Antigentechnikbewegung: Sich im Schatten des Bösen sonnen

Vor kurzem verkündete die taz den Sieg gegen die Gentechnik. Der US-Konzern Monsanto habe den europäischen Markt aufgegeben. Diese Nachricht ist nicht neu. Interessanter sind das Verschwörungsdenken und der Markenfetischismus der Gentechnikgegener. Ein Kommentar von Thilo Spahl.
Ende Mai meldete die taz unter der Überschrift „Monsanto gibt Europa auf“, die Anti-Gentech-Bewegung habe „den wohl entscheidenden Sieg errungen.“ Der Artikel ist belanglos, ein Sprecher des Konzerns wird mit den Worten zitiert, es werde „keine Lobbyarbeit mehr für den Anbau in Europa“ gemacht und man plane derzeit nicht, neue Zulassungen von gentechnisch veränderten (GV-)Pflanzen zu beantragen. Das ist weder eine Sensation noch eine Neuigkeit. Für Monsanto hat der europäische Markt für GV-Pflanzen längst an Attraktivität verloren. Damit steht der US-Konzern nicht allein – die Global Players haben den Markt größtenteils abgeschrieben. Entwickelt werden neue Produkte fast nur noch für Amerika und Asien.

Trotz des dürftigen Inhalts des Artikels ist die taz mächtig stolz: nicht auf Ihr journalistisches Können, sondern auf ihr Vermarktungsgeschick. Eine Woche nach Erscheinen resümiert der Autor, Jost Maurin, im taz-Blog: „Wir haben die wichtigsten Zitate aus unseren Interviews mit den Konzernsprechern bereits am 31. Mai – einen Tag vor Erscheinen der gedruckten Zeitung – den großen Nachrichtenagenturen mit deutschsprachigen Diensten geschickt. Alle haben die Meldung übernommen und an ihre Kunden übermittelt, darunter an alle wichtigen Medien. Quellenangabe: taz.“

Ist doch eine tolle Sache, wenn Spiegel Online, das Wall Street Journal und sogar exotische Online-Medien in tropischen Gefilden die via Nachrichtenagentur verbreitete Meldung mit der Quellenangabe: taz übernehmen, oder nicht?

Mit ihrem Stolz begibt sich die taz in ungute Gesellschaft vieler NGOs, denen der schlechte Ruf des berühmten Gegners, dessen Name die Türen in die Redaktionen öffnet, zur Lebensgrundlage geworden ist, und deren trauriger Daseinszweck sich darauf beschränkt, diesen schlechten Ruf mit jeglichem Plunder von der Banalität bis zur globalen Verschwörungstheorie zu nähren. Bei den Anti-Monsanto-Kämpfern ist das parasitäre Verhältnis von NGOs zu ihrem prominenten Opfer samt Neigung zur großen Verschwörung besonders ausgeprägt [1]. Ein Paradebeispiel für den speziellen Markenfetischismus von NGOs bietet auch Foodwatch. Die Organisation wählt regelmäßig große Lebensmittelkonzerne, um ihnen wegen ausgewählter Missetaten (etwa Süßigkeiten, die Zucker enthalten und an Kinder verkauft werden) einen Goldenen Windbeutel zu verleihen, was von den Medien stets mit großer Begeisterung in reich bebilderten Artikeln aufgenommen wird. In der taz berichtet bemerkenswerterweise derselbe Autor mit fast der gleichen Überschrift wie bei Monsanto. Diesmal titelt er: „Die Capri-Sonne geht unter.“ Wieder gilt es, einen Sieg gegen einen großen Gegner zu beklatschen. Juchhei! Aber auch die F.A.Z. ist sich nicht zu schade, die Foodwatch-Spendensammelpreisverleihungs-Geschichte abzudrucken und sogar noch das Anti-Capri-Sonne-Video der Organisation einzubinden.

Nein, liebe taz, 43.000 Klicks auf den Artikel zu lenken, indem man einen vermeintlichen Sieg gegen einen mythischen Gegner verkündet, ist keine publizistische Glanzleistung! Und sein Selbstwertgefühl zu erhöhen, indem man versucht, den faulen Onlineredakteuren beim großen SPON und beim renommierten WSJ eine Schlagzeile mit der Quellenangabe taz ins Postfach zu legen, ist auch nur was für welche, die es nötig haben.

zuerst erschienen bei NOVO Argumente

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Grüner Fortschritt: Wie Rezzo Schlauch dem Playboy einmal fast etwas Vernünftiges erzählte

Laut dpa hat Rezzo Schlauch dem Playboy in einem Interview verraten, dass er noch nie Müll getrennt habe. Leider ist das Gespräch mit der „Grünen-Legende über genussfeindliche Linke, grüne Spießigkeit und warum ein Elektro-Porsche auch im Wahljahr kein Porsche ist“ nicht online verfügbar und 5,50 Euro für das gedruckte Heft will ich nicht investieren. Wenn es halten soll, was versprochen wird, muss noch ziemlich daran gefeilt worden sein, denn die Videoaufnahmen Playboy Interview Teil 1-5 sind ein entsetzlich langweiliges Gestammel, in dem sich keine zwei druckfähigen Sätze finden. Da redet er nur etwas von einer „grünen Linie“, die überschritten werde, wenn in Tübingen die Nachbarn Mülleimer kontrollieren. Die Kritik am grünen Denken beschränkt sich auf den Satz: „Natürlich gibt es grünes Spießertum und natürlich bin ich dem auch begegnet. Aber auch damit muss man leben.“ Das reicht natürlich nicht für einen Kommentar, in dem ich der Hoffnung Ausdruck verleihen wollte, dass ein paar alten Grünen vielleicht allmählich schwant, dass sie zur Speerspitze des Autoritarismus geworden sind. Nein, den verschnarchten Schlauch kann ich nicht in den Zeugenabstand rufen.

Bleibt der durchaus intelligente Ralf Fücks. Der Chef der Heinrich-Böll-Stiftung hat ein Buch geschrieben (kurz zusammengefasst bei Cicero), in dem er offenbar so halb auf dem richtigen Weg ist. Es geht um intelligentes Wachstum. Also immerhin um Wachstum. Mit Rücksicht auf den Zeitgeist muss es zwar mit dem Attribut „intelligent“ versehen werden, was heute meist und auch hier so viel bedeutet wie „anders als bisher und irgendwie grün“. Aber immerhin erkennt Fücks als Faktum an, dass sich die globale Wirtschaftsleistung in den kommenden 25 Jahren verdoppeln wird und er begrüßt dies, weil damit „sinkende Kindersterblichkeit, längere Lebenserwartung, bessere Bildung und sozialer Aufstieg in großem Stil einhergehen.“ Gleichzeitig warnt er pflichtschuldig vor dem „ökologischen Super-Gau“, wenn dieses Wachstum nicht die Farbe Grün tragen sollte. Deshalb wird Vokabular wie ökologische Modernisierung, Dekarbonisierung, fair trade, ethisches Investment, High-Tech-Biolandwirtschaft, Wachsen mit der Natur, Konsumieren in vernetzten Stoffkreisläufen etc. aufgefahren, das so klingt, wie es klingen muss, um im ökologistischen Mainstream gern gehört zu werden, und vor allem dazu dient, so zu tun, als wären Naturschutz, Gerechtigkeit, Effizienzsteigerung und Recycling brandneue, grüne Erfindungen, auf die bisher noch keiner gekommen ist. Aber was soll’s! So gelingt es Fücks, zwei Botschaften unterzukriegen, die der bisherigen Ökolehrmeinung diametral gegenüberstehen. Erstens: Wachstum ist grenzenlos. Er schreibt, der „springende Punkt“ sei, dass es „keine fixen Grenzen für die ökonomische Wertschöpfung (vulgo Wirtschaftswachstum)“ gibt und dass wir „Knappheitskrisen durch Innovationen“ überwinden können. Zweitens: Freiheit ist wichtiger als Ökologie. „Freiheit“, so Fücks, dürfe „keinem anderen Zweck untergeordnet werden.“ Demokratie dürfe nicht der Ökologie geopfert werden. Dabei scheut er sich nicht, die Bibel des ökologischen Grenzdenkens, den Club of Rome Bericht von 1972 Die Grenzen des Wachstums als im Kern totalitär zu entlarven, weil darin die „Tendenz zur umfassenden Kontrolle von Wirtschaft und Gesellschaft (bis hin zu den Geburtenraten)“ angelegt war.

Das ist schon bemerkens- und lobenswert. Wenn Fücks und andere Grüne, denen die elitär menschenfeindliche Wachstumsskepsis ihrer Mitstreiter vielleicht allmählich suspekt wird, im nächsten Schritt noch etwas mehr Ballast abwerfen und erkennen, dass „grüner Fortschritt“ nur eine ideologisch motivierte Magerfassung echten Fortschritts ist, dann …. Was dann? Dann sind sie eben keine Grünen mehr, sondern vernünftige Menschen, die eine bessere Welt für alle durch Wachstum und Fortschritt mit allem Drum und Dran anstreben. Nur Mut!

erschienen auf  NovoArgumente.com