13 Thesen für die Freiheit

Für freie Menschen und eine Gesellschaft freier Menschen im 21. Jahrhundert

Wir haben Glück, heute zu leben. Noch nie standen so vielen Menschen so viele Möglichkeiten offen. Wir sind mobiler, gesünder, wohlhabender, gebildeter, technologisch fortgeschrittener und in vielerlei Hinsicht freier in unserer persönlichen Lebensgestaltung als je zuvor. Grund genug, optimistisch in die Zukunft zu blicken.

Doch wir laufen Gefahr, wichtige Errungenschaften zu verlieren. Freiheitsmüdigkeit breitet sich aus. Der Glaube an unsere eigenen Fähigkeiten hat nachgelassen. Die Überzeugung, dass wir selbst und unsere Mitmenschen unangeleitet die richtigen Entscheidungen treffen und die Zukunft positiv gestalten können, verliert an Kraft. Immer mehr staatliche Gebote, Verbote und Regeln prägen unseren Alltag. So entsteht ein gesellschaftliches Klima, in dem nicht Offenheit, Experimentierfreude und Toleranz, sondern Skepsis, Ängstlichkeit und Konformismus dominieren.

Deshalb streiten wir für Freiheit: die Freiheit, die Menschen benötigen, um die Gesellschaft voran zu bringen, die Freiheit, das eigene Leben zu gestalten, und vor allem auch die Freiheit kontroverser, offener Debatten ohne Denk- und Redeverbote. Eine Gesellschaft, die das nicht zulässt, ist nicht mehr frei. Nur eine Gesellschaft, in der es freien Wettstreit der Ideen gibt, kann sich positiv verändern.

Diese Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit und war es nie. Das Recht, eigene Ziele und Träume zu verfolgen, Gedanken und Meinungen auszudrücken und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, wurde einst den Herrschenden abgetrotzt. Wir müssen uns jeden Tag neu dafür einsetzen. Das Problem von Freiheit oder Unfreiheit ist nicht eines, das für uns während der Französischen Revolution oder der Verabschiedung des Grundgesetzes gelöst wurde. Es betrifft uns jeden Tag in unserem eigenen Leben. Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht der aktuellen Krise des politischen Liberalismus haben wir 13 Thesen formuliert, mit denen wir eine neue Diskussion über Freiheit aus humanistischer Perspektive eröffnen wollen.

1. Der Mensch ist nicht das Problem, sondern die Lösung. Freiheit ist nicht gefährlich, sondern die Quelle menschlicher Kreativität.

Dem humanistischen Ideal, dass der Mensch frei und autonom sein Leben und seine Umwelt kontrollieren und durch rationales Handeln zum Besseren gestalten kann, steht heute ein antihumanistisches gegenüber, das auf Vermeidung, Selbstbegrenzung, Risikoscheu und Angst vor Veränderungen basiert. Hier erscheint der Mensch in erster Linie als mögliche Gefahr für sich selbst, für andere und den ganzen Planeten. Dagegen wenden wir uns. Wir glauben an den Menschen, sein schöpferisches Potenzial und damit auch an die Freiheit.

2. Wir können selbst entscheiden, was gut für uns ist und was nicht. Dafür brauchen wir keinen wohlmeinenden Staat, der uns erzieht, therapiert oder vor uns selbst schützt.

Wenn in der westlichen Gesellschaft das gesellschaftliche Gut Freiheit relativiert wird, geschieht dies nicht in jener Weise, wie wir es von Diktaturen kennen. Es marschieren keine Polizeitruppen auf und es wird keine Staatspropaganda auf Flugblätter gedruckt. Die moderne Sprache des Freiheitsentzuges ist die des Beschützers und Pädagogen. Frauen müssen vor Männern geschützt werden, Verbraucher vor Konzernen, Nichtraucher vor Rauchern und die Raucher vor sich selbst. Durch Verbote und Verhaltensanreize greifen politische Institutionen in immer mehr Lebensbereiche der Bürger ein und machen Vorschriften darüber, was wir essen, trinken oder konsumieren dürfen und wie wir uns in zwischenmenschlichen Beziehungen verhalten sollen. Damit verkehrt sich unser Verhältnis zu den Institutionen. Nicht der Staat muss sich mehr vor den Bürgern rechtfertigen – die Bürger werden dem Staat gegenüber rechenschaftspflichtig.

3. Die repräsentative Demokratie bildet das Fundament unserer politischen Freiheit. Sie muss gegen Allparteienkonformismus und technokratischen Politikstil verteidigt werden.

Für die Freiheit zu kämpfen, wird heute umso wichtiger, weil es bequem geworden ist, Verantwortung an andere auszulagern, statt mit Mut und Zuversicht für eigene Entscheidungen gerade zu stehen. Die politisch Handelnden verstecken sich hinter angeblichen Sachzwängen und entziehen sich so der Kontrolle und Rechtfertigungspflicht gegenüber der demokratischen Öffentlichkeit. Statt im Parlament werden politische Entscheidungen häufig von Gremien getroffen, die sich keiner demokratischen Wahl stellen müssen – das gilt vor allem für die EU-Ebene. Zu leichtfertig wird das Mantra, es gebe keine Alternative, von vielen Bürgern akzeptiert. Doch es gibt in der Politik immer Alternativen. Deshalb treten wir für ein Wiedererstarken der demokratischen Streitkultur in Parlamenten, Parteien und der Bevölkerung ein.

4. Die ausufernde Überwachung macht die Welt nicht sicherer, sondern unfreier.

Staatliche Überwachung ist längst Alltag. Spätestens seit dem 11. September 2001 greift der Staat unter dem Vorwand der Gefahrenprävention im Antiterrorkampf massiv in die Rechte seiner Bürger ein. Die Angst vor Terrorangriffen oder anderen Gefahren hat dazu geführt, dass der Schutz durch den Staat für viele wichtiger geworden ist als der Schutz vor dem Staat. Der Preis, den wir hierfür zahlen, ist ein zunehmender Verlust unserer Selbstbestimmung. Verbriefte Freiheitsrechte werden durch Vorratsdatenspeicherungen, Abhörnetze oder die präventive Erfassung biometrischer Daten eingeschränkt. Diese Entwicklung muss umgekehrt werden. Wir schützen uns nicht durch immer mehr Überwachungskameras oder Kontrollen vor Terroristen. Angst und Misstrauen sind kein guter Ratgeber.

5. Das Private muss privat bleiben. Vertrauensvolle Beziehungen im Privaten schaffen die Grundlage für ein lebendiges öffentliches Leben.

Immer mehr Menschen glauben, hinter verschlossenen Türen, Schändliches oder Gefährliches vermuten zu müssen. Aus diesem Misstrauen erwachsen Forderungen nach Transparenz in immer mehr Bereichen unseres Lebens. Die persönliche Freiheit der Menschen entfaltet sich aber gerade in den selbst gewählten zwischenmenschlichen oder familiären Beziehungen, die den Einzelnen die Sicherheit geben, frei von externen Vorschriften und Rollenerwartungen autonom zu handeln. Mündigkeit und Urteilskraft werden vor allem in der Sphäre des Privaten eingeübt – aber auch die Politik kommt nicht ohne Vertraulichkeit aus. Deshalb müssen wir die Privatsphäre nicht nur vor staatlichen Eingriffen schützen, sondern auch das Bewusstsein für ihre gesellschaftliche Bedeutung wieder schärfen.

6. Kindererziehung ist Angelegenheit der Eltern und nicht des Staates.

Bis heute sieht das Grundgesetz Erziehung zwar noch als Recht und Pflicht von Eltern an, doch das Prinzip elterlicher Erziehungshoheit wird immer weiter ausgehöhlt. Dadurch wird auch der Status der Eltern als mündige und verantwortungsbewusste Erwachsene in Frage gestellt. Eltern wird nicht mehr zugetraut, selbst am besten zu wissen, was gut für ihre Kinder ist. Da schlechte Erziehung heute für praktisch jedes spätere Fehlverhalten von Menschen als Begründung herhalten muss, sieht der Staat besonderen Handlungsdruck. Durch die zunehmenden Interventionen entsteht ein Klima der Verunsicherung bei den Eltern, unter dem die Kinder am meisten leiden.

7. Das Ziel des Sozialstaats muss es sein, dass Menschen unabhängig bleiben und weder staatlicher Fürsorge bedürfen, noch staatlicher Bevormundung ausgesetzt sind.

Es ist richtig und ein Gebot der Humanität, dass die Gesellschaft hilfsbedürftige Menschen materiell unterstützt. Das Ziel jeder staatlichen Unterstützung muss es aber sein, dass die Hilfsempfänger so schnell wie möglich wieder ohne sie auskommen können. Der Sozialstaat hat sich merklich von diesem emanzipativen Anspruch entfernt. Das heutige Wohlfahrtsmodell basiert auf der therapeutischen Prämisse, wonach im Grunde alle Menschen in unterschiedlichem Ausmaß von einem omnipräsenten Staat und seinen Institutionen beraten, betreut und zu einem gesünderen und besseren Lebensstil erzogen, verführt oder gedrängt werden müssen. Gefördert wird Abhängigkeit und Entsolidarisierung statt Unabhängigkeit und gesellschaftliches Miteinander. Deswegen brauchen wir eine politische Debatte über die Grenzen des interventionistischen Sozialstaates.

8. Die Redefreiheit ist das Fundament der Demokratie. Jedes Wort, auch das schwer ertragbare, muss gesagt werden dürfen.

Meinungs- und Redefreiheit werden von unserer Verfassung garantiert, aber nicht mehr gelebt. Immer wieder werden scheinbar gute Gründe dafür aufgeführt, warum die freie Rede eingeschränkt werden sollte – etwa, dass sich empfindliche Seelen durch Wörter verletzt fühlen oder verwirrte Zeitgenossen von Demagogen verführt werden könnten. Sprachregeln sollen die Menschen vor eigenem und fremdem sprachlichen „Fehlverhalten“ schützen. Abweichende Meinungen werden nicht als Chance gesehen, die eigenen Argumente zu erproben und zu stärken, sondern zum Anlass genommen, Menschen auszugrenzen oder eine Entschuldigung zu fordern. Aber nur dort, wo verschiedene Meinungen im Wettstreit miteinander liegen, kann sich am Ende das beste Argument durchsetzen. Deshalb brauchen wir das Recht, jede Überzeugung hören zu dürfen, denn auch falsche, provozierende, verlogene und verabscheuungswürdige Äußerungen tragen zum Klärungsprozess bei. Statt auf Tabus sollten wir auf eine Kultur der Kontroverse setzen.

9. Die Wissenschaft muss frei von politischer Einflussnahme forschen dürfen. Je besser wir verstehen, wie die Welt funktioniert, desto umfassender können wir unser Schicksal selbst bestimmen.

Je mehr wir wissen, desto freier können wir sein. Die Forschung erweitert unablässig unsere Handlungsmöglichkeiten. Gerade die Freiheit der Forschung ist aber heute nicht in vollem Maße gewährleistet. Denn sie ist nur dann wirklich frei, wenn sie als Selbstzweck betrieben wird, also ausschließlich dem Erkenntnisgewinn und der Wahrheitssuche dient. Dafür muss die Wissenschaft vom Staat mit genügend finanziellen Mitteln ausgestattet werden. Gleichzeitig muss er sie als autonome Sphäre respektieren und darf nicht versuchen, sie zu lenken und zu regulieren.

10. Naturbeherrschung ermöglicht Freiheit.

Die wachstums- und technikkritische Grundhaltung sowie die Knappheitsmythen grünen Denkens verneinen unsere Rolle als Gestalter unserer Umwelt. Ständig wird an uns appelliert, die Natur durch Vorsorge, Verzicht und Selbstbeschränkung zu konservieren. Dabei ist die Befreiung von den Härten und Launen der Natur eine zivilisatorische Errungenschaft. Die immer weiter reichende Naturbeherrschung hat uns in den vergangenen 200 Jahren Freiheit und Wohlstand gebracht. Wer von der natürlichen Begrenzung der Ressourcen spricht, blendet den menschliche Erfindungsreichtum aus. Wir erschließen ständig neue natürliche Quellen des Reichtums. Auch für zehn Milliarden Menschen ist ein hoher, „westlicher“ Lebensstandard möglich. Wir dürfen uns nicht irritieren lassen und müssen diesen Weg weitergehen.

11. Unternehmerische Freiheit und Wirtschaftswachstum im Rahmen einer demokratischen, gemeinwohlorientierten Gesellschaft schaffen die materiellen Voraussetzungen für ein freies Leben.

Die Skepsis gegenüber der Marktwirtschaft ist heute weit verbreitet. Es wird unterstellt, die Interessen der Wirtschaft und der Bevölkerung ständen in Widerstreit zueinander. Die Unternehmen werden immer stärker reguliert. Dies führt dazu, dass sich nicht die besten Lösungen durchsetzen und Investitionen ausbleiben. So werden Wachstum und Innovationskraft der Wirtschaft gehemmt. Doch wirtschaftliches Wachstum ist nicht nur Grundlage dafür, dass Hunger und Armut weltweit mehr und mehr zurückgedrängt werden. Wirtschaftswachstum bedeutet auch mehr Freiheit bei uns: In Deutschland hat sich im 20. Jahrhundert die Zahl der Arbeitsstunden pro Kopf halbiert. Wir werden freier, wenn immer weniger Arbeit zur unmittelbaren Erzeugung der materiellen Lebensgrundlagen erforderlich ist, wir uns mehr leisten können und mehr Freizeit haben.

12. Offene Grenzen machen uns alle freier. Wer seine Koffer packt, um woanders Arbeit und ein besseres Leben zu finden, zeigt Initiative und Mut. Wir können von der Dynamik der Einwanderung nur profitieren.

In einer freien Welt sollte jeder das Recht haben, zu leben und zu arbeiten, wo er möchte. Viel zu häufig wird über Einwanderung als Last gesprochen. Während wir akzeptieren, dass die Öffnung der Grenzen für Waren unseren Wohlstand erhöht hat, stehen viele der Einwanderung skeptisch gegenüber. Dabei kommen hier die gleichen Mechanismen zum Tragen: Menschen gehen dorthin, wo sie Arbeit finden können und ihre Dienste gebraucht werden. Einwanderungswellen gehen häufig mit großen Wachstums- und Wohlstandsimpulsen einher. Wir sollten Einwanderung daher als etwas Positives begreifen, anstatt angstgesteuerte Debatten über ihre Begrenzung zu führen.

13.Es ist sinnlos, sich den Menschen als Wesen ohne freien Willen zu denken.

Der Mensch ist in seinem Denken und Handeln frei. Wir berauben uns unserer Freiheit, wenn wir uns einreden oder einreden lassen, nicht selbst für unser Leben verantwortlich zu sein, sondern bloß Resultat unserer Gene, Produkt unserer sozialen Herkunft oder Opfer frühkindlicher traumatischer Erfahrungen. Die übermäßige Betonung vermeintlicher natürlicher oder sozialer Ursachen des Verhaltens erschwert den Individuen, ihr Leben als rationale und voll verantwortliche Akteure in die eigene Hand zu nehmen.

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Atomkraft: Die Neuerfindung der Kernenergie

Seit Merkels kühner Wende scheint das Ende der Kernenergie in Deutschland besiegelt. Das Land präsentiert sich als Eldorado für Windmüller und Solardachbesitzer und als Sperrgebiet für Kernphysiker. Ganz Deutschland? Nein! In Berlin hat sich eine kleine Truppe von Enthusiasten zusammengefunden, die mitmischen wollen, wenn die Renaissance jener Energiequelle eingeläutet wird, die beides kann: sehr billig sein und gleichzeitig CO2-frei.

Dass man es mit Exoten in der schnell wachsenden Berliner Start-up Szene zu tun hat, erkennt man schon am sperrigen Namen. „Institut für Festkörper-Kernphysik (IFK) GmbH“ klingt nicht gerade sexy und nicht nach schnellem Geld im Internet. Es klingt auch nicht nach Atomindustrie. Streng genommen muss man das Gründungsunternehmen aber wohl dazu zählen. Denn das Geschäftsmodell besteht darin, eine ganz neue Art von Kernreaktor zu entwickeln und zu kommerzialisieren. Das war so allerdings erst mal nicht geplant. Als der Kernphysiker Armin Huke das Unternehmen vor vier Jahren als gemeinnützige GmbH gründete, wollte er vor allem seine Grundlagenforschung im Bereich der Kernfusion fortführen, nachdem an der TU Berlin wie an vielen kernphysikalischen Instituten in Deutschland die Kernphysik in ein Nischendasein gedrängt worden war. Die Sache mit dem Reaktor ergab sich eher zufällig. Zusammen mit seinem früheren Kommilitonen Götz Ruprecht suchte er nach einem verwertbaren Projekt. Ruprecht war nach Kanada gegangen, wo er am nationalen Kernforschungszentrum TRIUMF Prozesse untersuchte, die im Innern von Sternen ablaufen. Zusammen kam ihnen die Idee, eine neue Quelle für Molybdän 99 zu entwickeln. Das ist ein radioaktives Isotop, das in der Medizin von großer Bedeutung ist und für das 2010 ein akuter globaler Versorgungsengpass entstanden war. Es ließ sich nicht wirtschaftlich umsetzen, lieferte aber neue Lösungen, wie auf Basis alter Konzepte aus den 1950er und 60er Jahren, der wilden Zeit der Kernenergieforschung, ein hoch effizientes Kraftwerk gebaut werden könnte. „Da haben wir gemerkt, dass viel mehr geht, als das, was heute in der Industrie zur Anwendung kommt“, sagt Huke. „Die heutigen Reaktoren haben eine Menge Nachteile, die keineswegs sein müssten.“ Zusammen mit Ruprecht und einigen anderen hat er deshalb in den letzten drei Jahren den sogenannten Dual Fluid Reaktor entworfen und zum Patent angemeldet. Der beansprucht so viele Vorteile, dass auch hartgesottene Atomkraftgegner ins Nachdenken kommen könnten.

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Kurzfassung bei FOCUS

Pestizide: Wenn Pflanzenschutzmittel nicht krank machen

Der grüne Abgeordnete Harald Ebner schafft es, sein politisches Selbstverständnis in einem Satz zusammenzufassen: „Im Bundestag für Schwäbisch Hall / Hohenlohe … und gegen Agro-Gentechnik“. [1] Folgerichtig hat ihn die Fraktion zum „Sprecher für [sic] Agro-Gentechnik“ ernannt. In dieser Funktion widmet er sich auch dem Kampf gegen das weltweit meistgenutzte Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat. An Mitstreitern mangelt es nicht. Der Wirkstoff steht pars pro toto für die moderne Landwirtschaft und ist somit allen Verfechtern eines alternativen Ackerbaus ein Dorn im Auge. Hintergrund für die aktuelle Diskussion ist die anstehende Neubewertung zur Verlängerung der europäischen Zulassung, die routinemäßig alle zehn Jahre erfolgt. Ebner bringt das Mittel in Zusammenhang mit einer „extremen Zunahme an Missbildungen bei Neugeborenen, Fehlgeburten, Nierenschäden oder auch verschiedenen Krebsarten“ [2] und einem „weltweiten Amphibiensterben“ [3]. In ein ähnliches Horn bläst der BUND mit einem geschmacklosen Internetpropagandavideo zur Thematik. [4] Da erscheint es nur folgerichtig, die Glyphosat-Zulassung zumindest auszusetzen.

Die Frage ist, woher die Behauptungen stammen, die das seit über 30 Jahren eingesetzte Mittel so gefährlich erscheinen lassen. Die ZDF Sendung „Das stille Gift. Wenn Pestizide krank machen“, die am 8. Mai 2013 erstmals gesendet wurde, hat offenbar den Anspruch, uns über die Gefahren aufzuklären. [5] Wir begegnen der behinderten Tochter eines armen argentinischen Tabakbauers. Wir erfahren, dass der Bauer Glyphosat genutzt hat. Ein weiterer Bauer hat einen behinderten Sohn. „Die genaue Zahl der Betroffenen kennt niemand“, heißt es viel- und doch nichtssagend. Wäre es da nicht Aufgabe der Journalisten, herauszufinden, wie sich die Zahl der Behinderungen im Vergleich zu anderen Regionen der Welt verhält. Müsste man nicht auch versuchen, eine Antwort auf die Frage zu finden, warum ein Stoff, der weltweit massiv eingesetzt wird, ausgerechnet in einer kleinen Region Argentiniens bei Kindern armer Tabakbauern zu Geburtsfehlern führt? Was sagt die Wissenschaft? Befragt wird im Film Prof. Andrés Carrasco in Buenos Aires. Er antwortet: „Wenn man nach einem Zusammenhang fragt zwischen Krankheit und Pestiziden, würde ich antworten: Ich brauche keine Gewissheit. Es geht nicht um wissenschaftliche Gewissheiten. […] Wenn wir den Verdacht haben, dass eine Ursache negative Folgen hervorruft, dann muss man diese Ursache erst einmal beseitigen.“ Mit anderen Worten: Wenn einem irgendetwas nicht gefällt, dann muss man nur irgendwo auf der Welt einen Wissenschaftler finden, der sagt, dass es nicht um wissenschaftliche Überprüfung gehe, sondern ein Verdacht genügt. Solchermaßen bekräftigt, wird das Unwissen der Reporter in suggestiven Formulierungen wie der folgenden zum Beweis der Schädlichkeit: „Glyphosat im Boden, Glyphosat im Grundwasser. Niemand weiß, was das für Folgen haben wird.“ Weiß es wirklich niemand? Was ist mit den 1636 Studien, die in der Wissenschaftsdatenbank PubMed zum Stichwort „Glyphosat“ zu finden sind? Enthalten Sie keine Erkenntnisse zur Wirkung der Substanz auf Mensch und Umwelt? Glyphosat ist einer der am besten untersuchten Stoffe der Welt. Wenn wir das Herbizid vorsorglich verbieten wollen, weil wir angeblich nicht genug über seine Gefährlichkeit wissen, dann kann daraus nur folgen, dass wir auch alle anderen Stoffe verbieten müssten, über die wir noch weniger wissen. Eine solche Auslegung des Vorsorgeprinzips ist völlig absurd.

Wenn es um die Alarmierung der Bevölkerung geht, darf neben der Einzelfallbetrachtung (Seht: ein behindertes Kind in einem Tabakanbaugebiet) und dem vermeintlichen Nichtwissen (Seht: ein Professor kann ein Risiko nicht ausschließen) auch die Entdeckung nicht fehlen (Seht: wir haben etwas gefunden). Diese lieferte im Juni der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Form einer Untersuchung, wonach 7 von 10 Deutschen Glyphosat im Urin haben. Getestet hatte die Organisation zwar auch nur 10 Personen, es ist aber durchaus plausibel, dass sich bei vielen von uns die Substanz im Urin findet. Was grundsätzlich ein gutes Zeichen ist. Denn es zeigt, dass die Spuren von Glyphosat, die wir mit der Nahrung aufnehmen, den Körper schnell wieder verlassen und nicht angereichert werden. Grundsätzlich sagt der Nachweis einer Substanz im Körper rein gar nichts darüber aus, ob damit irgendeine Gefahr verbunden ist. Wie immer gilt: Die Dosis macht das Gift. Und die Dosis ist extrem gering. Vergleichen wir es zum Beispiel mit der Gefahr von Tomaten: Diese können bis zu 7 mg des Giftes Solanin pro Kilogramm enthalten. Das ist rund 80-mal weniger als die Dosis von 590 mg pro Kilogramm Körpergewicht, die im Tierversuch 50% der Ratten töten würde (LD 50). Deshalb haben wir keine Bedenken beim Verzehr von Tomaten. Für Glyphosat beträgt die LD 50 bei Ratten rund 5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. Es ist somit weit weniger giftig als Solanin (und z.B. auch weniger giftig als Kochsalz mit LD 50 von 3g/kg). Die vom BUND gemessene Belastung bewegte sich aber lediglich in der Größenordnung von 0,0000005 g/kg, also rund 10 Millionen Mal niedriger als der LD50-Wert und damit laut Bundesinstitut für Risikobewertung um „mehr als den Faktor 1000 unter gesundheitlich bedenklichen Konzentrationen.“ [6] Eine solche „Belastung“ ist für den Umweltverband dennoch ein Skandal. Was also tun? „Die Menschen sollen im Supermarkt nachfragen, ob der eine Belastung ausschließen kann“, rät allen Ernstes die „Gentechnik-Expertin“ des BUND, Heike Moldauer, in einem Interview unter der Überschrift „Glyphosat im Urin: ‚Verheerend für menschliche Gesundheit‘“ auf der Website von RTL. [7] Um das Ausmaß der Problematik eindringlich zu veranschaulichen, wurde das eingangs erwähnte Animationsvideo produziert, in dem Tausende Babys wie Kohlköpfe auf dem Feld wachsen und dann mit Glyphosat tot gespritzt werden. [8] Botschaft „Pestizide – hergestellt, um zu töten“. Spendenkonto-Nummer 232, „Stichwort: Gegen Gift, Sparkasse KölnBonn, BLZ 370 501 98.“ Auch eine Art, sein Geld zu verdienen.

Die eigentliche Ursache für den Kampf gegen Glyphosat hat mit der vermeintlichen Gefährlichkeit des Herbizids wenig zu tun. Der große und offenbar unwiderstehliche Anreiz, den Stoff zu verteufeln, besteht darin, dass er sozusagen die Quintessenz der modernen Landwirtschaft ist. Er ist zunächst als Herbizid eben „Gift auf dem Acker“ und als Totalherbizid (das alle Pflanzen tötet) sozusagen ein Supergift. Es gilt Umweltaktivisten zudem als ein Steigbügelhalter der Gentechnik, denn viele der heute genutzten gentechnisch veränderten Sorten basieren darauf, dass sie resistent gegen Glyphosat sind, das somit alles tötet, was auf dem Feld wächst, außer eben dem Getreide. Gerade in der emotional geführten Debatte nicht zu vergessen: Es ist ein Produkt des meistgehassten Agrokonzerns der Welt, Monsanto, der es 1974 auf den Markt brachte. Es ist überdies – und das ist wahrscheinlich das Schlimmste – sowohl ökonomisch auch als ökologisch sehr vorteilhaft:  Mit Glyphosat können Landwirte sehr hartnäckige Unkräuter einfach und kosteneffektiv entfernen, die andernfalls Jahre überdauern können und zu massiven Ernteeinbußen führen. Es ersetzt andere, deutlich weniger umweltverträgliche Herbizide. Es ermöglicht eine pfluglose Bodenbearbeitung, was Energie spart und den Boden vor Erosion schützt. Es ist deshalb auch das am häufigsten verwendete Herbizid der Welt. Seit im Jahr 2000 der Patentschutz ausgelaufen ist, produzieren Dutzende von Herstellern Glyphosat und verkaufen es unter vielen Handelsnamen. Kurz: Jeder, der sich zurücksehnt in eine Zeit, in der die Hacke den Goldstandard der Unkrautbekämpfung darstellte und die Lebensmittelerzeugung arbeitsintensiv, beschwerlich, ineffizient und teuer war, der muss Glyphosat einfach hassen. Harald Ebner gefällt sich darin, den Stoff als „Schmiermittel der Billigfleischproduktion“ [9] zu beschimpfen und offenbart damit, dass er es nicht tolerieren will, dass beispielsweise in China, von wo übrigens mehr als die Hälfte des weltweit hergestellten Glyphosats kommt, Hunderte von Millionen von Menschen sich auch Fleisch und andere hochwertige Nahrungsmittel leisten können wollen.

Zuerst erschienen bei NovoArgumente