Greenpeace: „Der humanitäre Anspruch war weg, also ging ich.“

Interview mit Patrick Moore

Patrick Moore war einer der Gründer von Greenpeace. Heute sieht er die Organisation als großes Problem und setzt sich für die Zulassung des gentechnisch veränderten Goldenen Reises ein. Novo-Wissenschaftsressortleiter Thilo Spahl hat mit ihm gesprochen.

Thilo Spahl: Vor 40 Jahren haben Sie Greenpeace gegründet, heute bekämpfen Sie Greenpeace. Was ist in der Zwischenzeit schief gegangen, wann und warum?

Patrick Moore: Vieles ist schiefgelaufen über die Jahre. Zusammengefasst: Als Greenpeace anfing, und ich mit Greenpeace, ging es nicht nur um die Umwelt, sondern auch um die Menschen. „Green“ stand für die Umwelt und „Peace“ für das Ziel, die Gefahr eines Atomkriegs aus der Welt zu schaffen. Im Lauf der Jahre driftete Greenpeace dann dorthin, wo die Organisation heute und seit Langem steht. Sie charakterisieren heute den Menschen im Grunde als Feind der Erde. Das ist ein ganz anderer Ansatz und keiner, mit dem ich noch zu tun haben möchte. Menschen sind Teil der Erde. Wir sind mit unseren großen Gehirnen und unserer Technologie einzigartig unter den Lebewesen. Wir haben eine große Verantwortung, untereinander und gegenüber der Umwelt. Und wir nehmen sie auch wahr. Es gibt das Element des Eigeninteresses. Wenn wir Umwelt zerstören, können wir sie nicht mehr nutzen. Es gibt aber auch die Liebe zur Natur, die die Menschen verspüren.

Ich hatte das Glück in der unberührten Natur der Urwälder im Norden von Vancouver Island zur Welt zu kommen. Meine große Naturverbundenheit hat mich dazu geführt, Ende der 1960er-Jahre Ökologie zu studieren. 1971 schloss ich mich dem „Don’t Make a Wave Committee“ an, um gegen die Atombombentests in Alaska zu protestieren. Da ich praktisch auf Booten aufgewachsen bin, hatte ich gute Voraussetzungen für diese frühen Aktionen, die wir in einer kleinen Gruppe durchführten. Die ersten beiden Kampagnen waren gegen Atombombenversuche und der ganze Fokus war gegen Krieg. Wir nannten unser Boot damals Greenpeace. 1972 übertrugen wir den Namen auf die Organisation: die Greenpeace Foundation. Es gab damals zwei Fraktionen bei Greenpeace: die Peaceniks und die Ecofreaks. Als wir die Rettet die Wale-Kampagne starteten, fragten die Peacenik Leute: Was soll das denn? Mit den Kampagnen zur Rettung der Wale und gegen das Abschlachten von Robbenbabies haben wir uns vom Blick auf den Menschen entfernt und ganz auf Ökothemen konzentriert. Das war wahrscheinlich die entscheidende Wende für Greenpeace hin zu einer rein umweltzentrierten Ausrichtung. Die wäre okay, wenn sie rational begründet und konstruktiv wäre. Das Gegenteil ist aber der Fall.

In den 1970er-Jahren wuchs Greenpeace zunächst schnell und ungeordnet. Es wurden überall mehr oder weniger autonome Greenpeace Büros eröffnet, da der Name nicht geschützt war. Damit nicht alles außer Kontrolle gerät, haben wir 1979 Greenpeace International gegründet, wo ich einer der Direktoren war – der einzige mit einer wissenschaftlichen Ausbildung.  Die Zentrale wurde von Vancouver nach Amsterdam verlegt, da es in Europa am meisten Geld zu holen gab. Mittlerweile fanden wir Zustimmung bei der Mehrheit der Menschen: Atomare Abrüstung, Wale retten, Giftmüll kontrollieren – das alles war Mitte der 1980er nicht mehr kontrovers. Greenpeace wurde etabliert, einflussreich und reich.

Was hat das für die inhaltliche Ausrichtung bedeutet?

Die Aktivisten hatten nur eine Chance, die konfrontative Anti-Establishment-Haltung, die zu ihrem Selbstverständnis gehörte, zu bewahren: Sie mussten immer extremer werden. So wurde schließlich jeder Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und Logik aufgegeben, um Null-Toleranz-Kampagnen fahren zu können. Gentechnik und Atomkraft wurden die Paradethemen für einseitige kompromisslose Verteufelung und die Forderung nach Totalverboten. Gleichzeitig endete der Kalte Krieg, und die Friedensbewegung verlor ihren Inhalt. Die Friedensbewegung war im Grunde eine linksgerichtete, antiamerikanische Bewegung. Ich war Teil der Friedensbewegung, aber nie ausgesprochen links. Ich war links in Hinblick auf individuelle Freiheit und rechts in Hinblick auf wirtschaftliches Wachstum. Der Umweltschutz lässt sich da nicht einordnen, den verorte ich zwischen den Lagern. Ich glaube, der Verzicht auf wissenschaftlich begründbare Forderungen, kombiniert mit einer linken, antiamerikanischen und antimarktwirtschaftlichen Einstellung führte die Umweltbewegung in die ideologische Sackgasse, in der sie heute steckt.
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Antigentechnikbewegung: Sich im Schatten des Bösen sonnen

Vor kurzem verkündete die taz den Sieg gegen die Gentechnik. Der US-Konzern Monsanto habe den europäischen Markt aufgegeben. Diese Nachricht ist nicht neu. Interessanter sind das Verschwörungsdenken und der Markenfetischismus der Gentechnikgegener. Ein Kommentar von Thilo Spahl.
Ende Mai meldete die taz unter der Überschrift „Monsanto gibt Europa auf“, die Anti-Gentech-Bewegung habe „den wohl entscheidenden Sieg errungen.“ Der Artikel ist belanglos, ein Sprecher des Konzerns wird mit den Worten zitiert, es werde „keine Lobbyarbeit mehr für den Anbau in Europa“ gemacht und man plane derzeit nicht, neue Zulassungen von gentechnisch veränderten (GV-)Pflanzen zu beantragen. Das ist weder eine Sensation noch eine Neuigkeit. Für Monsanto hat der europäische Markt für GV-Pflanzen längst an Attraktivität verloren. Damit steht der US-Konzern nicht allein – die Global Players haben den Markt größtenteils abgeschrieben. Entwickelt werden neue Produkte fast nur noch für Amerika und Asien.

Trotz des dürftigen Inhalts des Artikels ist die taz mächtig stolz: nicht auf Ihr journalistisches Können, sondern auf ihr Vermarktungsgeschick. Eine Woche nach Erscheinen resümiert der Autor, Jost Maurin, im taz-Blog: „Wir haben die wichtigsten Zitate aus unseren Interviews mit den Konzernsprechern bereits am 31. Mai – einen Tag vor Erscheinen der gedruckten Zeitung – den großen Nachrichtenagenturen mit deutschsprachigen Diensten geschickt. Alle haben die Meldung übernommen und an ihre Kunden übermittelt, darunter an alle wichtigen Medien. Quellenangabe: taz.“

Ist doch eine tolle Sache, wenn Spiegel Online, das Wall Street Journal und sogar exotische Online-Medien in tropischen Gefilden die via Nachrichtenagentur verbreitete Meldung mit der Quellenangabe: taz übernehmen, oder nicht?

Mit ihrem Stolz begibt sich die taz in ungute Gesellschaft vieler NGOs, denen der schlechte Ruf des berühmten Gegners, dessen Name die Türen in die Redaktionen öffnet, zur Lebensgrundlage geworden ist, und deren trauriger Daseinszweck sich darauf beschränkt, diesen schlechten Ruf mit jeglichem Plunder von der Banalität bis zur globalen Verschwörungstheorie zu nähren. Bei den Anti-Monsanto-Kämpfern ist das parasitäre Verhältnis von NGOs zu ihrem prominenten Opfer samt Neigung zur großen Verschwörung besonders ausgeprägt [1]. Ein Paradebeispiel für den speziellen Markenfetischismus von NGOs bietet auch Foodwatch. Die Organisation wählt regelmäßig große Lebensmittelkonzerne, um ihnen wegen ausgewählter Missetaten (etwa Süßigkeiten, die Zucker enthalten und an Kinder verkauft werden) einen Goldenen Windbeutel zu verleihen, was von den Medien stets mit großer Begeisterung in reich bebilderten Artikeln aufgenommen wird. In der taz berichtet bemerkenswerterweise derselbe Autor mit fast der gleichen Überschrift wie bei Monsanto. Diesmal titelt er: „Die Capri-Sonne geht unter.“ Wieder gilt es, einen Sieg gegen einen großen Gegner zu beklatschen. Juchhei! Aber auch die F.A.Z. ist sich nicht zu schade, die Foodwatch-Spendensammelpreisverleihungs-Geschichte abzudrucken und sogar noch das Anti-Capri-Sonne-Video der Organisation einzubinden.

Nein, liebe taz, 43.000 Klicks auf den Artikel zu lenken, indem man einen vermeintlichen Sieg gegen einen mythischen Gegner verkündet, ist keine publizistische Glanzleistung! Und sein Selbstwertgefühl zu erhöhen, indem man versucht, den faulen Onlineredakteuren beim großen SPON und beim renommierten WSJ eine Schlagzeile mit der Quellenangabe taz ins Postfach zu legen, ist auch nur was für welche, die es nötig haben.

zuerst erschienen bei NOVO Argumente

Buchbesprechung: Why are you free? von Boris Kotchoubey

Der Tübinger Psychologe Boris Kotchoubey hat ein anschauliches und präzises Buch geschrieben, in dem er darlegt, warum es sinnlos ist, sich den Menschen als Wesen ohne freien Willen zu denken.

Die Behauptung, der freie Wille sei eine Illusion und unser Handeln allein das Resultat physikalischer Vorgänge im Gehirn, hat in den letzten Jahren Verbreitung und Anerkennung gewonnen. In Deutschland vertreten diese Position unter anderem die Hirnforscher Wolf Singer und Gerhard Roth. Die Neurowissenschaftler beanspruchen, Denken und Handeln naturwissenschaftlich erklären zu können. Doch an diesen Erklärungen lässt der Autor kein gutes Haar. Vielmehr formuliert Kotchoubey die Gegenbehauptung: Komplexes menschliches Verhalten und auch jenes höher entwickelter Tiere kann nicht determiniert sein. Zu diesem Schluss kommt er nicht in Zurückweisung einer naturwissenschaftlichen Herangehensweise, sondern gerade dadurch, dass er jene wissenschaftlichen Fakten berücksichtigt, die für die Fragestellung tatsächlich relevant sind.

Was hat es mit der Ablehnung des freien Willens auf sich? Der Biologe Gerhard Roth weist beispielsweise darauf hin, dass die Bewegung des Fingers am Abzug einer Pistole natürlich von einer Nervenaktivität im Rückenmark ausgelöst wird, die wiederum Resultat anderer Aktivitäten im Gehirn ist, welche zuvor von wieder anderen bewirkt worden sind. Fände man keine Lücke in einer solchen Kausalkette, dann sei auch kein Platz für den freien Willen. Wenn wir dennoch den Eindruck haben, selbst entschieden zu haben, so habe uns unser Gehirn eben diesen freien Willen nur vorgespielt. An dieser Stelle fragt Kotchoubey nach, was in diesem Fall eigentlich mit „uns“ gemeint ist. Wen täuscht das Gehirn? Offenbar ein immaterielles, vom Gehirn unabhängiges „Ich“ oder „Selbst“. Was aber soll man von einer Argumentation halten, die alles Denken und Handeln als ausschließliches Resultat von Umwelteinflüssen und Gehirnaktivität betrachtet und gleichzeitig einen „Geist“ bemüht, der dabei der Illusion des freien Willens verfällt?

Als Beweis für die behauptete Unfreiheit unserer Handlungen werden Experimente bemüht, wie sie zuerst 1979 von Benjamin Libet durchgeführt wurden. Dabei wird gemessen, wann im Gehirn eine Handlung eingeleitet wird. Zudem geben die Teilnehmer an, wann sie die Entscheidung zur Bewegung getroffen haben. Es zeigt sich, dass die vermeintliche Entscheidung oft einige Zehntelsekunden nach dem „Startschuss“ im Gehirn erfolgte. Libet selbst sah in diesen Ergebnissen keineswegs einen Beleg für die Nichtexistenz des freien Willens. Er konnte nämlich auch zeigen, dass nach dem Bewusstwerden noch Zeit blieb, um die Handlung gegebenenfalls zu stoppen. Über diese Vetooption sah er die bewusste Kontrolle der Handlung gewährleistet.

Der „Beweis“ hinkt aber auch noch an anderer Stelle: Die Annahme, einer freien Handlung müsse ein bewusster Entschluss oder ein innerer Drang („urge to move“, wie es bei Libet heißt) vorausgehen, ist aus Sicht von Kotchoubey alles andere als plausibel. Dann müsste der Husten, dem der bewusst wahrgenommene Hustenreiz vorausgeht, der Prototyp einer freien Handlung sein. Er verweist stattdessen darauf, dass wir im normalen Leben eine Handlung dann als frei betrachten, wenn sie auf Gründen beruht und nicht auf Ursachen. Je stärker der innere Drang, desto eher muss man eine Handlung als zwanghaft, also unfrei, betrachten. Generell, so der Autor, sollten wir, wenn wir festlegen, was wir unter „freiem Willen“ verstehen wollen, eine Definition wählen, die mit dem, was wir im Alltag als Freiheit wahrnehmen, vereinbar ist. Libets Versuche haben lediglich gezeigt, dass bestimmte neurophysiologische Prozesse, die mit einer Handlung zusammenhängen, schon aufgezeichnet werden können, bevor die Handlung der jeweiligen Person bewusst wird. Warum diese Handlung als unfrei bezeichnet werden sollte, ergibt sich aus den Experimenten nicht.

Auch sollte man die weiteren Implikationen des Determinismus nicht außer Acht lassen. Schaut man sich eine einzelne Handlung an, kann man sich durchaus vorstellen, sie sei unfrei erfolgt und nur von der Illusion des freien Willens begleitet worden. Die Lächerlichkeit der Annahme, freier Wille sei eine Illusion, zeigt sich jedoch in aller Klarheit, wenn man sie sich, wie letztlich verlangt, als allgemeingültig vorstellt. Kotchoubey schreibt: „Stellen Sie sich vor, dass die Menschen, die Ihr Auto, Ihr Haus, Ihren Boiler gebaut haben, und das Flugzeug, mit dem Sie nächste Woche nach New York fliegen, und das Aspirin, das Sie gegen Ihre Erkältung nehmen, hergestellt haben, ebenso wie der Chirurg, der Ihren entzündeten Wurmfortsatz entfernt – dass all diese Menschen nur der Illusion erliegen, bewusste und rationale Entscheidungen zu treffen.“ Der einzige Grund, weshalb diese absurde Idee sich noch immer halten könne, so der Autor, liege darin, dass sie im Gegensatz zur ebenfalls unplausiblen Vorstellung stehe, willentliche Entscheidungen müssten vollkommen und perfekt bewusst sein. „Doch dies ist nicht notwendig“, hält Kotchoubey fest. Jede Entscheidung beruht immer auch auf einer Vielzahl unbewusster Einflüsse. Die Möglichkeit, sich diese alle bewusst zu machen (um eine hundertprozentig freie Entscheidung zu treffen), ist eine philosophische Abstraktion, die mit dem realen Leben nichts zu tun hat. Vergleichbar mit einem geometrischen Punkt, der in der Realität nicht ausdehnungslos vorkommt und den wir dennoch nicht als Illusion bezeichnen.

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Das Bein in meiner Küche – Essay

Ich gehöre zur großen Mehrheit der Supermarktkäufer, die Fleisch in kleinen, fertig verpackten Einheiten erwerben, welche einen nicht dazu auffordern, an die lebendige Quelle der Nahrung zu denken. Sogar ein komplettes Tier, ein kleiner Hahn, hat in seiner Plastikbox, die umgehend in den Kühlschrank wandert, etwas Abstraktes, und lässt einen unberührt. Vor Weihnachten gibt es jedoch, selbst in den Discountern, Teile von Tieren, die etwas Vornehmes haben und uns als besonderer Genuss für die Feiertage angeboten werden. So kam es, dass ich in den Besitz eines Serrano-Schinkens gelangte, also eines Beins vom Schwein samt Huf, das ich umgehend mit Hilfe des mitgelieferten Gestells in der Küche installierte.

Nach Entfernen der Plastikfolien wickelte ich wieder die dekorative rot-grün-gelbe Kordel um den Huf, schnitt den Schinken an, kostete und war zufrieden. In den nächsten Tagen konnte ich an mir ein Gefühl beobachten. Es kam auf, wenn ich das Bein betrachtete. Es war kein Gefhl des Ekels, kein Schuldgefühl, sondern etwas Positives. Ich vermute, dass ich es als Derivat eines Instinktes einzustufen habe, der den Prozess der Zivilisation überstanden hatte. Ich erfreute mich am erlegten Bein, das ich in Wirklichkeit nur gekauft hatte. Auch meine Kinder, neun und elf Jahre alt, schnitten sich mit Vergnügen und erkennbar ohne Schuldbewusstsein schöne Schinkenscheiben ab. Die Beobachtung führt zur Frage: Ist Familie Spahl moralisch noch auf der Höhe der Zeit?

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lebenmittelklarheit.de: Wutbürger beim Essenentlarven

100 Tage nach dem Start der Internetplattform lebensmittelklarheit.de, die Teil der BMELV-Initiative “Klarheit und Wahrheit bei der Kennzeichnung und Aufmachung von Lebensmitteln” ist, zog Ministerin Ilse Aigner am 27. Oktober 2011 eine positive Zwischenbilanz: “Die überwältigende Resonanz zeigt, dass es richtig und wichtig war, dieses Portal zu fördern”. Die Freude ist begründet, denn die Nutzer waren fleißig und haben am Online-Lebensmittelpranger in drei Monaten beachtliche 3.800 Produkte bemängelt. An Mängeln scheint kein Mangel zu herrschen. Ich bin beeindruckt. Ich wäre wahrscheinlich schon überfordert, wenn man mir die Aufgabe stellte, schlappe 380 Produkte – ganz egal, ob täuschende oder mustergültige – aufzulisten. Weil es so klasse läuft, hat Frau Aigner die Finanzierung für den Betrieb der Webseite erhöht. 975.000 Euro dürfen die Steuerzahler nun dafür bezahlen, dass sie anderen öffentlich mitteilen können, von welchen Lebensmitteln sie sich getäuscht fühlen.

Der triviale Hintergrund der ganzen Angelegenheit besteht in der schlichten Tatsache, dass Lebensmittel, wie alle anderen Produkte auch, von ihren Herstellern, in ein möglichst positives Licht gerückt werden. Dies geschieht nur vordergründig in der Absicht, Werbetextern und Verpackungsdesignern ein bescheidenes Auskommen zu sichern. In Wirklichkeit beabsichtigen die Multis, unschuldige Verbraucher dazu zu verlocken, ihre Produkte zu kaufen.

Nun gibt es Menschen, wie den Autor, die ihre wertvolle Zeit nicht damit verbringen, Verpackungen zu studieren, sondern vor allem darauf achten, dass der Inhalt schmeckt, und dabei ein paar grundsätzliche Kenntnisse im Hinterkopf behalten, die sich anzueignen nicht schwer ist, nämlich, dass Süßigkeiten Süßigkeiten sind, Fertigprodukte Fertigprodukte, Gemüse Gemüse und Fleisch Fleisch. Solche Sorglosigkeit kann die Sache der Ministerin nicht sein, denn sie hat ja, wie der Titel verrät, den Job, Verbraucher zu schützen. Wovor? Vor Ärger.

Mit Lebensmittelsicherheit hat „Lebensmittelklarheit“ nichts zu tun. Es geht nicht darum, dass irgendwelche Lebensmittel gesundheitlich bedenklich sind. Dass solche erst gar nicht angeboten werden, ist durch umfangreiche Zulassungsregularien gewährleistet. Es geht um das „Ärgerpotenzial“, wie es Gerd Billen, Chef der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), die mit dem Betrieb der Plattform beauftragt ist, formulierte. Jemand ärgert sich zum Beispiel darüber, dass „Sylter Salatfrische Topping“ nicht auf Sylt hergestellt wird oder dass allerlei Brühwürfel Hefeextrakt enthalten, der den Geschmack verstärkt, obwohl auf der Packung „ohne Geschmacksverstärker“ steht. (Das lässt sich leicht dadurch erklären, dass Hefeextrakt – ebenso wie z.B. Zucker und Salz – lebensmittelrechtlich nicht als Geschmacksverstärker eingestuft wird.)

Nun ist Ärger eine natürliche menschliche Regung. Und wenn sich denn einer, aus welchem Grund auch immer,  über zu groß oder zu klein Gedrucktes auf Lebensmittelpackungen ärgert, dann mag er sich Luft machen. Ist es aber die Aufgabe der Bundesregierung dieses Luftmachen zu organisieren, zu disseminieren und zu subventionieren?
Und ist es überhaupt der Ärger, der zu den Klagen im Internet führt? Ist es nicht vielmehr bei den meisten eine große innere Leere, die in ihnen das Gefühl aufkommen lässt, berufen zu sein, ahnungslose Mitmenschen davor warnen zu müssen, Kinderschokolade im falschen Glauben zu verzehren, eine Extraportion Milch zu sich zu nehmen? Und sollen die Verbraucher überhaupt vor Ärger geschützt werden? Zielt die ganze Chose nicht vielmehr darauf, Millionen von Menschen auf bisher verpasste, weil unerkannte Gelegenheiten, sich zu ärgern, hinzuweisen und damit die Menge des Ärgers im Lande zu erhöhen?

Und wozu brauchen wir eigentlich lebensmittelklarheit.de, wo wir doch Foodwatch haben?
Thilo Bode, selbst ernannter Cheflebensmittelbeobachter, findet es natürlich nicht knorke, dass jetzt Hinz und Kunz so tolle Enthüllungen machen darf, wie dass Tütensuppen nicht aus lauter frischem Gemüse bestehen, obwohl es auf der Packung abgebildet ist. Solche Sensationen an die dankbare Presse und durch diese an die dankbare Konsumentengemeinde zu vermelden, ist sein bewährtes Geschäftsmodell. Deshalb analysiert und kritisiert er messerscharf: Verbraucherministerin Ilse Aigner verfahre nach dem Motto: „Wenn der Verbraucher eine Täuschung entdeckt, dann kümmern wir uns darum. Wenn aber die Täuschung so überzeugend ist, dass der Verbraucher sie nicht entdeckt, dann ist offensichtlich alles in Ordnung.“ (zitiert nach dapd)

Wir lernen: Das Pfefferkuchenhaus aus Lug und Trug ist ein komplexes Gebäude. Da mag der eine oder andere gewöhnliche Esser Unsauberkeiten entdecken. Aber in die dunkelsten Ecken, die mit Schliche getarnt sind, dringt nur der Blick des Profis, des gelernten und geübten Foodwatchers. Aber wahrscheinlich braucht sich Herr Bode keine Sorgen zu machen. Wahrscheinlich sind es ja die 21.000 Förderer von Foodwatch, die die 3800 Beschwerden auf lebensmittelklarheit.de gepostet haben. Wir dürfen doch annehmen, dass wenigsten jeder fünfte der getreuen Sponsoren, sich gerne die Mühe gemacht hat, ein kleines „Sahneeis“-mit-zuwenig-Sahne-Ärgernis zum Besten zu geben.

Gibt es eigentlich einen Bedarf für noch mehr „Lebensmittelklarheit“? Wenn man die Kombination „Hefeextrakt“ und „Geschmacksverstärker“ googlet, erhält man 173.000 Treffer. Wir können also davon ausgehen, dass uns schon heute auf etwa 172.000 Webseiten enthüllt wird, dass Hefeextrakt ein Geschmacksverstärker ist. Ich nehme mal an, die gäbe es nicht in solcher Zahl, wenn nicht viele Menschen nach dergleichen Informationen dürsteten. Da kann eine mehr sicher nicht schaden.

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Globale Ernteschlacht

Wie viele Menschen die Erde ertragen kann, hängt von der Lebensweise ab. In diesem Jahr wird die Erdbevölkerung die 7-Milliarden-Marke überschreiten. Mit gigantischem Materialeinsatz und neuen Strategien kämpfen Staaten auf allen Kontinenten gegen den Hunger.

Die Lebensmittelpreise steigen schier unaufhörlich. Allein in den letzten zwölf Monaten verteuerten sich die Artikel bei den Discountern hierzulande um sieben Prozent, ergaben jüngste Warenkorb-Untersuchungen. Zu den Hauptgründen zählen die hohen Rohstoffpreise und die zunehmende Nachfrage wegen der wachsenden Weltbevölkerung. „Wir stecken mitten in einer globalen Lebensmittelkrise“, konstatiert der US-Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman.2011 ist das Jahr, in dem die Weltbevölkerung die 7-Milliarden-Marke überschreiten wird – aktuellen UN-Prognosen zufolge am 31. Oktober. Experten befürchten, dass die globale Nahrungsmittelproduktion nicht mehr Schritt halten kann im Wettlauf mit dem Bevölkerungswachstum. Noch liegt die Menschheit gut im Rennen. Zwar leiden 925 Millionen an Hunger, doch die Welternährungsorganisation FAO meldet sinkende Zahlen. Die Weltbevölkerung stieg von 1961 bis 2009 auf das 2,2-Fache, die Getreideerzeugung auf das 2,8-Fache. Nun fragen sich viele, ob der positive Trend anhält.

Die Krise wird aber auch als Signal für den Aufbruch genutzt.

Denn die Landwirtschaft ist noch lange nicht am Ende. Obiageli Ezekwesili, Vizepräsidentin der Weltbank für Afrika, gibt sich optimistisch. Durch die Preisanstiege sei die Wichtigkeit der Landwirtschaft wiederentdeckt worden, sagt sie. „Eine beträchtliche Zahl afrikanischer Länder ist nun in der Lage, jährliche Produktivitätssteigerungen von drei Prozent zu realisieren. Zuvor waren es weniger als ein Prozent.“

Tatsächlich kann man in vielen Schwellenländern und auch in Afrika einen Boom der Landwirtschaft beobachten. Patrick Caron, Forschungsleiter des Zentrums für Internationale Zusammenarbeit in der Agrarforschung (CIRAD) in Paris, bezeichnet es als große Überraschung, dass sich in Afrika die Getreideerträge von 1961 bis 2003 verdoppelt haben. Mitte der 1960er-Jahre mussten in Entwicklungsländern noch 57 Prozent der Menschen mit weniger als 2200 Kalorien pro Tag auskommen, Ende der 1990er waren es nur noch zehn Prozent.

Wie viele Menschen kann der Planet ernähren?

2011 ist das Jahr, in dem die Weltbevölkerung die 7 Milliarden-Marke überschreiten wird. Wie im Jahr 1999, als wir die 6 Milliarden, im Jahr 1986, als wir die 5 Milliarden, und im Jahr 1974, als wir die 4 Milliarden überschritten, werden wir gewiss auch in diesem Jahr fragen: Wie lange kann das Wachstum weitergehen? Für die meisten Menschen ist das eine bange Frage. Sie können sie nicht beantworten. Aber sie sind besorgt. Zu Unrecht. Denn wenn wir die Entwicklung der letzten Jahrzehnte betrachten, haben wir allen Grund zum Optimismus. Der noch zu erwartende Anstieg auf rund 10 Milliarden Menschen bis zur Mitte des Jahrhunderts ist eine Herausforderung, die durchaus zu meistern ist.

Während sich die Weltbevölkerung seit 1950 mehr als verdoppelt hat, konnte die Getreideproduktion im gleichen Zeitraum verdreifacht werden. Pro Kopf produzieren wir heute 40% mehr Nahrungsmittel als in den 1950er Jahren. Und nicht nur bei der Ernährung geht es bergauf. Der Wissenschaftsautor Matt Ridley resümiert in seinem im Herbst auch in Deutsch erscheinenden Buch The Rational Optimist: „Vergleicht man das Jahr 2005 mit dem Jahr 1955, so verdiente der Durchschnittsmensch auf diesem Planeten (inflationsbereinigt) fast dreimal so viel Geld, nahm ein Drittel mehr Kalorien zu sich, die Kindersterblichkeit war auf ein Drittel gesunken und die Lebenserwartung um ein Drittel gestiegen.“

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Wer hat Angst vorm fremden Mann?

Über die biologischen Grundlagen des Universalismus.
Fremdheit ist wieder ein Thema geworden. Viele Deutsche sind der Auffassung, die Integration von Menschen aus anderen Kulturkreisen sei eine Art kaum zumutbarer Herkules-, wenn nicht sogar Sisyphosaufgabe. Aber sind wir Menschen uns wirklich so fremd?

Der menschliche Körper ist ein Ergebnis der Evolution. Wir alle sind die direkten Nachkommen von Vorfahren, die wiederum Nachkommen ihrer unmittelbaren Vorfahren waren. Jeder von uns ist somit das Resultat einer ununterbrochenen Reproduktionskette, die bis zum Beginn des Lebens vor über drei Milliarden Jahren zurückreicht. Die Organe, Eigenschaften und Fähigkeiten unseres Körpers sind Resultat von Variation und natürlicher Auslese. Sie sind so, wie sie sind, weil sie sich in der Vergangenheit als vorteilhaft erwiesen haben.

Was für unseren Körper gilt, gilt auch für unseren Geist. Er ist Ergebnis der Evolution und kann daher nur als Ansammlung von spezifischen Anpassungen gesehen werden, die es uns ermöglicht haben, die Herausforderungen der Vergangenheit erfolgreich zu meistern. Wir können den Geist also in Analogie zum Körper als ein Gefüge von vielen mentalen Organen sehen, mit denen wir von Geburt aus ausgestattet sind.

Einheit und Vielheit

Die Evolutionspsychologen John Tooby und Lea Cosmides haben sich in dem Aufsatz „Über die Universalität der menschlichen Natur und die Einzigartigkeit des Individuums“ der alten Frage nach der Einheit in der Vielheit gewidmet und diese aus evolutionärer Sicht beantwortet. (1) Sie erklären, weshalb sowohl die alle Menschen vereinende identische menschliche Natur als auch die mannigfaltigen Unterschiede zwischen den Menschen Ergebnis der Evolution sind und nicht im Widerspruch zueinander stehen. Grundsätzliche Persönlichkeitsmerkmale, Verhaltensmuster und kognitive Fähigkeiten sind demnach Anpassungen, also das Ergebnis natürlicher Auslese in der Vergangenheit. Solche Anpassungen sind aber stets im Zusammenwirken einer großen Zahl von Genen festgeschrieben, sodass sie nicht in einzelnen Personen auftauchen können und in anderen nicht. Sie sind darauf angewiesen, weitgehend unbeeinflusst von interindividuellen genetischen Unterschieden stabil zu funktionieren. Denn bei jeder Empfängnis werden ja zwei Genome komplett durcheinander gewürfelt, wobei keine Chance besteht, dass Komplexe aus Hunderten von spezifischen Genvarianten zusammenbleiben. Anpassungen dieser Art sind generell unabhängig von einzelnen Genvarianten und als psychologische Mechanismen universell – vergleichbar etwa dem aufrechten Gang, der fünffingrigen Hand, usw.

Angeborene Unterschiede zwischen den Menschen sind deshalb nicht Ausdruck unterschiedlicher Anpassungen, sondern entstehen entweder zufällig oder als Beiprodukt anderer Anpassungen. Insbesondere sind sie Resultat des beständigen Kampfs gegen Parasiten, der die wesentliche Ursache für die genetische Vielfalt des Menschen (und auch anderer langlebiger Organismen) darstellt. Wenn wir nicht mithilfe der sexuellen Reproduktion in jeder Generation die Gene neu mischen würden, würde es uns schon lange nicht mehr geben. Denn all die kleinen Feinde (Viren, Bakterien und sonstige Schmarotzer), die sich aufgrund der kurzen Generationenfolge von wenigen Minuten schnell so weiterentwickeln, dass sie unsere Schwachstellen ausnutzen können, würden sonst nicht nur uns dahinraffen, sondern auch alle unsere Klonbrüder und Klonkinder.

Mit dem Sex haben wir einen Weg gefunden zu bewirken, dass sich unsere Nachkommen in Millionen zufälliger Details von uns unterscheiden. Diese qualitativen Unterschiede spielen sich jedoch auf der Ebene ab, auf der die Parasiten agieren, auf der mikroskopischen Ebene der Proteine. Sie spielen sich nicht auf der Ebene der körperlichen und mentalen Organe ab. Daher gibt es keinen Widerspruch zwischen der universellen menschlichen Natur und der hohen genetischen Vielfalt. Die Evolution hat dafür gesorgt, dass wir Menschen in allen für uns bedeutsamen Funktionen identisch sind, denn sie sorgt dafür, dass Funktionsbeeinträchtigungen sich nicht verbreiten können. Sie hat gleichzeitig dafür gesorgt, dass wir für Parasiten sehr unterschiedlich sind. Ob wir also bei Betrachtung unserer Mitmenschen mehr Gemeinsamkeiten oder mehr Unterschiede sehen, hängt davon ab, ob wir die Perspektive eines Menschen oder die eines Parasiten einnehmen.

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Grüne Neue Welt – Warum einfarbiger Fortschritt nicht genug ist.

„I don’t accept second place for the United States of America. I want us to be first in wind power, first in solar power, and I want us to be first when it comes to biodiesel.“ (Barack Obama, April 2010) (1)

Es gibt Grüne, die in den 80er-Jahren hängen geblieben sind. Es sind die Jute-statt-Plastik-Grünen, die, zwar längst mit Funktionswäsche ausgestattet, festgetretenen Outdoor-Pfaden folgen, sich aber im Grunde das Weltbild dieser für viele prägenden Gründerzeit der Umweltbewegung bewahrt haben. Sie pflegen es in einigermaßen behaglichen gesellschaftlichen Biotopen, in denen manche sich sehr wohl fühlen, andere vielleicht auch etwas unter der selbst gewählten Entkopplung von der realen Welt leiden. Sie sind weder der Technik noch der Wirtschaft zugetan. Sie kennen ihre Feinde.

Es gibt aber auch Grüne, an denen die letzten 30 Jahre nicht spurlos vorbeigegangen sind, die vielfach auch erst später ergrünt sind, sich teilweise dem grünen Lager gar nicht zugehörig fühlen und sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie einen starken Gestaltungswillen zeigen. Sie wollen die Welt nach ihrer Vorstellung neu erschaffen und folgen dabei dem bei Henry Ford entlehnten Motto: You can have it any color you like, as long as it’s green. Wie sollen wir den zweiten, moderneren Typus von Grünen nennen, der uns Technik, Wirtschaft, Wachstum, Fortschritt erlauben will, solange sie grün sind? Neogrüne, Technogrüne? Vielleicht lieber gar nicht „Grüne“, um zu verdeutlichen, dass sie nicht unmittelbar mit der grünen Partei zu tun haben? Neoöks? Ökotechies? Der passende Begriff wird sich finden. Ich nenne sie vorläufig Ökoingenieure.

Dem Ingeniör ist nichts zu schwör

Dr. Erika Fuchs’ Kurzcharakterisierung der von Daniel Düsentrieb perfekt verkörperten Geisteshaltung des Ingenieurs, derzufolge keine Herausforderung zu groß sei, als dass nicht eine Lösung gefunden werden könne, scheint auch auf Ökoingenieure zuzutreffen. 100 Prozent erneuerbare Energien im Deutschland des Jahres 2050 – kein Problem! Kein Problem zumindest, eine Studie zu verfassen, die die Machbarkeit belegt. Es gibt indes fließende Übergänge zwischen dem Typus des Jute-statt-Plastik-Grünen und dem des Ökoingenieurs. Der Ökoingenieur ist innovationsfreundlich, und das ist ihm hoch anzurechnen. Er sieht, dass die technischen Möglichkeiten längst nicht ausgereizt sind. Er neigt aber dazu, das Vertrauen in Innovationskraft und Verbesserungsfähigkeit auf „grüne“ Technik zu begrenzen, und pflegt eine Kategorisierung, die andere Bereiche in pejorativer bis denunziatorischer Weise ausklammert und mit negativen Bezeichnungen belegt: Risikotechnik, Großtechnik, Agrotechnik. Ebenso wird die Wirtschaft in Gut und Böse geschieden. Hier scheint das Motto zu gelten: je größer, desto gemeiner; je kleiner, desto sympathischer. Regional vertriebene Solarzellen aus der örtlichen Manufaktur sind jedoch zu schön, um wahr zu sein. Das erkennt auch der Ökoingenieur und hat daher den altbeliebten Lokalismus über Bord geworfen. Aus seiner Sicht reicht es nicht, selbst einen ökologisch korrekten Alltag zu pflegen. Im Angesicht der drohenden Katastrophe ist nichts Geringeres erforderlich als ein Umsteuern der Menschheit.

Die Krise als Chance

Man wird sich kaum wundern, dass die Finanzkrise der letzten Jahre viele Menschen dazu ermutigte, ein Umdenken und einen Neuanfang zu fordern. Das ist gut. Nichts ist erfreulicher als Offenheit für Veränderung. Wenn wir es denn wirklich damit zu tun hätten! Es ist ebenso nicht verwunderlich, dass dabei die manifeste, unzweifelhafte Finanzkrise die Existenz der ökologischen Krise zu bekräftigen hatte und somit der Ausweg aus der Doppelkrise vielfach als notwendig grün dargestellt wurde und wird. Bedauerlich ist es, wenn das Umdenken in sehr enge Bahnen führt.

Im Koalitionsvertrag der rot-grünen Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen wird für das Land die „ökologisch-industrielle Revolution“ angekündigt. Andere, wie der Chef der Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks, sprechen von einer „grünen industriellen Revolution“ und einem „grünen Wirtschaftswunder“. (2) Da uns umfassende staatliche Programme aus der Krise führen sollen, ist in Anlehnung an das Reformprogramm Roosevelts von 1933 bis 1938 auch von einem „Green New Deal“ die Rede. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ermutigt uns sogar, „drei Krisen mit einer Klappe zu schlagen: die Finanz-, Energie- und auch die Klimakrise“. (3) Ihr Ausweg: „richtige Anreize“ und „klimabewusste Geschäftsmodelle“. Da es solche grünen Geschäftsmodelle mittlerweile zuhauf gibt, ist auch der Übergang zwischen Industrielobby und Umweltschutzorganisationen fließend geworden.

Ist grüner Fortschritt echter Fortschritt?

Natürlich soll man Anreize für Innovationen geben. Auch ist Effizienzsteigerung ein legitimes Ziel. Aber es ist eines, dem man keine übermäßige Beachtung schenken muss. Denn wenn höhere Effizienz einen klaren Kostenvorteil bringt, setzt sie sich am Markt ohnehin durch. Wenn sie das nicht bringt, weil zum Beispiel der höhere Anschaffungspreis durch die Einsparungen bei den Verbrauchskosten nicht wettgemacht wird, wie bei Hybrid- und Elektroautos, dann ist diese Innovation auch der Rede nicht wert. Gefordert ist der Staat vielmehr dort, wo es gilt, grundlegende Innovationen voranzutreiben, und wo das ökonomische Risiko so hoch ist, dass sich keine privaten Geldgeber finden, etwa bei Milliarden Euro teuren Prototypen neuer Kernreaktoren oder bei der Grundlagenforschung. Der Kernreaktor ließe sich dabei noch ins grüne Paradigma eingliedern. Immer mehr Klimaschützer befürworten Atomenergie. Aber so etwas wie grüne Grundlagenforschung kann es nicht geben. Und Grundlagenforschung ist das Fundament des technischen Fortschritts.

Die Fürsprecher und Aktivisten der grünen Revolution haben einen unverantwortlich eingeengten Innovationsbegriff. Bei Klimaschutz, Ressourcen- und Energieeffizienz geht es um die Optimierung der vorhandenen Technik, und auch dies lediglich in Richtung erhöhter Effizienz. Wird der Fortschritt ins Korsett des Eco-Mainstreaming gepresst, bleibt wenig übrig. Fortschritt in der Informationstechnik beschränkt sich nicht auf effizientere Computer, die Zukunft der Medizin liegt nicht in energiesparenden Röntgengeräten, die Zukunft der Energietechnik nicht in Dämmmatten, und der Fortschritt in der Verkehrstechnik kann nicht nur aus Videokonferenzsystemen bestehen. Technik ist ein universelles Mittel zum Zweck und nicht Mittel zur Erreichung des Zwei-Grad-Klimaziels.

Es ist gut, wenn Amerika die Nummer eins bei Windturbinen, Solarkraftwerken und Biotreibstoffen sein will. Es ist aber nur gut, wenn es auch die Nummer eins in der Biotechnologie, der Raumfahrt, der Kerntechnik, der Lasertechnik usw. sein will. Und es ist nur gut, wenn Europa und Asien ebenfalls die Nummer eins sein wollen. Wir brauchen globalen Wettbewerb um die beste Wissenschaft und die besten Technologien. Und wenn man es mit dem legitimen Ziel Klimaschutz ernst nimmt, dann sind das Maß aller Dinge, so der Kolumnist der New York Times, Thomas L. Friedman, „chinesische Preise“. (4) Wer mit seiner innovativen Technik saubere Energie zu dem Preis liefern kann, zu dem in China Strom mit Kohlekraftwerken gewonnen wird, der hat eine echte Innovation, die den Lauf der Dinge verändern wird. So hoch müssen wir die Latte legen. Ineffiziente Solarzellen zur Befriedigung des Bedürfnisses nach ökologisch korrektem Konsum zu subventionieren ist dagegen schlicht innovationsfeindlich.

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