Freihandel: Angst vor Chlorhühnchen

USA und EU verhandeln seit Mitte 2013 über ein Abkommen zum Abbau von Handelsbarrieren, die so genannte Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP). Auch wenn es sich häufig so anhört, bedeutet dies nicht den Untergang des Abendlandes.

Auf der Kampagnenseite campact.de stellt sich die Sache ganz einfach dar: Unter der Überschrift „Keine Geschenke für Monsanto, BASF & Co.“  erfahren wir: „Das TTIP-Handelsabkommen soll Konzernen Profite durch Fracking, Chlorhühner, Gen-Essen und laxen Datenschutz erleichtern – und es bedroht Europas Demokratie. Auf diesen Deal lassen wir uns nicht ein.“ [1] Das leuchtet offenbar vielen Mitbürgern sofort ein. Bis Anfang April haben sich schon fast 500.000 vom mitgelieferten „5 Minuten Info“ überzeugen lassen und die Onlinepetition unterzeichnet.

Von den Kritikern wird die öffentliche Debatte als Kulturkampf inszeniert. In der taz wird in der Überschrift „Chlorfleisch statt Biohähnchen“ [2] in aller Kürze auf den Punkt gebracht, was zu drohen scheint, wenn man sich auf solche Verhandlungen mit Amerika einlässt. Illustriert ist der Artikel mit Fotos von übergewichtigen, fahnenschwenkenden US-Bürgern. Es geht darum, die gefühlte Bürgerherrschaft und Ökoromantik in Europa gegen die gefühlte Konzernherrschaft und Technikgläubigkeit in den USA zu verteidigen.

Der eigentliche Gegenstand der TTIP-Verhandlungen, die wohl noch Jahre brauchen werden, ist weniger spektakulär. Neben dem Abbau relativ weniger, noch verbliebener Zölle wird vor allem die Angleichung von Regeln und Standards oder die gegenseitige Anerkennung der jeweiligen Regulierungen als gleichwertig angestrebt. Ziel ist es, dass Unternehmen ihre Produkte in den Mitgliedstaaten des Abkommens genauso einfach verkaufen können wie in ihren Heimatländern.

Am ominösen Chlorhühnchen kann man verdeutlichen, worum es bei der gegenseitigen Anerkennung verschiedener Verfahren geht. Sowohl die USA als auch die EU achten aus guten Gründen darauf, dass Fleisch, das in den Handel kommt, nicht mit gefährlichen Bakterien belastet ist. In den USA wird dies unter anderem dadurch erreicht, dass Geflügel mit antimikrobiell wirkendem Chlordioxid behandelt wird, das bei Kontakt mit Lebensmitteln zu harmlosen Chlorid-Ionen zerfällt. In der EU sind für Fleisch grundsätzliche keine Dekontaminationsmethoden zugelassen.

Seit 1997 ist die Einfuhr von Geflügel, das mit Chlordioxid behandelt wurde, in die EU verboten, 2009 haben die USA dagegen geklagt, da weder die EU-Kommission noch die Mitgliedsstaaten eine auf wissenschaftliche Erkenntnisse gestützte Begründung für das Verbot vorgelegt hatten. Tatsächlich kam auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit efsa 2005 in einem Gutachten zu dem Schluss, dass Chlordioxid und drei andere untersuchte Substanzen unter den vorgeschlagenen Anwendungsbedingungen keinen Anlass zu Sicherheitsbedenken geben. [3] Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung lehnt die chemische Dekontaminierung in einer Stellungnahme von 2006 mit Verweis auf weit über 100.000 Erkrankungen durch Salmonellen und Campylobacter nicht ab. [4] Es ist verständlich, dass die US-Geflügelindustrie hier eine protektionistische Maßnahme sieht und die USA versuchen, diese Handelsbarriere loszuwerden.

Bezeichnend ist, dass Ilse Aigner, als sie noch Landwirtschaftsministerin war, die Ablehnung damit begründete, dass sie gegen die „Einfuhr von kontaminierten Geflügel“ sei. [5] Sie war offenbar der Auffassung, dass die Hühnchen durch die Dekontamination kontaminiert wurden. Fürchtet sie sich auch in der Arztpraxis, durch das Desinfektionsmittel infiziert zu werden? Sicher nicht. Sie teilt wahrscheinlich nur mit vielen anderen Europäern eine intuitive Abwehr gegen jede chemische Behandlung von Lebensmitteln und mutete sich nicht zu, lange darüber nachzudenken, was sie sagt, da sie sich der Zustimmung der Mehrheit sicher sein konnte.

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Saharastaub und Nanoangst

Zurzeit haben unsere Lungen wieder ganz schön etwas zu verarbeiten. Die Luft ist voller Partikel im Mikro- und Nanobereich. Ganz Europa wird regelmäßig von riesigen Staubwolken aus der Sahara heimgesucht, die die Feinstaubwerte nach oben treiben. Der Staub besteht vornehmlich aus Mischoxiden der Elemente Silizium, Aluminium, Titan, Eisen, Kalium und Kalzium.

Auch der Mensch produziert schon sehr viel länger, als es Nanotechnologie gibt, kleinste Partikel, vor allem durch Verbrennung von Holz, Kohle, Benzin und natürlich auch Tabak. Gerade im Frühjahr kommt noch die Landwirtschaft dazu. Seit Anfang Februar dürfen die Landwirte die Gülle, die sich über den Winter angesammelt hat, auf den Äckern und Wiesen ausbringen. Dabei wird Ammoniak (NH3) freigesetzt, aus dem sich in der Atmosphäre Feinstaub bildet.

Nanopartikel sind also nichts Neues. Wir atmen sie schon immer mit jedem Atemzug ein. In einem Liter Luft befinden sich 5 bis 10 Millionen Teilchen, die kleiner sind als 100 Nanometer. Von den Schwebstoffen in der Luft sind etwa 90 Prozent natürlichen Ursprungs, 10 Prozent von menschlicher Aktivität herrührend und 0 Prozent Produkte der Nanotechnologie. Selbst das High-Tech-Material der Kohlenstoffnanoröhrchen, das wir erst seit Kurzem industriell herstellen können, entsteht offenbar auch unabsichtlich als Nebenprodukt der Dieselverbrennung und ist daher schon seit langem in unserer Atemluft enthalten.

Die größte Quelle von Nanopartikeln sind tatsächlich Staubstürme. Rund 50 Prozent der Schwebstoffe in der Luft stammen aus der Sahara, der Wüste Gobi und anderen Gegenden mit starker Winderosion. Sie stellen insbesondere für empfindliche Menschen, etwa mit Asthma, eine Belastung dar. Dabei spielt auch die Zusammensetzung der Stäube eine Rolle. Ein hoher Anteil von Eisen oder anderen Metallen ist für das Lungengewebe problematischer als ein geringer. Hinzu kommen Partikel vulkanischen Ursprungs sowie von Waldbränden und auch Salzkristalle mit einer Größe ab 100 Nanometern. Letztere scheinen jedoch eher gesundheitsförderlich als schädlich zu sein. Deshalb schickt man Asthmatiker gerne ans Meer zur Kur oder auch untertage in Salzstöcke.

Auch viele Organismen sind kleiner als ein Millionstel Meter (1000 Nanometer). Viren bewegen sich im Bereich zwischen 10 und 400 Nanometer, Bakterien zwischen 30 und 7000. Einige von ihnen stellen als Krankheitserreger eine besondere Gefahr für Menschen dar und sind ein wesentlicher Grund dafür, dass im Laufe der Evolution alle Lebewesen sehr effektive Barrieren gegen das Eindringen auch sehr kleiner Objekte gebildet haben. In anderer Hinsicht sind sie harmloser, weil sehr viel unbeständiger. Sie lösen sich im Gegensatz zu den Teilchen, die wir als Nanopartikel bezeichnen, schnell auf.

Menschengemachte Partikel

Unter den von Menschen gemachten Nanopartikeln verdienen die in Innenräumen erzeugten besondere Beachtung, denn sie tragen in höherem Maße zur gesundheitlichen Belastung bei als die durch industrielle Produktion und Straßenverkehr verursachte Luftverschmutzung, zumal die meisten Menschen sich etwa 80 Prozent der Zeit in Gebäuden aufhalten. Kochen, Putzen, Kerzen- und Kaminfeuer sowie Zigarettenrauch sind die Hauptverursacher dieser Partikel. Aber auch Textilfasern oder Exkremente von Milben, die für die sogenannte Hausstauballergie verantwortlich sind.

Das grundsätzliche Problem von Nanopartikeln ist, dass sie leichter in den Körper gelangen und dort über Blut- und Lymphbahnen prinzipiell in alle Organe vor- und in einzelne Zellen eindringen können. Sie können so zur Entstehung einer Vielzahl von Krankheiten beitragen. Generell sind kleinere Partikel gefährlicher als größere, Haupteinfallstor ist die Lunge. Deshalb ist es ratsam die Belastung der Atemluft möglichst gering zu halten. Da ein Großteil der Partikel aus natürlichen Quellen stammt, sind die Möglichkeiten hierzu jedoch begrenzt.

Von Menschen absichtlich hergestellte Nanopartikel stellen also im Vergleich zu den natürlichen und den seit Jahrtausenden durch menschliche Tätigkeit unbeabsichtigt entstehenden eine geringe Menge dar. Unsere Körper verfügen generell über eine Vielzahl von Abwehrmechanismen, um damit umzugehen. Ebenso wie die natürlichen sind sie nicht per se gefährlich oder ungefährlich. Manche sind giftig, andere harmlos und manche sogar gesundheitsförderlich.

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Informationelle Selbstbestimmung im Reich der Genetik

Im Falle des US-Unternehmens 23andMe kommt einiges zusammen, weshalb es derzeit häufiger in den Medien ist: die Aufforderung der amerikanischen Zulassungsbehörde den Verkauf der Gentests einzustellen, ein Patent auf Designerbabies und die, auf eine Scheidung zulaufende, Ehe der 23andMe-Chefin Anne Wojcicki und des Google Gründers Sergey Brin. Wir sind gefordert, uns Gedanken zu machen, welcher der drei Tatbestände der brisanteste ist.

23andMes Geschäft ist Genomanalyse. Was die Firma bietet, wurde zunächst als Lifestyle-Angebot präsentiert. Die 23 im Firmenname steht für die 23 Chromosomenpaare des Menschen. Zu diesen kann der Kunde gewissermaßen ein persönlicheres Verhältnis aufbauen, indem man für ihn ein wenig darin liest: Selbstfindung auf biologischer Ebene mit Hightech-Appeal. Das erschien vielen ziemlich cool, als 23andMe 2007 auf den Markt ging und man auf Spit-Parties [1] gemeinsam in Röhrchen spuckte, um diese dann ins Labor zu schicken. Über 500.000 Menschen haben seitdem die Tests durchführen lassen, deren Preis von anfänglich 999 Dollar auf heute 99 Dollar gesunken ist.

Auch im Weiteren bewegte sich 23andMe im Grenzbereich zwischen Lifestyle und Medizin, stellte aber immer mehr den Wert der Produkte für die gesundheitliche Prävention heraus. Dem Kunden wird in Aussicht gestellt, mit den genetischen Informationen die eigene Gesundheit managen zu können. Das Unternehmen selbst sieht sich als Wegbereiter einer Revolution in der Medizin.

Mitte 2012 trat 23andMe in den Dialog mit der Food and Drug Administration (FDA), um eine Zulassung anzustreben. Denn laut FDA ist alles, das dazu dient, Krankheiten zu behandeln, zu diagnostizieren oder zu vermeiden, ein Medizinprodukt und damit der behördlichen Zulassungspflicht unterworfen. Seit Mai 2013 schien die Firma das Ziel aber aufgegeben zu haben, meldete sich nicht mehr bei der FDA und startete stattdessen eine große Werbekampagne. Die FDA sagte nichts, wartete die Deadline ab, die es dem Unternehmen gegeben hatte, um notwendige Studien beizubringen, und schickte dann am 22. November einen Brief [2], in dem sie Anne Wojcicki aufforderte, den Vertrieb des Personal Genome Service (PGS) unverzüglich einzustellen. Schließlich hatte sie dem Unternehmen die Chance und die Zeit gegeben, zu liefern.

Nach dem Schuss vor den Bug hat 23andMe Anfang Dezember entschieden, zwar weiter Tests anzubieten, aber keine gesundheitsbezogenen Auswertungen, etwa über das Krebsrisiko, Erbleiden oder Unverträglichkeiten mehr zu liefern. Die Nachfrage dürfte drastisch einbrechen. Nun versucht man, schnell nachzuarbeiten und der FDA Belege für Zuverlässigkeit und Nutzen der Tests zu liefern.

Im Brief der FDA kann man nachlesen, wo diese das Problem sieht: in der Überforderung der Nutzer. Diese könnten bei fehlerhaften Ergebnissen fatalerweise auf eigene Faust und ohne Konsultation eines Arztes entscheiden, sich die Brust amputieren zu lassen, die Dosis ihrer blutverdünnenden Medikamente ändern oder aber sich in falscher Sicherheit wähnen, wenn sie tatsächlich von einer schweren Krankheit bedroht sind. Möglich wäre das. Die Frage ist aber: Ist es besser, erwachsenen Menschen zuzumuten, und auch zuzutrauen, den Rat ernst zu nehmen, die Ergebnisse mit einem Arzt zu besprechen, bevor sie Konsequenzen ziehen, die mit einem gewissen Risiko verbunden sind? Oder muss man sie vor Ihrer eigenen Unbedachtheit schützen und ihnen damit die entsprechende Urteilsfähigkeit absprechen? Die zweite Sichtweise mag im Einzelfall vor Fehlentscheidungen bewahren, sie befördert aber eine Kultur der Unmündigkeit, die letztlich viel mehr Schaden anrichtet. Wir kommen nicht darum herum, uns auf den Umgang mit solchen Daten vorzubereiten. Man muss Menschen zugestehen, auf freiwilliger Basis, unvollständiges Wissen über die eigenen Gene zu erwerben und auf eigene Verantwortung damit umzugehen.

Zweites Thema: Das Designerbaby. Im September erhielt 23andMe ein Patent auf ein Verfahren zur „Keimzellspenderauswahl basierend auf genetischen Berechnungen“. [3] Dieses sieht vor, genetische Informationen von Samenspendern oder Eizellspenderinnen zu erheben, um entsprechend den Wünschen der Empfängerin eine Auswahl treffen zu können. Die Patentschrift [4] enthält Anwendungsbeispiele, die man irgendwo zwischen absurd und knifflig einsortieren kann, beispielsweise einen Fragebogen, der einen vor die Wahl stellt, ob man für sein Kind maximale Lebenserwartung, minimale Gesundheitskosten oder geringste Krankenhausaufenthaltsdauer bevorzugt. In beispielhaft angeführten Auswertungen sieht man, wie hoch die Wahrscheinlichkeit bei einem bestimmten Spender ist, ein Kind zu bekommen, das bei Alkoholkonsum eine rote Birne kriegt (Alkohol Flush) oder ein guter Sprinter sein wird. 23andMe beteuert, dass die Firma nicht plane, in Zusammenarbeit mit Kinderwunschkliniken einen entsprechenden Service anzubieten. Vielmehr diene das Patent nur dem Schutz eines Produkts, das schon seit vier Jahren im Angebot ist: der Family Traits Inheritance Calculator. Dieser ermöglicht es Paaren, Voraussagen über Eigenschaften des geplanten Nachwuchses zu ermitteln. Es sei „eine lustige Möglichkeit, herauszufinden, welche Augenfarbe ihr Kind haben könnte, oder ob das Kind bitter schmecken kann oder eine Milchzuckerunverträglichkeit hat“, erfährt man auf einem Websiteeintrag [5] zu dem Patent. Doch sollte und wird man es wirklich bei dieser Spielerei belassen? In der Tat gäbe es durchaus sinnvolle Anwendungen, die über die Unterhaltung der Eltern hinausgehen würden. Nehmen wir an, eine Frau ist Trägerin einer bestimmten Genvariante für eine Erbkrankheit. Sie kann oder will – aus welchen Gründen auch immer – nicht mit einem Lebenspartner zusammen ein Kind bekommen. Sie lässt sich also in einer Kinderwunschklinik mit Samenzellen eines Spenders befruchten. Warum soll sie bei der Auswahl des Spenders gerade jene Information nicht berücksichtigen, die darüber entscheidet, ob das Kind eine schwere Krankheit erben wird? Viele Menschen würden das als legitimes Interesse betrachten. Es ist übertrieben, hier gleich von Designerbabies zu sprechen und eine Welt heraufdämmern zu sehen, in denen Babies wie Produkte maßgefertigt und gekauft werden. Eine solche Gesellschaft entsteht nicht dadurch, dass ein Patent erteilt wird oder eine sehr kleine Gruppe von Menschen bestimmte Dienstleistungen in Anspruch nimmt. Es ist umgekehrt so, dass eine Nachfrage erst dann entsteht, wenn die Gesellschaft sich weit von dem weg entwickelt hat, was wir bisher für selbstverständlich erachten, und in der insbesondere die Institution der Familie eine Umwertung erfahren hätte.

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13 Thesen für die Freiheit

Für freie Menschen und eine Gesellschaft freier Menschen im 21. Jahrhundert

Wir haben Glück, heute zu leben. Noch nie standen so vielen Menschen so viele Möglichkeiten offen. Wir sind mobiler, gesünder, wohlhabender, gebildeter, technologisch fortgeschrittener und in vielerlei Hinsicht freier in unserer persönlichen Lebensgestaltung als je zuvor. Grund genug, optimistisch in die Zukunft zu blicken.

Doch wir laufen Gefahr, wichtige Errungenschaften zu verlieren. Freiheitsmüdigkeit breitet sich aus. Der Glaube an unsere eigenen Fähigkeiten hat nachgelassen. Die Überzeugung, dass wir selbst und unsere Mitmenschen unangeleitet die richtigen Entscheidungen treffen und die Zukunft positiv gestalten können, verliert an Kraft. Immer mehr staatliche Gebote, Verbote und Regeln prägen unseren Alltag. So entsteht ein gesellschaftliches Klima, in dem nicht Offenheit, Experimentierfreude und Toleranz, sondern Skepsis, Ängstlichkeit und Konformismus dominieren.

Deshalb streiten wir für Freiheit: die Freiheit, die Menschen benötigen, um die Gesellschaft voran zu bringen, die Freiheit, das eigene Leben zu gestalten, und vor allem auch die Freiheit kontroverser, offener Debatten ohne Denk- und Redeverbote. Eine Gesellschaft, die das nicht zulässt, ist nicht mehr frei. Nur eine Gesellschaft, in der es freien Wettstreit der Ideen gibt, kann sich positiv verändern.

Diese Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit und war es nie. Das Recht, eigene Ziele und Träume zu verfolgen, Gedanken und Meinungen auszudrücken und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, wurde einst den Herrschenden abgetrotzt. Wir müssen uns jeden Tag neu dafür einsetzen. Das Problem von Freiheit oder Unfreiheit ist nicht eines, das für uns während der Französischen Revolution oder der Verabschiedung des Grundgesetzes gelöst wurde. Es betrifft uns jeden Tag in unserem eigenen Leben. Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht der aktuellen Krise des politischen Liberalismus haben wir 13 Thesen formuliert, mit denen wir eine neue Diskussion über Freiheit aus humanistischer Perspektive eröffnen wollen.

1. Der Mensch ist nicht das Problem, sondern die Lösung. Freiheit ist nicht gefährlich, sondern die Quelle menschlicher Kreativität.

Dem humanistischen Ideal, dass der Mensch frei und autonom sein Leben und seine Umwelt kontrollieren und durch rationales Handeln zum Besseren gestalten kann, steht heute ein antihumanistisches gegenüber, das auf Vermeidung, Selbstbegrenzung, Risikoscheu und Angst vor Veränderungen basiert. Hier erscheint der Mensch in erster Linie als mögliche Gefahr für sich selbst, für andere und den ganzen Planeten. Dagegen wenden wir uns. Wir glauben an den Menschen, sein schöpferisches Potenzial und damit auch an die Freiheit.

2. Wir können selbst entscheiden, was gut für uns ist und was nicht. Dafür brauchen wir keinen wohlmeinenden Staat, der uns erzieht, therapiert oder vor uns selbst schützt.

Wenn in der westlichen Gesellschaft das gesellschaftliche Gut Freiheit relativiert wird, geschieht dies nicht in jener Weise, wie wir es von Diktaturen kennen. Es marschieren keine Polizeitruppen auf und es wird keine Staatspropaganda auf Flugblätter gedruckt. Die moderne Sprache des Freiheitsentzuges ist die des Beschützers und Pädagogen. Frauen müssen vor Männern geschützt werden, Verbraucher vor Konzernen, Nichtraucher vor Rauchern und die Raucher vor sich selbst. Durch Verbote und Verhaltensanreize greifen politische Institutionen in immer mehr Lebensbereiche der Bürger ein und machen Vorschriften darüber, was wir essen, trinken oder konsumieren dürfen und wie wir uns in zwischenmenschlichen Beziehungen verhalten sollen. Damit verkehrt sich unser Verhältnis zu den Institutionen. Nicht der Staat muss sich mehr vor den Bürgern rechtfertigen – die Bürger werden dem Staat gegenüber rechenschaftspflichtig.

3. Die repräsentative Demokratie bildet das Fundament unserer politischen Freiheit. Sie muss gegen Allparteienkonformismus und technokratischen Politikstil verteidigt werden.

Für die Freiheit zu kämpfen, wird heute umso wichtiger, weil es bequem geworden ist, Verantwortung an andere auszulagern, statt mit Mut und Zuversicht für eigene Entscheidungen gerade zu stehen. Die politisch Handelnden verstecken sich hinter angeblichen Sachzwängen und entziehen sich so der Kontrolle und Rechtfertigungspflicht gegenüber der demokratischen Öffentlichkeit. Statt im Parlament werden politische Entscheidungen häufig von Gremien getroffen, die sich keiner demokratischen Wahl stellen müssen – das gilt vor allem für die EU-Ebene. Zu leichtfertig wird das Mantra, es gebe keine Alternative, von vielen Bürgern akzeptiert. Doch es gibt in der Politik immer Alternativen. Deshalb treten wir für ein Wiedererstarken der demokratischen Streitkultur in Parlamenten, Parteien und der Bevölkerung ein.

4. Die ausufernde Überwachung macht die Welt nicht sicherer, sondern unfreier.

Staatliche Überwachung ist längst Alltag. Spätestens seit dem 11. September 2001 greift der Staat unter dem Vorwand der Gefahrenprävention im Antiterrorkampf massiv in die Rechte seiner Bürger ein. Die Angst vor Terrorangriffen oder anderen Gefahren hat dazu geführt, dass der Schutz durch den Staat für viele wichtiger geworden ist als der Schutz vor dem Staat. Der Preis, den wir hierfür zahlen, ist ein zunehmender Verlust unserer Selbstbestimmung. Verbriefte Freiheitsrechte werden durch Vorratsdatenspeicherungen, Abhörnetze oder die präventive Erfassung biometrischer Daten eingeschränkt. Diese Entwicklung muss umgekehrt werden. Wir schützen uns nicht durch immer mehr Überwachungskameras oder Kontrollen vor Terroristen. Angst und Misstrauen sind kein guter Ratgeber.

5. Das Private muss privat bleiben. Vertrauensvolle Beziehungen im Privaten schaffen die Grundlage für ein lebendiges öffentliches Leben.

Immer mehr Menschen glauben, hinter verschlossenen Türen, Schändliches oder Gefährliches vermuten zu müssen. Aus diesem Misstrauen erwachsen Forderungen nach Transparenz in immer mehr Bereichen unseres Lebens. Die persönliche Freiheit der Menschen entfaltet sich aber gerade in den selbst gewählten zwischenmenschlichen oder familiären Beziehungen, die den Einzelnen die Sicherheit geben, frei von externen Vorschriften und Rollenerwartungen autonom zu handeln. Mündigkeit und Urteilskraft werden vor allem in der Sphäre des Privaten eingeübt – aber auch die Politik kommt nicht ohne Vertraulichkeit aus. Deshalb müssen wir die Privatsphäre nicht nur vor staatlichen Eingriffen schützen, sondern auch das Bewusstsein für ihre gesellschaftliche Bedeutung wieder schärfen.

6. Kindererziehung ist Angelegenheit der Eltern und nicht des Staates.

Bis heute sieht das Grundgesetz Erziehung zwar noch als Recht und Pflicht von Eltern an, doch das Prinzip elterlicher Erziehungshoheit wird immer weiter ausgehöhlt. Dadurch wird auch der Status der Eltern als mündige und verantwortungsbewusste Erwachsene in Frage gestellt. Eltern wird nicht mehr zugetraut, selbst am besten zu wissen, was gut für ihre Kinder ist. Da schlechte Erziehung heute für praktisch jedes spätere Fehlverhalten von Menschen als Begründung herhalten muss, sieht der Staat besonderen Handlungsdruck. Durch die zunehmenden Interventionen entsteht ein Klima der Verunsicherung bei den Eltern, unter dem die Kinder am meisten leiden.

7. Das Ziel des Sozialstaats muss es sein, dass Menschen unabhängig bleiben und weder staatlicher Fürsorge bedürfen, noch staatlicher Bevormundung ausgesetzt sind.

Es ist richtig und ein Gebot der Humanität, dass die Gesellschaft hilfsbedürftige Menschen materiell unterstützt. Das Ziel jeder staatlichen Unterstützung muss es aber sein, dass die Hilfsempfänger so schnell wie möglich wieder ohne sie auskommen können. Der Sozialstaat hat sich merklich von diesem emanzipativen Anspruch entfernt. Das heutige Wohlfahrtsmodell basiert auf der therapeutischen Prämisse, wonach im Grunde alle Menschen in unterschiedlichem Ausmaß von einem omnipräsenten Staat und seinen Institutionen beraten, betreut und zu einem gesünderen und besseren Lebensstil erzogen, verführt oder gedrängt werden müssen. Gefördert wird Abhängigkeit und Entsolidarisierung statt Unabhängigkeit und gesellschaftliches Miteinander. Deswegen brauchen wir eine politische Debatte über die Grenzen des interventionistischen Sozialstaates.

8. Die Redefreiheit ist das Fundament der Demokratie. Jedes Wort, auch das schwer ertragbare, muss gesagt werden dürfen.

Meinungs- und Redefreiheit werden von unserer Verfassung garantiert, aber nicht mehr gelebt. Immer wieder werden scheinbar gute Gründe dafür aufgeführt, warum die freie Rede eingeschränkt werden sollte – etwa, dass sich empfindliche Seelen durch Wörter verletzt fühlen oder verwirrte Zeitgenossen von Demagogen verführt werden könnten. Sprachregeln sollen die Menschen vor eigenem und fremdem sprachlichen „Fehlverhalten“ schützen. Abweichende Meinungen werden nicht als Chance gesehen, die eigenen Argumente zu erproben und zu stärken, sondern zum Anlass genommen, Menschen auszugrenzen oder eine Entschuldigung zu fordern. Aber nur dort, wo verschiedene Meinungen im Wettstreit miteinander liegen, kann sich am Ende das beste Argument durchsetzen. Deshalb brauchen wir das Recht, jede Überzeugung hören zu dürfen, denn auch falsche, provozierende, verlogene und verabscheuungswürdige Äußerungen tragen zum Klärungsprozess bei. Statt auf Tabus sollten wir auf eine Kultur der Kontroverse setzen.

9. Die Wissenschaft muss frei von politischer Einflussnahme forschen dürfen. Je besser wir verstehen, wie die Welt funktioniert, desto umfassender können wir unser Schicksal selbst bestimmen.

Je mehr wir wissen, desto freier können wir sein. Die Forschung erweitert unablässig unsere Handlungsmöglichkeiten. Gerade die Freiheit der Forschung ist aber heute nicht in vollem Maße gewährleistet. Denn sie ist nur dann wirklich frei, wenn sie als Selbstzweck betrieben wird, also ausschließlich dem Erkenntnisgewinn und der Wahrheitssuche dient. Dafür muss die Wissenschaft vom Staat mit genügend finanziellen Mitteln ausgestattet werden. Gleichzeitig muss er sie als autonome Sphäre respektieren und darf nicht versuchen, sie zu lenken und zu regulieren.

10. Naturbeherrschung ermöglicht Freiheit.

Die wachstums- und technikkritische Grundhaltung sowie die Knappheitsmythen grünen Denkens verneinen unsere Rolle als Gestalter unserer Umwelt. Ständig wird an uns appelliert, die Natur durch Vorsorge, Verzicht und Selbstbeschränkung zu konservieren. Dabei ist die Befreiung von den Härten und Launen der Natur eine zivilisatorische Errungenschaft. Die immer weiter reichende Naturbeherrschung hat uns in den vergangenen 200 Jahren Freiheit und Wohlstand gebracht. Wer von der natürlichen Begrenzung der Ressourcen spricht, blendet den menschliche Erfindungsreichtum aus. Wir erschließen ständig neue natürliche Quellen des Reichtums. Auch für zehn Milliarden Menschen ist ein hoher, „westlicher“ Lebensstandard möglich. Wir dürfen uns nicht irritieren lassen und müssen diesen Weg weitergehen.

11. Unternehmerische Freiheit und Wirtschaftswachstum im Rahmen einer demokratischen, gemeinwohlorientierten Gesellschaft schaffen die materiellen Voraussetzungen für ein freies Leben.

Die Skepsis gegenüber der Marktwirtschaft ist heute weit verbreitet. Es wird unterstellt, die Interessen der Wirtschaft und der Bevölkerung ständen in Widerstreit zueinander. Die Unternehmen werden immer stärker reguliert. Dies führt dazu, dass sich nicht die besten Lösungen durchsetzen und Investitionen ausbleiben. So werden Wachstum und Innovationskraft der Wirtschaft gehemmt. Doch wirtschaftliches Wachstum ist nicht nur Grundlage dafür, dass Hunger und Armut weltweit mehr und mehr zurückgedrängt werden. Wirtschaftswachstum bedeutet auch mehr Freiheit bei uns: In Deutschland hat sich im 20. Jahrhundert die Zahl der Arbeitsstunden pro Kopf halbiert. Wir werden freier, wenn immer weniger Arbeit zur unmittelbaren Erzeugung der materiellen Lebensgrundlagen erforderlich ist, wir uns mehr leisten können und mehr Freizeit haben.

12. Offene Grenzen machen uns alle freier. Wer seine Koffer packt, um woanders Arbeit und ein besseres Leben zu finden, zeigt Initiative und Mut. Wir können von der Dynamik der Einwanderung nur profitieren.

In einer freien Welt sollte jeder das Recht haben, zu leben und zu arbeiten, wo er möchte. Viel zu häufig wird über Einwanderung als Last gesprochen. Während wir akzeptieren, dass die Öffnung der Grenzen für Waren unseren Wohlstand erhöht hat, stehen viele der Einwanderung skeptisch gegenüber. Dabei kommen hier die gleichen Mechanismen zum Tragen: Menschen gehen dorthin, wo sie Arbeit finden können und ihre Dienste gebraucht werden. Einwanderungswellen gehen häufig mit großen Wachstums- und Wohlstandsimpulsen einher. Wir sollten Einwanderung daher als etwas Positives begreifen, anstatt angstgesteuerte Debatten über ihre Begrenzung zu führen.

13.Es ist sinnlos, sich den Menschen als Wesen ohne freien Willen zu denken.

Der Mensch ist in seinem Denken und Handeln frei. Wir berauben uns unserer Freiheit, wenn wir uns einreden oder einreden lassen, nicht selbst für unser Leben verantwortlich zu sein, sondern bloß Resultat unserer Gene, Produkt unserer sozialen Herkunft oder Opfer frühkindlicher traumatischer Erfahrungen. Die übermäßige Betonung vermeintlicher natürlicher oder sozialer Ursachen des Verhaltens erschwert den Individuen, ihr Leben als rationale und voll verantwortliche Akteure in die eigene Hand zu nehmen.

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Atomkraft: Die Neuerfindung der Kernenergie

Seit Merkels kühner Wende scheint das Ende der Kernenergie in Deutschland besiegelt. Das Land präsentiert sich als Eldorado für Windmüller und Solardachbesitzer und als Sperrgebiet für Kernphysiker. Ganz Deutschland? Nein! In Berlin hat sich eine kleine Truppe von Enthusiasten zusammengefunden, die mitmischen wollen, wenn die Renaissance jener Energiequelle eingeläutet wird, die beides kann: sehr billig sein und gleichzeitig CO2-frei.

Dass man es mit Exoten in der schnell wachsenden Berliner Start-up Szene zu tun hat, erkennt man schon am sperrigen Namen. „Institut für Festkörper-Kernphysik (IFK) GmbH“ klingt nicht gerade sexy und nicht nach schnellem Geld im Internet. Es klingt auch nicht nach Atomindustrie. Streng genommen muss man das Gründungsunternehmen aber wohl dazu zählen. Denn das Geschäftsmodell besteht darin, eine ganz neue Art von Kernreaktor zu entwickeln und zu kommerzialisieren. Das war so allerdings erst mal nicht geplant. Als der Kernphysiker Armin Huke das Unternehmen vor vier Jahren als gemeinnützige GmbH gründete, wollte er vor allem seine Grundlagenforschung im Bereich der Kernfusion fortführen, nachdem an der TU Berlin wie an vielen kernphysikalischen Instituten in Deutschland die Kernphysik in ein Nischendasein gedrängt worden war. Die Sache mit dem Reaktor ergab sich eher zufällig. Zusammen mit seinem früheren Kommilitonen Götz Ruprecht suchte er nach einem verwertbaren Projekt. Ruprecht war nach Kanada gegangen, wo er am nationalen Kernforschungszentrum TRIUMF Prozesse untersuchte, die im Innern von Sternen ablaufen. Zusammen kam ihnen die Idee, eine neue Quelle für Molybdän 99 zu entwickeln. Das ist ein radioaktives Isotop, das in der Medizin von großer Bedeutung ist und für das 2010 ein akuter globaler Versorgungsengpass entstanden war. Es ließ sich nicht wirtschaftlich umsetzen, lieferte aber neue Lösungen, wie auf Basis alter Konzepte aus den 1950er und 60er Jahren, der wilden Zeit der Kernenergieforschung, ein hoch effizientes Kraftwerk gebaut werden könnte. „Da haben wir gemerkt, dass viel mehr geht, als das, was heute in der Industrie zur Anwendung kommt“, sagt Huke. „Die heutigen Reaktoren haben eine Menge Nachteile, die keineswegs sein müssten.“ Zusammen mit Ruprecht und einigen anderen hat er deshalb in den letzten drei Jahren den sogenannten Dual Fluid Reaktor entworfen und zum Patent angemeldet. Der beansprucht so viele Vorteile, dass auch hartgesottene Atomkraftgegner ins Nachdenken kommen könnten.

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Kurzfassung bei FOCUS

Pestizide: Wenn Pflanzenschutzmittel nicht krank machen

Der grüne Abgeordnete Harald Ebner schafft es, sein politisches Selbstverständnis in einem Satz zusammenzufassen: „Im Bundestag für Schwäbisch Hall / Hohenlohe … und gegen Agro-Gentechnik“. [1] Folgerichtig hat ihn die Fraktion zum „Sprecher für [sic] Agro-Gentechnik“ ernannt. In dieser Funktion widmet er sich auch dem Kampf gegen das weltweit meistgenutzte Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat. An Mitstreitern mangelt es nicht. Der Wirkstoff steht pars pro toto für die moderne Landwirtschaft und ist somit allen Verfechtern eines alternativen Ackerbaus ein Dorn im Auge. Hintergrund für die aktuelle Diskussion ist die anstehende Neubewertung zur Verlängerung der europäischen Zulassung, die routinemäßig alle zehn Jahre erfolgt. Ebner bringt das Mittel in Zusammenhang mit einer „extremen Zunahme an Missbildungen bei Neugeborenen, Fehlgeburten, Nierenschäden oder auch verschiedenen Krebsarten“ [2] und einem „weltweiten Amphibiensterben“ [3]. In ein ähnliches Horn bläst der BUND mit einem geschmacklosen Internetpropagandavideo zur Thematik. [4] Da erscheint es nur folgerichtig, die Glyphosat-Zulassung zumindest auszusetzen.

Die Frage ist, woher die Behauptungen stammen, die das seit über 30 Jahren eingesetzte Mittel so gefährlich erscheinen lassen. Die ZDF Sendung „Das stille Gift. Wenn Pestizide krank machen“, die am 8. Mai 2013 erstmals gesendet wurde, hat offenbar den Anspruch, uns über die Gefahren aufzuklären. [5] Wir begegnen der behinderten Tochter eines armen argentinischen Tabakbauers. Wir erfahren, dass der Bauer Glyphosat genutzt hat. Ein weiterer Bauer hat einen behinderten Sohn. „Die genaue Zahl der Betroffenen kennt niemand“, heißt es viel- und doch nichtssagend. Wäre es da nicht Aufgabe der Journalisten, herauszufinden, wie sich die Zahl der Behinderungen im Vergleich zu anderen Regionen der Welt verhält. Müsste man nicht auch versuchen, eine Antwort auf die Frage zu finden, warum ein Stoff, der weltweit massiv eingesetzt wird, ausgerechnet in einer kleinen Region Argentiniens bei Kindern armer Tabakbauern zu Geburtsfehlern führt? Was sagt die Wissenschaft? Befragt wird im Film Prof. Andrés Carrasco in Buenos Aires. Er antwortet: „Wenn man nach einem Zusammenhang fragt zwischen Krankheit und Pestiziden, würde ich antworten: Ich brauche keine Gewissheit. Es geht nicht um wissenschaftliche Gewissheiten. […] Wenn wir den Verdacht haben, dass eine Ursache negative Folgen hervorruft, dann muss man diese Ursache erst einmal beseitigen.“ Mit anderen Worten: Wenn einem irgendetwas nicht gefällt, dann muss man nur irgendwo auf der Welt einen Wissenschaftler finden, der sagt, dass es nicht um wissenschaftliche Überprüfung gehe, sondern ein Verdacht genügt. Solchermaßen bekräftigt, wird das Unwissen der Reporter in suggestiven Formulierungen wie der folgenden zum Beweis der Schädlichkeit: „Glyphosat im Boden, Glyphosat im Grundwasser. Niemand weiß, was das für Folgen haben wird.“ Weiß es wirklich niemand? Was ist mit den 1636 Studien, die in der Wissenschaftsdatenbank PubMed zum Stichwort „Glyphosat“ zu finden sind? Enthalten Sie keine Erkenntnisse zur Wirkung der Substanz auf Mensch und Umwelt? Glyphosat ist einer der am besten untersuchten Stoffe der Welt. Wenn wir das Herbizid vorsorglich verbieten wollen, weil wir angeblich nicht genug über seine Gefährlichkeit wissen, dann kann daraus nur folgen, dass wir auch alle anderen Stoffe verbieten müssten, über die wir noch weniger wissen. Eine solche Auslegung des Vorsorgeprinzips ist völlig absurd.

Wenn es um die Alarmierung der Bevölkerung geht, darf neben der Einzelfallbetrachtung (Seht: ein behindertes Kind in einem Tabakanbaugebiet) und dem vermeintlichen Nichtwissen (Seht: ein Professor kann ein Risiko nicht ausschließen) auch die Entdeckung nicht fehlen (Seht: wir haben etwas gefunden). Diese lieferte im Juni der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Form einer Untersuchung, wonach 7 von 10 Deutschen Glyphosat im Urin haben. Getestet hatte die Organisation zwar auch nur 10 Personen, es ist aber durchaus plausibel, dass sich bei vielen von uns die Substanz im Urin findet. Was grundsätzlich ein gutes Zeichen ist. Denn es zeigt, dass die Spuren von Glyphosat, die wir mit der Nahrung aufnehmen, den Körper schnell wieder verlassen und nicht angereichert werden. Grundsätzlich sagt der Nachweis einer Substanz im Körper rein gar nichts darüber aus, ob damit irgendeine Gefahr verbunden ist. Wie immer gilt: Die Dosis macht das Gift. Und die Dosis ist extrem gering. Vergleichen wir es zum Beispiel mit der Gefahr von Tomaten: Diese können bis zu 7 mg des Giftes Solanin pro Kilogramm enthalten. Das ist rund 80-mal weniger als die Dosis von 590 mg pro Kilogramm Körpergewicht, die im Tierversuch 50% der Ratten töten würde (LD 50). Deshalb haben wir keine Bedenken beim Verzehr von Tomaten. Für Glyphosat beträgt die LD 50 bei Ratten rund 5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht. Es ist somit weit weniger giftig als Solanin (und z.B. auch weniger giftig als Kochsalz mit LD 50 von 3g/kg). Die vom BUND gemessene Belastung bewegte sich aber lediglich in der Größenordnung von 0,0000005 g/kg, also rund 10 Millionen Mal niedriger als der LD50-Wert und damit laut Bundesinstitut für Risikobewertung um „mehr als den Faktor 1000 unter gesundheitlich bedenklichen Konzentrationen.“ [6] Eine solche „Belastung“ ist für den Umweltverband dennoch ein Skandal. Was also tun? „Die Menschen sollen im Supermarkt nachfragen, ob der eine Belastung ausschließen kann“, rät allen Ernstes die „Gentechnik-Expertin“ des BUND, Heike Moldauer, in einem Interview unter der Überschrift „Glyphosat im Urin: ‚Verheerend für menschliche Gesundheit‘“ auf der Website von RTL. [7] Um das Ausmaß der Problematik eindringlich zu veranschaulichen, wurde das eingangs erwähnte Animationsvideo produziert, in dem Tausende Babys wie Kohlköpfe auf dem Feld wachsen und dann mit Glyphosat tot gespritzt werden. [8] Botschaft „Pestizide – hergestellt, um zu töten“. Spendenkonto-Nummer 232, „Stichwort: Gegen Gift, Sparkasse KölnBonn, BLZ 370 501 98.“ Auch eine Art, sein Geld zu verdienen.

Die eigentliche Ursache für den Kampf gegen Glyphosat hat mit der vermeintlichen Gefährlichkeit des Herbizids wenig zu tun. Der große und offenbar unwiderstehliche Anreiz, den Stoff zu verteufeln, besteht darin, dass er sozusagen die Quintessenz der modernen Landwirtschaft ist. Er ist zunächst als Herbizid eben „Gift auf dem Acker“ und als Totalherbizid (das alle Pflanzen tötet) sozusagen ein Supergift. Es gilt Umweltaktivisten zudem als ein Steigbügelhalter der Gentechnik, denn viele der heute genutzten gentechnisch veränderten Sorten basieren darauf, dass sie resistent gegen Glyphosat sind, das somit alles tötet, was auf dem Feld wächst, außer eben dem Getreide. Gerade in der emotional geführten Debatte nicht zu vergessen: Es ist ein Produkt des meistgehassten Agrokonzerns der Welt, Monsanto, der es 1974 auf den Markt brachte. Es ist überdies – und das ist wahrscheinlich das Schlimmste – sowohl ökonomisch auch als ökologisch sehr vorteilhaft:  Mit Glyphosat können Landwirte sehr hartnäckige Unkräuter einfach und kosteneffektiv entfernen, die andernfalls Jahre überdauern können und zu massiven Ernteeinbußen führen. Es ersetzt andere, deutlich weniger umweltverträgliche Herbizide. Es ermöglicht eine pfluglose Bodenbearbeitung, was Energie spart und den Boden vor Erosion schützt. Es ist deshalb auch das am häufigsten verwendete Herbizid der Welt. Seit im Jahr 2000 der Patentschutz ausgelaufen ist, produzieren Dutzende von Herstellern Glyphosat und verkaufen es unter vielen Handelsnamen. Kurz: Jeder, der sich zurücksehnt in eine Zeit, in der die Hacke den Goldstandard der Unkrautbekämpfung darstellte und die Lebensmittelerzeugung arbeitsintensiv, beschwerlich, ineffizient und teuer war, der muss Glyphosat einfach hassen. Harald Ebner gefällt sich darin, den Stoff als „Schmiermittel der Billigfleischproduktion“ [9] zu beschimpfen und offenbart damit, dass er es nicht tolerieren will, dass beispielsweise in China, von wo übrigens mehr als die Hälfte des weltweit hergestellten Glyphosats kommt, Hunderte von Millionen von Menschen sich auch Fleisch und andere hochwertige Nahrungsmittel leisten können wollen.

Zuerst erschienen bei NovoArgumente

GreenTec Awards: Revue der Belanglosigkeiten

Ökoinnovationen dienen der Befriedigung niedriger Erwartungen. Wenn plötzlich jemand in ganz andere Dimensionen vordringt, ist die Irritation groß. Dieses Jahr musste bei der grünen Jubelveranstaltung doch tatsächlich ein Kernreaktor umschifft werden.
„Im Rahmen einer glamourösen Gala fand am 30. August in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom in Berlin die jährliche Preisverleihung der GreenTec Awards [1], Europas größtem Umwelt- und Wirtschaftspreis, statt. In Anwesenheit von führenden Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien wurden die innovativsten grünen Produkte, Projekte und Umwelttechnologien in insgesamt acht Kategorien mit einem GreenTec Award ausgezeichnet“, so die Zusammenfassung der Veranstalter.

Wer sich für die Glamourkomponente interessierte – und das werden wohl die meisten gewesen sein, die sich mit der ganzen Angelegenheit befasst haben – dem wurden einige Namen präsentiert, von denen unsereins entweder noch nie etwas gehört hat oder gerne nie etwas gehört hätte: „Der grüne Umweltgipfel des Jahres hat viele Prominente nach Berlin-Mitte gelockt. Zu den Laudatoren zählten die beliebte Moderatorin und Jurymitglied Sabine Christiansen, das Top-Model Franziska Knuppe, die Köchin Sarah Wiener, der Stifter und ehemalige Fußballprofi Christoph Metzelder sowie die Moderatoren Mareile Höppner, Nela Panghy-Lee und Stefan Gödde.“

Und auch wer sich für die Innovationen interessiert, wurde natürlich enttäuscht. Die „innovativsten grünen Produkte, Projekte und Umwelttechnologien“ sind ein Solar-Wäschetrockner (so was hieß früher Leine und war 2000 Euro billiger), ein Mikrokraftwerk auf Brennstoffzellenbasis (Erfindung der Brennstoffzelle ereignete sich im Jahr 1838), die gute Absicht, mit geeigneten Booten Plastikmüll aus dem Meer zu sammeln (nennt man heute „Marine Littering“), ökologisch korrekte Musik (ein Typ namens Rea Garvey ist „Ausnahmekünstler, der in seinem Schaffen gute Musik mit berührenden, aufrichtigen und authentischen Texten mit beispielhaftem Umweltengagement zusammenbringt, was ihn zu einem würdigen Preisträger des Green Music Award 2013 macht“), noch eine Brennstoffzelle, diesmal für lärmreduzierten Flugzeugbetrieb am Boden (Airbus), eine moderne Mitfahrzentrale (heißt heute „Social Mobility Network“), eine besonders kreative Werbetexterinterpunktionsleistung namens „Think Blue. Factory.“ (Effizienzprogramm bei VW mit verbesserter Hallenbelüftung und dergleichen), eine Internetplattform, auf der man alte Gewürzpackungen verschenken kann, statt sie in den Müll zu werfen (www.foodsharing.de, in Kassel werden mir gerade 250 g Reis mit Ablaufdatum April 2013 angeboten, sollte man vielleicht mal vorbeifahren und abholen), Filter zur Reinigung von Straßenabwasser (zur Erhaltung der „lebensnotwendigen Ressource Wasser für die Bevölkerung und zukünftige Generationen“). Und zu guter Letzt noch ein neuer Typ von Kernreaktor, der sicher ist, Atommüll verbrennen kann und die Welt dauerhaft mit CO2-freiem, billigen Strom und Treibstoff versorgen kann.

Nein, das war natürlich ein Scherz. Das Berliner Institut für Festkörper-Kernphysik
[2] war zwar tatsächlich mit dem Konzept für den sogenannten Dual-Fluid-Reaktor [3] angetreten. Er war dummerweise auch noch in seiner Kategorie aus der Online-Abstimmung als Sieger hervorgegangen und damit fürs Finale nominiert, was den erstaunten Erfindern auch mitgeteilt wurde. Aber dann haben die Veranstalter doch noch gemerkt, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Kurzerhand wurde nachträglich das Reglement geändert und mitgeteilt, dass die Einreichung leider aufgrund der „wissenschaftlichen, sozialen und kommunikativen Aspekte (…) im Licht der Zielsetzung des Awards“ nicht berücksichtigt werden kann. Da es sich tatsächlich eher um einen Kommunikationspreis als um einen Technologiepreis handelt, ist das einleuchtend, wenn auch nicht gerade fair.

Wegen verschiedener Proteste gab es noch weitere, peinliche Rechtfertigungsauslassungen der Veranstalter. Die ausführliche Begründung [4] endet kämpferisch mit dem schönen Satz „Die GreenTec Awards werden keinesfalls Bühne für Kernkraftexperimente sein.“ Aber hallo, das wäre sozial, kommunikativ und glamourtechnisch ja auch noch schöner!

Zuerst erschienen bei NovoArgumente