Greenpeace: „Der humanitäre Anspruch war weg, also ging ich.“

Interview mit Patrick Moore

Patrick Moore war einer der Gründer von Greenpeace. Heute sieht er die Organisation als großes Problem und setzt sich für die Zulassung des gentechnisch veränderten Goldenen Reises ein. Novo-Wissenschaftsressortleiter Thilo Spahl hat mit ihm gesprochen.

Thilo Spahl: Vor 40 Jahren haben Sie Greenpeace gegründet, heute bekämpfen Sie Greenpeace. Was ist in der Zwischenzeit schief gegangen, wann und warum?

Patrick Moore: Vieles ist schiefgelaufen über die Jahre. Zusammengefasst: Als Greenpeace anfing, und ich mit Greenpeace, ging es nicht nur um die Umwelt, sondern auch um die Menschen. „Green“ stand für die Umwelt und „Peace“ für das Ziel, die Gefahr eines Atomkriegs aus der Welt zu schaffen. Im Lauf der Jahre driftete Greenpeace dann dorthin, wo die Organisation heute und seit Langem steht. Sie charakterisieren heute den Menschen im Grunde als Feind der Erde. Das ist ein ganz anderer Ansatz und keiner, mit dem ich noch zu tun haben möchte. Menschen sind Teil der Erde. Wir sind mit unseren großen Gehirnen und unserer Technologie einzigartig unter den Lebewesen. Wir haben eine große Verantwortung, untereinander und gegenüber der Umwelt. Und wir nehmen sie auch wahr. Es gibt das Element des Eigeninteresses. Wenn wir Umwelt zerstören, können wir sie nicht mehr nutzen. Es gibt aber auch die Liebe zur Natur, die die Menschen verspüren.

Ich hatte das Glück in der unberührten Natur der Urwälder im Norden von Vancouver Island zur Welt zu kommen. Meine große Naturverbundenheit hat mich dazu geführt, Ende der 1960er-Jahre Ökologie zu studieren. 1971 schloss ich mich dem „Don’t Make a Wave Committee“ an, um gegen die Atombombentests in Alaska zu protestieren. Da ich praktisch auf Booten aufgewachsen bin, hatte ich gute Voraussetzungen für diese frühen Aktionen, die wir in einer kleinen Gruppe durchführten. Die ersten beiden Kampagnen waren gegen Atombombenversuche und der ganze Fokus war gegen Krieg. Wir nannten unser Boot damals Greenpeace. 1972 übertrugen wir den Namen auf die Organisation: die Greenpeace Foundation. Es gab damals zwei Fraktionen bei Greenpeace: die Peaceniks und die Ecofreaks. Als wir die Rettet die Wale-Kampagne starteten, fragten die Peacenik Leute: Was soll das denn? Mit den Kampagnen zur Rettung der Wale und gegen das Abschlachten von Robbenbabies haben wir uns vom Blick auf den Menschen entfernt und ganz auf Ökothemen konzentriert. Das war wahrscheinlich die entscheidende Wende für Greenpeace hin zu einer rein umweltzentrierten Ausrichtung. Die wäre okay, wenn sie rational begründet und konstruktiv wäre. Das Gegenteil ist aber der Fall.

In den 1970er-Jahren wuchs Greenpeace zunächst schnell und ungeordnet. Es wurden überall mehr oder weniger autonome Greenpeace Büros eröffnet, da der Name nicht geschützt war. Damit nicht alles außer Kontrolle gerät, haben wir 1979 Greenpeace International gegründet, wo ich einer der Direktoren war – der einzige mit einer wissenschaftlichen Ausbildung.  Die Zentrale wurde von Vancouver nach Amsterdam verlegt, da es in Europa am meisten Geld zu holen gab. Mittlerweile fanden wir Zustimmung bei der Mehrheit der Menschen: Atomare Abrüstung, Wale retten, Giftmüll kontrollieren – das alles war Mitte der 1980er nicht mehr kontrovers. Greenpeace wurde etabliert, einflussreich und reich.

Was hat das für die inhaltliche Ausrichtung bedeutet?

Die Aktivisten hatten nur eine Chance, die konfrontative Anti-Establishment-Haltung, die zu ihrem Selbstverständnis gehörte, zu bewahren: Sie mussten immer extremer werden. So wurde schließlich jeder Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und Logik aufgegeben, um Null-Toleranz-Kampagnen fahren zu können. Gentechnik und Atomkraft wurden die Paradethemen für einseitige kompromisslose Verteufelung und die Forderung nach Totalverboten. Gleichzeitig endete der Kalte Krieg, und die Friedensbewegung verlor ihren Inhalt. Die Friedensbewegung war im Grunde eine linksgerichtete, antiamerikanische Bewegung. Ich war Teil der Friedensbewegung, aber nie ausgesprochen links. Ich war links in Hinblick auf individuelle Freiheit und rechts in Hinblick auf wirtschaftliches Wachstum. Der Umweltschutz lässt sich da nicht einordnen, den verorte ich zwischen den Lagern. Ich glaube, der Verzicht auf wissenschaftlich begründbare Forderungen, kombiniert mit einer linken, antiamerikanischen und antimarktwirtschaftlichen Einstellung führte die Umweltbewegung in die ideologische Sackgasse, in der sie heute steckt.
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Atomkraft: Die Neuerfindung der Kernenergie

Seit Merkels kühner Wende scheint das Ende der Kernenergie in Deutschland besiegelt. Das Land präsentiert sich als Eldorado für Windmüller und Solardachbesitzer und als Sperrgebiet für Kernphysiker. Ganz Deutschland? Nein! In Berlin hat sich eine kleine Truppe von Enthusiasten zusammengefunden, die mitmischen wollen, wenn die Renaissance jener Energiequelle eingeläutet wird, die beides kann: sehr billig sein und gleichzeitig CO2-frei.

Dass man es mit Exoten in der schnell wachsenden Berliner Start-up Szene zu tun hat, erkennt man schon am sperrigen Namen. „Institut für Festkörper-Kernphysik (IFK) GmbH“ klingt nicht gerade sexy und nicht nach schnellem Geld im Internet. Es klingt auch nicht nach Atomindustrie. Streng genommen muss man das Gründungsunternehmen aber wohl dazu zählen. Denn das Geschäftsmodell besteht darin, eine ganz neue Art von Kernreaktor zu entwickeln und zu kommerzialisieren. Das war so allerdings erst mal nicht geplant. Als der Kernphysiker Armin Huke das Unternehmen vor vier Jahren als gemeinnützige GmbH gründete, wollte er vor allem seine Grundlagenforschung im Bereich der Kernfusion fortführen, nachdem an der TU Berlin wie an vielen kernphysikalischen Instituten in Deutschland die Kernphysik in ein Nischendasein gedrängt worden war. Die Sache mit dem Reaktor ergab sich eher zufällig. Zusammen mit seinem früheren Kommilitonen Götz Ruprecht suchte er nach einem verwertbaren Projekt. Ruprecht war nach Kanada gegangen, wo er am nationalen Kernforschungszentrum TRIUMF Prozesse untersuchte, die im Innern von Sternen ablaufen. Zusammen kam ihnen die Idee, eine neue Quelle für Molybdän 99 zu entwickeln. Das ist ein radioaktives Isotop, das in der Medizin von großer Bedeutung ist und für das 2010 ein akuter globaler Versorgungsengpass entstanden war. Es ließ sich nicht wirtschaftlich umsetzen, lieferte aber neue Lösungen, wie auf Basis alter Konzepte aus den 1950er und 60er Jahren, der wilden Zeit der Kernenergieforschung, ein hoch effizientes Kraftwerk gebaut werden könnte. „Da haben wir gemerkt, dass viel mehr geht, als das, was heute in der Industrie zur Anwendung kommt“, sagt Huke. „Die heutigen Reaktoren haben eine Menge Nachteile, die keineswegs sein müssten.“ Zusammen mit Ruprecht und einigen anderen hat er deshalb in den letzten drei Jahren den sogenannten Dual Fluid Reaktor entworfen und zum Patent angemeldet. Der beansprucht so viele Vorteile, dass auch hartgesottene Atomkraftgegner ins Nachdenken kommen könnten.

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Kurzfassung bei FOCUS

Pestizide: Wenn Pflanzenschutzmittel nicht krank machen

Der grüne Abgeordnete Harald Ebner schafft es, sein politisches Selbstverständnis in einem Satz zusammenzufassen: „Im Bundestag für Schwäbisch Hall / Hohenlohe … und gegen Agro-Gentechnik“. [1] Folgerichtig hat ihn die Fraktion zum „Sprecher für [sic] Agro-Gentechnik“ ernannt. In dieser Funktion widmet er sich auch dem Kampf gegen das weltweit meistgenutzte Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat. An Mitstreitern mangelt es nicht. Der Wirkstoff steht pars pro toto für die moderne Landwirtschaft und ist somit allen Verfechtern eines alternativen Ackerbaus ein Dorn im Auge. Hintergrund für die aktuelle Diskussion ist die anstehende Neubewertung zur Verlängerung der europäischen Zulassung, die routinemäßig alle zehn Jahre erfolgt. Ebner bringt das Mittel in Zusammenhang mit einer „extremen Zunahme an Missbildungen bei Neugeborenen, Fehlgeburten, Nierenschäden oder auch verschiedenen Krebsarten“ [2] und einem „weltweiten Amphibiensterben“ [3]. In ein ähnliches Horn bläst der BUND mit einem geschmacklosen Internetpropagandavideo zur Thematik. [4] Da erscheint es nur folgerichtig, die Glyphosat-Zulassung zumindest auszusetzen.

Die Frage ist, woher die Behauptungen stammen, die das seit über 30 Jahren eingesetzte Mittel so gefährlich erscheinen lassen. Die ZDF Sendung „Das stille Gift. Wenn Pestizide krank machen“, die am 8. Mai 2013 erstmals gesendet wurde, hat offenbar den Anspruch, uns über die Gefahren aufzuklären. [5] Wir begegnen der behinderten Tochter eines armen argentinischen Tabakbauers. Wir erfahren, dass der Bauer Glyphosat genutzt hat. Ein weiterer Bauer hat einen behinderten Sohn. „Die genaue Zahl der Betroffenen kennt niemand“, heißt es viel- und doch nichtssagend. Wäre es da nicht Aufgabe der Journalisten, herauszufinden, wie sich die Zahl der Behinderungen im Vergleich zu anderen Regionen der Welt verhält. Müsste man nicht auch versuchen, eine Antwort auf die Frage zu finden, warum ein Stoff, der weltweit massiv eingesetzt wird, ausgerechnet in einer kleinen Region Argentiniens bei Kindern armer Tabakbauern zu Geburtsfehlern führt? Was sagt die Wissenschaft? Befragt wird im Film Prof. Andrés Carrasco in Buenos Aires. Er antwortet: „Wenn man nach einem Zusammenhang fragt zwischen Krankheit und Pestiziden, würde ich antworten: Ich brauche keine Gewissheit. Es geht nicht um wissenschaftliche Gewissheiten. […] Wenn wir den Verdacht haben, dass eine Ursache negative Folgen hervorruft, dann muss man diese Ursache erst einmal beseitigen.“ Mit anderen Worten: Wenn einem irgendetwas nicht gefällt, dann muss man nur irgendwo auf der Welt einen Wissenschaftler finden, der sagt, dass es nicht um wissenschaftliche Überprüfung gehe, sondern ein Verdacht genügt. Solchermaßen bekräftigt, wird das Unwissen der Reporter in suggestiven Formulierungen wie der folgenden zum Beweis der Schädlichkeit: „Glyphosat im Boden, Glyphosat im Grundwasser. Niemand weiß, was das für Folgen haben wird.“ Weiß es wirklich niemand? Was ist mit den 1636 Studien, die in der Wissenschaftsdatenbank PubMed zum Stichwort „Glyphosat“ zu finden sind? Enthalten Sie keine Erkenntnisse zur Wirkung der Substanz auf Mensch und Umwelt? Glyphosat ist einer der am besten untersuchten Stoffe der Welt. Wenn wir das Herbizid vorsorglich verbieten wollen, weil wir angeblich nicht genug über seine Gefährlichkeit wissen, dann kann daraus nur folgen, dass wir auch alle anderen Stoffe verbieten müssten, über die wir noch weniger wissen. Eine solche Auslegung des Vorsorgeprinzips ist völlig absurd.

Wenn es um die Alarmierung der Bevölkerung geht, darf neben der Einzelfallbetrachtung (Seht: ein behindertes Kind in einem Tabakanbaugebiet) und dem vermeintlichen Nichtwissen (Seht: ein Professor kann ein Risiko nicht ausschließen) auch die Entdeckung nicht fehlen (Seht: wir haben etwas gefunden). Diese lieferte im Juni der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Form einer Untersuchung, wonach 7 von 10 Deutschen Glyphosat im Urin haben. Getestet hatte die Organisation zwar auch nur 10 Personen, es ist aber durchaus plausibel, dass sich bei vielen von uns die Substanz im Urin findet. Was grundsätzlich ein gutes Zeichen ist. Denn es zeigt, dass die Spuren von Glyphosat, die wir mit der Nahrung aufnehmen, den Körper schnell wieder verlassen und nicht angereichert werden. Grundsätzlich sagt der Nachweis einer Substanz im Körper rein gar nichts darüber aus, ob damit irgendeine Gefahr verbunden ist. Wie immer gilt: Die Dosis macht das Gift. Und die Dosis ist extrem gering. Vergleichen wir es zum Beispiel mit der Gefahr von Tomaten: Diese können bis zu 7 mg des Giftes Solanin pro Kilogramm enthalten. Das ist rund 80-mal weniger als die Dosis von 590 mg pro Kilogramm Körpergewicht, die im Tierversuch 50% der Ratten töten würde (LD 50). Deshalb haben wir keine Bedenken beim Verzehr von Tomaten. Für Glyphosat beträgt die LD 50 bei Ratten rund 5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. Es ist somit weit weniger giftig als Solanin (und z.B. auch weniger giftig als Kochsalz mit LD 50 von 3g/kg). Die vom BUND gemessene Belastung bewegte sich aber lediglich in der Größenordnung von 0,0000005 g/kg, also rund 10 Millionen Mal niedriger als der LD50-Wert und damit laut Bundesinstitut für Risikobewertung um „mehr als den Faktor 1000 unter gesundheitlich bedenklichen Konzentrationen.“ [6] Eine solche „Belastung“ ist für den Umweltverband dennoch ein Skandal. Was also tun? „Die Menschen sollen im Supermarkt nachfragen, ob der eine Belastung ausschließen kann“, rät allen Ernstes die „Gentechnik-Expertin“ des BUND, Heike Moldauer, in einem Interview unter der Überschrift „Glyphosat im Urin: ‚Verheerend für menschliche Gesundheit‘“ auf der Website von RTL. [7] Um das Ausmaß der Problematik eindringlich zu veranschaulichen, wurde das eingangs erwähnte Animationsvideo produziert, in dem Tausende Babys wie Kohlköpfe auf dem Feld wachsen und dann mit Glyphosat tot gespritzt werden. [8] Botschaft „Pestizide – hergestellt, um zu töten“. Spendenkonto-Nummer 232, „Stichwort: Gegen Gift, Sparkasse KölnBonn, BLZ 370 501 98.“ Auch eine Art, sein Geld zu verdienen.

Die eigentliche Ursache für den Kampf gegen Glyphosat hat mit der vermeintlichen Gefährlichkeit des Herbizids wenig zu tun. Der große und offenbar unwiderstehliche Anreiz, den Stoff zu verteufeln, besteht darin, dass er sozusagen die Quintessenz der modernen Landwirtschaft ist. Er ist zunächst als Herbizid eben „Gift auf dem Acker“ und als Totalherbizid (das alle Pflanzen tötet) sozusagen ein Supergift. Es gilt Umweltaktivisten zudem als ein Steigbügelhalter der Gentechnik, denn viele der heute genutzten gentechnisch veränderten Sorten basieren darauf, dass sie resistent gegen Glyphosat sind, das somit alles tötet, was auf dem Feld wächst, außer eben dem Getreide. Gerade in der emotional geführten Debatte nicht zu vergessen: Es ist ein Produkt des meistgehassten Agrokonzerns der Welt, Monsanto, der es 1974 auf den Markt brachte. Es ist überdies – und das ist wahrscheinlich das Schlimmste – sowohl ökonomisch auch als ökologisch sehr vorteilhaft:  Mit Glyphosat können Landwirte sehr hartnäckige Unkräuter einfach und kosteneffektiv entfernen, die andernfalls Jahre überdauern können und zu massiven Ernteeinbußen führen. Es ersetzt andere, deutlich weniger umweltverträgliche Herbizide. Es ermöglicht eine pfluglose Bodenbearbeitung, was Energie spart und den Boden vor Erosion schützt. Es ist deshalb auch das am häufigsten verwendete Herbizid der Welt. Seit im Jahr 2000 der Patentschutz ausgelaufen ist, produzieren Dutzende von Herstellern Glyphosat und verkaufen es unter vielen Handelsnamen. Kurz: Jeder, der sich zurücksehnt in eine Zeit, in der die Hacke den Goldstandard der Unkrautbekämpfung darstellte und die Lebensmittelerzeugung arbeitsintensiv, beschwerlich, ineffizient und teuer war, der muss Glyphosat einfach hassen. Harald Ebner gefällt sich darin, den Stoff als „Schmiermittel der Billigfleischproduktion“ [9] zu beschimpfen und offenbart damit, dass er es nicht tolerieren will, dass beispielsweise in China, von wo übrigens mehr als die Hälfte des weltweit hergestellten Glyphosats kommt, Hunderte von Millionen von Menschen sich auch Fleisch und andere hochwertige Nahrungsmittel leisten können wollen.

Zuerst erschienen bei NovoArgumente

Antigentechnikbewegung: Sich im Schatten des Bösen sonnen

Vor kurzem verkündete die taz den Sieg gegen die Gentechnik. Der US-Konzern Monsanto habe den europäischen Markt aufgegeben. Diese Nachricht ist nicht neu. Interessanter sind das Verschwörungsdenken und der Markenfetischismus der Gentechnikgegener. Ein Kommentar von Thilo Spahl.
Ende Mai meldete die taz unter der Überschrift „Monsanto gibt Europa auf“, die Anti-Gentech-Bewegung habe „den wohl entscheidenden Sieg errungen.“ Der Artikel ist belanglos, ein Sprecher des Konzerns wird mit den Worten zitiert, es werde „keine Lobbyarbeit mehr für den Anbau in Europa“ gemacht und man plane derzeit nicht, neue Zulassungen von gentechnisch veränderten (GV-)Pflanzen zu beantragen. Das ist weder eine Sensation noch eine Neuigkeit. Für Monsanto hat der europäische Markt für GV-Pflanzen längst an Attraktivität verloren. Damit steht der US-Konzern nicht allein – die Global Players haben den Markt größtenteils abgeschrieben. Entwickelt werden neue Produkte fast nur noch für Amerika und Asien.

Trotz des dürftigen Inhalts des Artikels ist die taz mächtig stolz: nicht auf Ihr journalistisches Können, sondern auf ihr Vermarktungsgeschick. Eine Woche nach Erscheinen resümiert der Autor, Jost Maurin, im taz-Blog: „Wir haben die wichtigsten Zitate aus unseren Interviews mit den Konzernsprechern bereits am 31. Mai – einen Tag vor Erscheinen der gedruckten Zeitung – den großen Nachrichtenagenturen mit deutschsprachigen Diensten geschickt. Alle haben die Meldung übernommen und an ihre Kunden übermittelt, darunter an alle wichtigen Medien. Quellenangabe: taz.“

Ist doch eine tolle Sache, wenn Spiegel Online, das Wall Street Journal und sogar exotische Online-Medien in tropischen Gefilden die via Nachrichtenagentur verbreitete Meldung mit der Quellenangabe: taz übernehmen, oder nicht?

Mit ihrem Stolz begibt sich die taz in ungute Gesellschaft vieler NGOs, denen der schlechte Ruf des berühmten Gegners, dessen Name die Türen in die Redaktionen öffnet, zur Lebensgrundlage geworden ist, und deren trauriger Daseinszweck sich darauf beschränkt, diesen schlechten Ruf mit jeglichem Plunder von der Banalität bis zur globalen Verschwörungstheorie zu nähren. Bei den Anti-Monsanto-Kämpfern ist das parasitäre Verhältnis von NGOs zu ihrem prominenten Opfer samt Neigung zur großen Verschwörung besonders ausgeprägt [1]. Ein Paradebeispiel für den speziellen Markenfetischismus von NGOs bietet auch Foodwatch. Die Organisation wählt regelmäßig große Lebensmittelkonzerne, um ihnen wegen ausgewählter Missetaten (etwa Süßigkeiten, die Zucker enthalten und an Kinder verkauft werden) einen Goldenen Windbeutel zu verleihen, was von den Medien stets mit großer Begeisterung in reich bebilderten Artikeln aufgenommen wird. In der taz berichtet bemerkenswerterweise derselbe Autor mit fast der gleichen Überschrift wie bei Monsanto. Diesmal titelt er: „Die Capri-Sonne geht unter.“ Wieder gilt es, einen Sieg gegen einen großen Gegner zu beklatschen. Juchhei! Aber auch die F.A.Z. ist sich nicht zu schade, die Foodwatch-Spendensammelpreisverleihungs-Geschichte abzudrucken und sogar noch das Anti-Capri-Sonne-Video der Organisation einzubinden.

Nein, liebe taz, 43.000 Klicks auf den Artikel zu lenken, indem man einen vermeintlichen Sieg gegen einen mythischen Gegner verkündet, ist keine publizistische Glanzleistung! Und sein Selbstwertgefühl zu erhöhen, indem man versucht, den faulen Onlineredakteuren beim großen SPON und beim renommierten WSJ eine Schlagzeile mit der Quellenangabe taz ins Postfach zu legen, ist auch nur was für welche, die es nötig haben.

zuerst erschienen bei NOVO Argumente

lebenmittelklarheit.de: Wutbürger beim Essenentlarven

100 Tage nach dem Start der Internetplattform lebensmittelklarheit.de, die Teil der BMELV-Initiative “Klarheit und Wahrheit bei der Kennzeichnung und Aufmachung von Lebensmitteln” ist, zog Ministerin Ilse Aigner am 27. Oktober 2011 eine positive Zwischenbilanz: “Die überwältigende Resonanz zeigt, dass es richtig und wichtig war, dieses Portal zu fördern”. Die Freude ist begründet, denn die Nutzer waren fleißig und haben am Online-Lebensmittelpranger in drei Monaten beachtliche 3.800 Produkte bemängelt. An Mängeln scheint kein Mangel zu herrschen. Ich bin beeindruckt. Ich wäre wahrscheinlich schon überfordert, wenn man mir die Aufgabe stellte, schlappe 380 Produkte – ganz egal, ob täuschende oder mustergültige – aufzulisten. Weil es so klasse läuft, hat Frau Aigner die Finanzierung für den Betrieb der Webseite erhöht. 975.000 Euro dürfen die Steuerzahler nun dafür bezahlen, dass sie anderen öffentlich mitteilen können, von welchen Lebensmitteln sie sich getäuscht fühlen.

Der triviale Hintergrund der ganzen Angelegenheit besteht in der schlichten Tatsache, dass Lebensmittel, wie alle anderen Produkte auch, von ihren Herstellern, in ein möglichst positives Licht gerückt werden. Dies geschieht nur vordergründig in der Absicht, Werbetextern und Verpackungsdesignern ein bescheidenes Auskommen zu sichern. In Wirklichkeit beabsichtigen die Multis, unschuldige Verbraucher dazu zu verlocken, ihre Produkte zu kaufen.

Nun gibt es Menschen, wie den Autor, die ihre wertvolle Zeit nicht damit verbringen, Verpackungen zu studieren, sondern vor allem darauf achten, dass der Inhalt schmeckt, und dabei ein paar grundsätzliche Kenntnisse im Hinterkopf behalten, die sich anzueignen nicht schwer ist, nämlich, dass Süßigkeiten Süßigkeiten sind, Fertigprodukte Fertigprodukte, Gemüse Gemüse und Fleisch Fleisch. Solche Sorglosigkeit kann die Sache der Ministerin nicht sein, denn sie hat ja, wie der Titel verrät, den Job, Verbraucher zu schützen. Wovor? Vor Ärger.

Mit Lebensmittelsicherheit hat „Lebensmittelklarheit“ nichts zu tun. Es geht nicht darum, dass irgendwelche Lebensmittel gesundheitlich bedenklich sind. Dass solche erst gar nicht angeboten werden, ist durch umfangreiche Zulassungsregularien gewährleistet. Es geht um das „Ärgerpotenzial“, wie es Gerd Billen, Chef der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), die mit dem Betrieb der Plattform beauftragt ist, formulierte. Jemand ärgert sich zum Beispiel darüber, dass „Sylter Salatfrische Topping“ nicht auf Sylt hergestellt wird oder dass allerlei Brühwürfel Hefeextrakt enthalten, der den Geschmack verstärkt, obwohl auf der Packung „ohne Geschmacksverstärker“ steht. (Das lässt sich leicht dadurch erklären, dass Hefeextrakt – ebenso wie z.B. Zucker und Salz – lebensmittelrechtlich nicht als Geschmacksverstärker eingestuft wird.)

Nun ist Ärger eine natürliche menschliche Regung. Und wenn sich denn einer, aus welchem Grund auch immer,  über zu groß oder zu klein Gedrucktes auf Lebensmittelpackungen ärgert, dann mag er sich Luft machen. Ist es aber die Aufgabe der Bundesregierung dieses Luftmachen zu organisieren, zu disseminieren und zu subventionieren?
Und ist es überhaupt der Ärger, der zu den Klagen im Internet führt? Ist es nicht vielmehr bei den meisten eine große innere Leere, die in ihnen das Gefühl aufkommen lässt, berufen zu sein, ahnungslose Mitmenschen davor warnen zu müssen, Kinderschokolade im falschen Glauben zu verzehren, eine Extraportion Milch zu sich zu nehmen? Und sollen die Verbraucher überhaupt vor Ärger geschützt werden? Zielt die ganze Chose nicht vielmehr darauf, Millionen von Menschen auf bisher verpasste, weil unerkannte Gelegenheiten, sich zu ärgern, hinzuweisen und damit die Menge des Ärgers im Lande zu erhöhen?

Und wozu brauchen wir eigentlich lebensmittelklarheit.de, wo wir doch Foodwatch haben?
Thilo Bode, selbst ernannter Cheflebensmittelbeobachter, findet es natürlich nicht knorke, dass jetzt Hinz und Kunz so tolle Enthüllungen machen darf, wie dass Tütensuppen nicht aus lauter frischem Gemüse bestehen, obwohl es auf der Packung abgebildet ist. Solche Sensationen an die dankbare Presse und durch diese an die dankbare Konsumentengemeinde zu vermelden, ist sein bewährtes Geschäftsmodell. Deshalb analysiert und kritisiert er messerscharf: Verbraucherministerin Ilse Aigner verfahre nach dem Motto: „Wenn der Verbraucher eine Täuschung entdeckt, dann kümmern wir uns darum. Wenn aber die Täuschung so überzeugend ist, dass der Verbraucher sie nicht entdeckt, dann ist offensichtlich alles in Ordnung.“ (zitiert nach dapd)

Wir lernen: Das Pfefferkuchenhaus aus Lug und Trug ist ein komplexes Gebäude. Da mag der eine oder andere gewöhnliche Esser Unsauberkeiten entdecken. Aber in die dunkelsten Ecken, die mit Schliche getarnt sind, dringt nur der Blick des Profis, des gelernten und geübten Foodwatchers. Aber wahrscheinlich braucht sich Herr Bode keine Sorgen zu machen. Wahrscheinlich sind es ja die 21.000 Förderer von Foodwatch, die die 3800 Beschwerden auf lebensmittelklarheit.de gepostet haben. Wir dürfen doch annehmen, dass wenigsten jeder fünfte der getreuen Sponsoren, sich gerne die Mühe gemacht hat, ein kleines „Sahneeis“-mit-zuwenig-Sahne-Ärgernis zum Besten zu geben.

Gibt es eigentlich einen Bedarf für noch mehr „Lebensmittelklarheit“? Wenn man die Kombination „Hefeextrakt“ und „Geschmacksverstärker“ googlet, erhält man 173.000 Treffer. Wir können also davon ausgehen, dass uns schon heute auf etwa 172.000 Webseiten enthüllt wird, dass Hefeextrakt ein Geschmacksverstärker ist. Ich nehme mal an, die gäbe es nicht in solcher Zahl, wenn nicht viele Menschen nach dergleichen Informationen dürsteten. Da kann eine mehr sicher nicht schaden.

Artikel erschien zuerst auf der Website von Novo Argumente

AKW-Stresstests: Volksfeste sind keine Atomkraftwerke

Die Reaktionen auf die Ergebnisse der „Stresstests“ für Kernkraftwerke in der letzten Woche waren nicht wirklich überraschend. Da Erdbeben und Tsunamis in Deutschland nicht wirklich als Bedrohung der Kernkraftwerke erscheinen, ist man wieder bei den Flugzeugen angekommen. Flugzeuge könnten, was extrem unwahrscheinlich ist, im Falle eines Absturzes ausgerechnet auf ein Kernkraftwerk prallen. Und sie könnten, was angesichts der Anschläge vom 11. September 2001 möglich erscheint, entführt und absichtlich auf eine Atomanlage gestürzt werden.

In der FAZ vom 18. Mai wies Stefan Dietrich darauf hin, dass auch Volksfeste und Fußballstadien nicht gegen Abstürze von Flugzeugen gesichert seien. Das Gleiche gilt bekanntlich für Hochhäuser, Chemiefabriken und überhaupt jedes erdenkliche Ziel. Das Argument zeigt einem die Grenzen der Sicherheit auf. Die Zahl der in Deutschland vor Flugzeugabsturz besonders schützenswerten Orte dürfte leicht in die Tausende gehen. Das Argument ist aber kein resignatives und impliziert auch nicht eine generelle Forderung nach Verzicht auf geeignete Maßnahmen zum Schutz gegen den Aufprall von Verkehrsflugzeugen. Gerade weil Kernkraftwerke freistehend und von überschaubarer Größe sind, könnte man sie im Gegensatz zu vielen anderen möglichen Zielen schützen –  etwa durch Stahlseilpyramiden, die ein anfliegendes Flugzeug in kleine abgebremste Stücke zersägen würden.

Welchen Grund kann es geben, dass der Schutz vor Flugzeugabstürzen einzig in Hinblick auf Kernkraftwerke diskutiert und von manchen als unverzichtbar bezeichnet wird? Es hat offenbar mit einer sehr speziellen Risikowahrnehmung zu tun. Ein in der FAZ vom 20. Mai abgedruckter Leserbrief bringt in bemerkenswerter Klarheit eine Haltung zum Ausdruck, die in der Debatte kein Außenseiterstandpunkt zu sein scheint. Gerlind Schabert aus Bonn erkennt in Dietrichs Argument eine „Wisch-und-weg-Mentalität“. Sie fragt sich ob, „Stefan Dietrich ganz ernsthaft der Meinung“ sei, „ein Flugzeugabsturz auf ein Fußballstadion lasse sich mit dem auf ein Atomkraftwerk vergleichen.“ Sie selbst ist ganz anderer Ansicht. Und zwar folgender: „Es wäre eine Tragödie, wenn Tausende von Zuschauern in einem Stadion Opfer einer solchen Katastrophe würden. Kilometerbreite Evakuierungen und die Verseuchung von Luft und Boden mit Radioaktivität wären aber nicht zu erwarten. Das Gleiche dürfte für Volksfeste gelten.“

Gerlind Schabert hat recht: Tausende von menschlichen Todesopfern sind nicht vergleichbar mit der vorübergehenden Verseuchung von einigen Quadratkilometern Land. Die Selbstverständlichkeit, mit der vielen hierzulande das Zweite als die offenbar weitaus größere Katastrophe erscheint, ist erschreckend.

In ihrem 2002 erschienenen Buch „RISK. A Practical Guide for Deciding What’s Really Safe and What’s Really Dangerous in the World Around You“ stufen die Autoren David Ropeik und George Gray von der Harvard University eine Vielzahl öffentlich diskutierte Risiken, von Brustimplantaten bis Ozonloch, auf einem „Risk Meter“ in zwei Kategorien ein: Wahrscheinlichkeit (der Exposition auf gefährlichem Niveau) und Konsequenzen (Schwere, Opferzahlen). Beim Thema Kernenergie fügen sie bemerkenswerterweise eine dritte Kategorie hinzu: „Einzigartige Konsequenzen (psychologische, wirtschaftliche und soziale Folgen)“. Ihre Einstufung lautet: Wahrscheinlichkeit – sehr gering, Konsequenzen – gering, einzigartige Konsequenzen – sehr hoch).

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