Freihandel: Angst vor Chlorhühnchen

USA und EU verhandeln seit Mitte 2013 über ein Abkommen zum Abbau von Handelsbarrieren, die so genannte Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP). Auch wenn es sich häufig so anhört, bedeutet dies nicht den Untergang des Abendlandes.

Auf der Kampagnenseite campact.de stellt sich die Sache ganz einfach dar: Unter der Überschrift „Keine Geschenke für Monsanto, BASF & Co.“  erfahren wir: „Das TTIP-Handelsabkommen soll Konzernen Profite durch Fracking, Chlorhühner, Gen-Essen und laxen Datenschutz erleichtern – und es bedroht Europas Demokratie. Auf diesen Deal lassen wir uns nicht ein.“ [1] Das leuchtet offenbar vielen Mitbürgern sofort ein. Bis Anfang April haben sich schon fast 500.000 vom mitgelieferten „5 Minuten Info“ überzeugen lassen und die Onlinepetition unterzeichnet.

Von den Kritikern wird die öffentliche Debatte als Kulturkampf inszeniert. In der taz wird in der Überschrift „Chlorfleisch statt Biohähnchen“ [2] in aller Kürze auf den Punkt gebracht, was zu drohen scheint, wenn man sich auf solche Verhandlungen mit Amerika einlässt. Illustriert ist der Artikel mit Fotos von übergewichtigen, fahnenschwenkenden US-Bürgern. Es geht darum, die gefühlte Bürgerherrschaft und Ökoromantik in Europa gegen die gefühlte Konzernherrschaft und Technikgläubigkeit in den USA zu verteidigen.

Der eigentliche Gegenstand der TTIP-Verhandlungen, die wohl noch Jahre brauchen werden, ist weniger spektakulär. Neben dem Abbau relativ weniger, noch verbliebener Zölle wird vor allem die Angleichung von Regeln und Standards oder die gegenseitige Anerkennung der jeweiligen Regulierungen als gleichwertig angestrebt. Ziel ist es, dass Unternehmen ihre Produkte in den Mitgliedstaaten des Abkommens genauso einfach verkaufen können wie in ihren Heimatländern.

Am ominösen Chlorhühnchen kann man verdeutlichen, worum es bei der gegenseitigen Anerkennung verschiedener Verfahren geht. Sowohl die USA als auch die EU achten aus guten Gründen darauf, dass Fleisch, das in den Handel kommt, nicht mit gefährlichen Bakterien belastet ist. In den USA wird dies unter anderem dadurch erreicht, dass Geflügel mit antimikrobiell wirkendem Chlordioxid behandelt wird, das bei Kontakt mit Lebensmitteln zu harmlosen Chlorid-Ionen zerfällt. In der EU sind für Fleisch grundsätzliche keine Dekontaminationsmethoden zugelassen.

Seit 1997 ist die Einfuhr von Geflügel, das mit Chlordioxid behandelt wurde, in die EU verboten, 2009 haben die USA dagegen geklagt, da weder die EU-Kommission noch die Mitgliedsstaaten eine auf wissenschaftliche Erkenntnisse gestützte Begründung für das Verbot vorgelegt hatten. Tatsächlich kam auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit efsa 2005 in einem Gutachten zu dem Schluss, dass Chlordioxid und drei andere untersuchte Substanzen unter den vorgeschlagenen Anwendungsbedingungen keinen Anlass zu Sicherheitsbedenken geben. [3] Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung lehnt die chemische Dekontaminierung in einer Stellungnahme von 2006 mit Verweis auf weit über 100.000 Erkrankungen durch Salmonellen und Campylobacter nicht ab. [4] Es ist verständlich, dass die US-Geflügelindustrie hier eine protektionistische Maßnahme sieht und die USA versuchen, diese Handelsbarriere loszuwerden.

Bezeichnend ist, dass Ilse Aigner, als sie noch Landwirtschaftsministerin war, die Ablehnung damit begründete, dass sie gegen die „Einfuhr von kontaminierten Geflügel“ sei. [5] Sie war offenbar der Auffassung, dass die Hühnchen durch die Dekontamination kontaminiert wurden. Fürchtet sie sich auch in der Arztpraxis, durch das Desinfektionsmittel infiziert zu werden? Sicher nicht. Sie teilt wahrscheinlich nur mit vielen anderen Europäern eine intuitive Abwehr gegen jede chemische Behandlung von Lebensmitteln und mutete sich nicht zu, lange darüber nachzudenken, was sie sagt, da sie sich der Zustimmung der Mehrheit sicher sein konnte.

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Saharastaub und Nanoangst

Zurzeit haben unsere Lungen wieder ganz schön etwas zu verarbeiten. Die Luft ist voller Partikel im Mikro- und Nanobereich. Ganz Europa wird regelmäßig von riesigen Staubwolken aus der Sahara heimgesucht, die die Feinstaubwerte nach oben treiben. Der Staub besteht vornehmlich aus Mischoxiden der Elemente Silizium, Aluminium, Titan, Eisen, Kalium und Kalzium.

Auch der Mensch produziert schon sehr viel länger, als es Nanotechnologie gibt, kleinste Partikel, vor allem durch Verbrennung von Holz, Kohle, Benzin und natürlich auch Tabak. Gerade im Frühjahr kommt noch die Landwirtschaft dazu. Seit Anfang Februar dürfen die Landwirte die Gülle, die sich über den Winter angesammelt hat, auf den Äckern und Wiesen ausbringen. Dabei wird Ammoniak (NH3) freigesetzt, aus dem sich in der Atmosphäre Feinstaub bildet.

Nanopartikel sind also nichts Neues. Wir atmen sie schon immer mit jedem Atemzug ein. In einem Liter Luft befinden sich 5 bis 10 Millionen Teilchen, die kleiner sind als 100 Nanometer. Von den Schwebstoffen in der Luft sind etwa 90 Prozent natürlichen Ursprungs, 10 Prozent von menschlicher Aktivität herrührend und 0 Prozent Produkte der Nanotechnologie. Selbst das High-Tech-Material der Kohlenstoffnanoröhrchen, das wir erst seit Kurzem industriell herstellen können, entsteht offenbar auch unabsichtlich als Nebenprodukt der Dieselverbrennung und ist daher schon seit langem in unserer Atemluft enthalten.

Die größte Quelle von Nanopartikeln sind tatsächlich Staubstürme. Rund 50 Prozent der Schwebstoffe in der Luft stammen aus der Sahara, der Wüste Gobi und anderen Gegenden mit starker Winderosion. Sie stellen insbesondere für empfindliche Menschen, etwa mit Asthma, eine Belastung dar. Dabei spielt auch die Zusammensetzung der Stäube eine Rolle. Ein hoher Anteil von Eisen oder anderen Metallen ist für das Lungengewebe problematischer als ein geringer. Hinzu kommen Partikel vulkanischen Ursprungs sowie von Waldbränden und auch Salzkristalle mit einer Größe ab 100 Nanometern. Letztere scheinen jedoch eher gesundheitsförderlich als schädlich zu sein. Deshalb schickt man Asthmatiker gerne ans Meer zur Kur oder auch untertage in Salzstöcke.

Auch viele Organismen sind kleiner als ein Millionstel Meter (1000 Nanometer). Viren bewegen sich im Bereich zwischen 10 und 400 Nanometer, Bakterien zwischen 30 und 7000. Einige von ihnen stellen als Krankheitserreger eine besondere Gefahr für Menschen dar und sind ein wesentlicher Grund dafür, dass im Laufe der Evolution alle Lebewesen sehr effektive Barrieren gegen das Eindringen auch sehr kleiner Objekte gebildet haben. In anderer Hinsicht sind sie harmloser, weil sehr viel unbeständiger. Sie lösen sich im Gegensatz zu den Teilchen, die wir als Nanopartikel bezeichnen, schnell auf.

Menschengemachte Partikel

Unter den von Menschen gemachten Nanopartikeln verdienen die in Innenräumen erzeugten besondere Beachtung, denn sie tragen in höherem Maße zur gesundheitlichen Belastung bei als die durch industrielle Produktion und Straßenverkehr verursachte Luftverschmutzung, zumal die meisten Menschen sich etwa 80 Prozent der Zeit in Gebäuden aufhalten. Kochen, Putzen, Kerzen- und Kaminfeuer sowie Zigarettenrauch sind die Hauptverursacher dieser Partikel. Aber auch Textilfasern oder Exkremente von Milben, die für die sogenannte Hausstauballergie verantwortlich sind.

Das grundsätzliche Problem von Nanopartikeln ist, dass sie leichter in den Körper gelangen und dort über Blut- und Lymphbahnen prinzipiell in alle Organe vor- und in einzelne Zellen eindringen können. Sie können so zur Entstehung einer Vielzahl von Krankheiten beitragen. Generell sind kleinere Partikel gefährlicher als größere, Haupteinfallstor ist die Lunge. Deshalb ist es ratsam die Belastung der Atemluft möglichst gering zu halten. Da ein Großteil der Partikel aus natürlichen Quellen stammt, sind die Möglichkeiten hierzu jedoch begrenzt.

Von Menschen absichtlich hergestellte Nanopartikel stellen also im Vergleich zu den natürlichen und den seit Jahrtausenden durch menschliche Tätigkeit unbeabsichtigt entstehenden eine geringe Menge dar. Unsere Körper verfügen generell über eine Vielzahl von Abwehrmechanismen, um damit umzugehen. Ebenso wie die natürlichen sind sie nicht per se gefährlich oder ungefährlich. Manche sind giftig, andere harmlos und manche sogar gesundheitsförderlich.

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