Greenpeace: „Der humanitäre Anspruch war weg, also ging ich.“

Interview mit Patrick Moore

Patrick Moore war einer der Gründer von Greenpeace. Heute sieht er die Organisation als großes Problem und setzt sich für die Zulassung des gentechnisch veränderten Goldenen Reises ein. Novo-Wissenschaftsressortleiter Thilo Spahl hat mit ihm gesprochen.

Thilo Spahl: Vor 40 Jahren haben Sie Greenpeace gegründet, heute bekämpfen Sie Greenpeace. Was ist in der Zwischenzeit schief gegangen, wann und warum?

Patrick Moore: Vieles ist schiefgelaufen über die Jahre. Zusammengefasst: Als Greenpeace anfing, und ich mit Greenpeace, ging es nicht nur um die Umwelt, sondern auch um die Menschen. „Green“ stand für die Umwelt und „Peace“ für das Ziel, die Gefahr eines Atomkriegs aus der Welt zu schaffen. Im Lauf der Jahre driftete Greenpeace dann dorthin, wo die Organisation heute und seit Langem steht. Sie charakterisieren heute den Menschen im Grunde als Feind der Erde. Das ist ein ganz anderer Ansatz und keiner, mit dem ich noch zu tun haben möchte. Menschen sind Teil der Erde. Wir sind mit unseren großen Gehirnen und unserer Technologie einzigartig unter den Lebewesen. Wir haben eine große Verantwortung, untereinander und gegenüber der Umwelt. Und wir nehmen sie auch wahr. Es gibt das Element des Eigeninteresses. Wenn wir Umwelt zerstören, können wir sie nicht mehr nutzen. Es gibt aber auch die Liebe zur Natur, die die Menschen verspüren.

Ich hatte das Glück in der unberührten Natur der Urwälder im Norden von Vancouver Island zur Welt zu kommen. Meine große Naturverbundenheit hat mich dazu geführt, Ende der 1960er-Jahre Ökologie zu studieren. 1971 schloss ich mich dem „Don’t Make a Wave Committee“ an, um gegen die Atombombentests in Alaska zu protestieren. Da ich praktisch auf Booten aufgewachsen bin, hatte ich gute Voraussetzungen für diese frühen Aktionen, die wir in einer kleinen Gruppe durchführten. Die ersten beiden Kampagnen waren gegen Atombombenversuche und der ganze Fokus war gegen Krieg. Wir nannten unser Boot damals Greenpeace. 1972 übertrugen wir den Namen auf die Organisation: die Greenpeace Foundation. Es gab damals zwei Fraktionen bei Greenpeace: die Peaceniks und die Ecofreaks. Als wir die Rettet die Wale-Kampagne starteten, fragten die Peacenik Leute: Was soll das denn? Mit den Kampagnen zur Rettung der Wale und gegen das Abschlachten von Robbenbabies haben wir uns vom Blick auf den Menschen entfernt und ganz auf Ökothemen konzentriert. Das war wahrscheinlich die entscheidende Wende für Greenpeace hin zu einer rein umweltzentrierten Ausrichtung. Die wäre okay, wenn sie rational begründet und konstruktiv wäre. Das Gegenteil ist aber der Fall.

In den 1970er-Jahren wuchs Greenpeace zunächst schnell und ungeordnet. Es wurden überall mehr oder weniger autonome Greenpeace Büros eröffnet, da der Name nicht geschützt war. Damit nicht alles außer Kontrolle gerät, haben wir 1979 Greenpeace International gegründet, wo ich einer der Direktoren war – der einzige mit einer wissenschaftlichen Ausbildung.  Die Zentrale wurde von Vancouver nach Amsterdam verlegt, da es in Europa am meisten Geld zu holen gab. Mittlerweile fanden wir Zustimmung bei der Mehrheit der Menschen: Atomare Abrüstung, Wale retten, Giftmüll kontrollieren – das alles war Mitte der 1980er nicht mehr kontrovers. Greenpeace wurde etabliert, einflussreich und reich.

Was hat das für die inhaltliche Ausrichtung bedeutet?

Die Aktivisten hatten nur eine Chance, die konfrontative Anti-Establishment-Haltung, die zu ihrem Selbstverständnis gehörte, zu bewahren: Sie mussten immer extremer werden. So wurde schließlich jeder Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und Logik aufgegeben, um Null-Toleranz-Kampagnen fahren zu können. Gentechnik und Atomkraft wurden die Paradethemen für einseitige kompromisslose Verteufelung und die Forderung nach Totalverboten. Gleichzeitig endete der Kalte Krieg, und die Friedensbewegung verlor ihren Inhalt. Die Friedensbewegung war im Grunde eine linksgerichtete, antiamerikanische Bewegung. Ich war Teil der Friedensbewegung, aber nie ausgesprochen links. Ich war links in Hinblick auf individuelle Freiheit und rechts in Hinblick auf wirtschaftliches Wachstum. Der Umweltschutz lässt sich da nicht einordnen, den verorte ich zwischen den Lagern. Ich glaube, der Verzicht auf wissenschaftlich begründbare Forderungen, kombiniert mit einer linken, antiamerikanischen und antimarktwirtschaftlichen Einstellung führte die Umweltbewegung in die ideologische Sackgasse, in der sie heute steckt.
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