Energiewende: Smarte Zähler sind keine schlaue Idee

Bei dem von der EU vorgesehenen Ersatz der Stromzähler durch „intelligente Messsysteme“ überwiegen für den Stromkunden die Ausgaben die möglichen Einsparungen. Aber es geht ohnehin nur darum, dass wir täglich über unseren Energieverbrauch nachdenken sollen, meint Thilo Spahl

Wenn es nach der EU geht, sollen wir alle in den nächsten Jahren unsere Stromzähler durch „intelligente Messsysteme“ ersetzen. In Deutschland ist das bei Neubauten und Renovierungen bereits vorgeschrieben, andere Länder haben sogar schon mit der flächendeckenden Einführung begonnen. Grob gesagt sollen sie dabei helfen, den Verbrauch detaillierter zu erfassen, vor allem, um ihn an das wegen der regenerativen Energien immer stärker schwankende Angebot anzupassen. Ein Gutachten von Ernst & Young [1] für das Wirtschaftsministerium hat nun ergeben, was auch vorher schon bekannt war: dass die Ausgaben die möglichen Einsparungen für den privaten Stromkunden weit übertreffen. Deshalb sei der Einbau der neuen Systeme „für den Großteil der Kundengruppen wirtschaftlich nicht zumutbar“. [2]

Die laufenden Betriebskosten für Deutschland werden im EU-Szenario mit rund zwölf Milliarden Euro für den Zeitraum 2014–22 veranschlagt. Zusammen mit den Einbaukosten würden sich Kosten in Höhe von 89 Euro pro Jahr für den Endkunden ergeben. Demgegenüber stehen mögliche Einsparungen von wenigen Euros „selbst bei sehr starken Stromeinsparbemühungen“. [3] Eine Idee, um vorläufig mit kleineren Beträgen hantieren zu können, besteht darin, sofort von allen Kunden 29 Euro pro Jahr zu kassieren, uns aber nur allmählich mit den Zählern zu versorgen, was die Sache auf Dauer nicht besser machen würde.

Man könnte nun sagen: Dann lassen wir das Ganze eben. Aber für dieses Ergebnis würde das BMWi wohl ungern bezahlen. Auftrag war es offenbar nicht, zu beurteilen, ob irgendwelche „intelligenten“ Geräte Sinn machen oder nicht, sondern eine Strategie zu liefern, wie sie eingeführt werden können. So lautet am Ende die Empfehlung, nicht wie von der EU gefordert flächendeckend „intelligente Messsysteme“ einzuführen. Besser sei das sogenannte „Rolloutszenario Plus“. Dieses sieht vor, statt „intelligenter Messsysteme“, die teuer sind und nichts bringen, bei den meisten privaten Endkunden nur „intelligente Zähler“ zu installieren, die sich von den Messsystemen dadurch unterscheiden, dass sie keine externe Kommunikationsanbindung haben, also keine Verbrauchsdaten an die Netzbetreiber senden. So wird die ganze Angelegenheit billiger, wenn auch nicht sinnvoller. Pro Nutzer und Jahr liegen die Kosten jetzt nur noch bei durchschnittlich 58 Euro. Aufgrund des Tricks, dass alle ab sofort zahlen, die Geräte aber erst im Verlauf der nächsten 15 Jahre eingebaut werden, sinkt der Jahresbeitrag auf durchschnittlich 21 Euro. Nutzer der Messsysteme zahlen laut Finanzierungsmodell 55 bis 72, Nutzer der Zähler 42 und Noch-nicht-Nutzer 8 Euro. [4] Bis 2029 sollen die Geräte flächendeckend eingeführt sein.

Das Stromeinsparpotenzial soll im Rolloutszenario Plus bei 1,2 Prozent liegen (S. 180). Muss aber nicht: „Die unmittelbarere Bereitstellung von Verbrauchsdaten/Abrechnungsinformationen kann zu Verhaltensänderungen beim Endkunden führen und bei entsprechenden Tarifmodellen zu finanziellen Auswirkungen“, schreiben die Autoren vorsichtig. [5] Verlassen will man sich darauf aber wohl nicht. Sie empfehlen sicherheitshalber eine „bundesweite Informations- und Aufklärungskampagne“, um die Bürger ans Stromsparen mit Hilfe der neuen Gerätchen heranzuführen.

Überhaupt scheint es sich vor allem um eine bewusstseinsbildende Maßnahme zu handeln. Wir alle sollen unseren Verbrauch immer schön im Auge behalten. Alle, die mit der Mülltrennung noch nicht ausgelastet sind, können jetzt einer weiteren sinnstiftenden Tätigkeit nachgehen: dem privaten Verbrauchsmanagement, das darin besteht, immer dann schnell die Waschmaschine anzustellen, wenn am Sonntag die Sonne besonders stark scheint oder in der Nacht der Wind ordentlich weht. Der verantwortungsbewusste und sparsame Bürger soll täglich über seinen Energieverbrauch nachdenken, auch wenn ihm das nichts bringt. In der Studie wird das so formuliert: „Trotz einer relativ geringen Lastverlagerung können die angebotenen Tarife dazu führen, dass sich die Haushalte täglich mit dem Thema Energie auseinandersetzen und dies zu einem bewussteren Verbrauchsverhalten führt.“ [6] Ob das nicht am Ende nach hinten losgeht? Ob wirklich die Leute, aus lauter Freude darüber, hier und da ein paar Cent einsparen zu können und „energiebewusst“ zu leben, über die ständig steigenden Energiekosten hinwegsehen? Ich hoffe, es bezweifeln zu dürfen.

Zuerst erschienen bei NovoArgumente