lenken, zum Glück, nicht. Die technologische Entwicklung geht weltweit unvermeidbar weiter und zwar, von einzelnen regionalen und temporären Bremsbewegungen und Sonderwegen abgesehen, auch ganz schön flott. Die technologische Zukunft in ihrer Gesamtheit ist das, was sich durch menschliches Handeln, aber nicht vom Menschen geplant und nur begrenzt vom Menschen gelenkt, aus der technologischen Gegenwart entwickelt. So sieht es zumindest der Autor und Gründer des US-Technologiemagazins Wired, Kevin Kelly, der den Begriff des „Techniums“ geprägt hat. Er betrachtet dieses große Reich der Technik in ähnlicher Weise als Produkt einer Evolution wie die Tier- und Pflanzenwelt. Und er rät dazu, die Autonomie dieses Reiches zu akzeptieren: „Das Technium ist heute eine ebenso mächtige Kraft in unserer Welt wie die Natur. Und unser Verhalten gegenüber dem Technium sollte dem gegenüber der Natur ähneln. Wir können ebensowenig verlangen, das Technium müsse uns gehorchen, wie wir verlangen können, die Natur müsse uns gehorchen.“ [2] Das ist kein Aufruf zur Demut, sondern vielmehr ein pragmatischer Ansatz, um jenen Superorganismus, dessen Eigendynamik durch die Beiträge von Milliarden kreativer menschlicher Gehirne gespeist wird, möglichst gut zu nutzen und seine Weiterentwicklung durch demokratische Entscheidungsfindung und gesellschaftliches Handeln zu beeinflussen. Es stellt auch nicht die Sonderstellung des Menschen als Subjekt der Geschichte in Frage. Denn klar ist: Während die biologische Evolution kein „intelligent design“ kennt, ist die Evolution des Techniums gerade dadurch geprägt. Und der Designer ist natürlich der Mensch. Oder, besser gesagt: die Menschheit; daher die Eigendynamik und Unplanbarkeit. Wenn hunderte von Millionen von Menschen kreativ an den Grenzen des technologisch Machbaren Neues probieren, ist der Gesamtprozess natürlich nicht steuerbar.

Das Technium wird so vom Mensch hervorgebracht, aber nicht im engen Sinne zielgerichtet entwickelt. Es ist laut Kelly der erweiterte Mensch („the extended human“). Während der Evolutionsbiologe Richard Dawkins den „erweiterten Phänotyp“, zum Beispiel in Gestalt eines Biberdamms, zur Untermauerung seiner Theorie vom egoistischen Gen beschreibt, haben wir es beim Technium allerdings nicht mit einer Erweiterung unserer Gene zu tun, sondern mit der Erweiterung unseres Geistes – der leider nur im Englischen den Plural kennt („our minds“). Während unsere geistigen Fähigkeiten kaum mehr zu steigern sind, kann und wird der erweiterte kollektive Geist in Gestalt des Techniums sich beständig dynamisch weiterentwickeln. Diese Entwicklung ist laut Kelly durch drei Kräfte bestimmt: die Eigendynamik bestimmter, praktisch unvermeidbarer Entwicklungstendenzen (etwa Miniaturisierung) und Entdeckungen beziehungsweise Erfindungen (z.B. Kernspaltung oder Fotovoltaik) und Anwendungen (z.B. Gesichtserkennung oder Klonen), die durch Vorläufertechnik eingeschlagenen Bahnen (z.B. 50 Hz Wechselstrom) und dem kollektiven freien Willen von Gesellschaften, die Entscheidungen treffen, um bestimmte technologische Entwicklungen oder Anwendungen zu fördern oder einzuschränken. Auf dieser Basis lassen sich dann für die nähere Zukunft Szenarien entwickeln.

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