Tierrechte: Lasst uns Kalb und Küken töten!

Immer mehr Menschen empfinden den Tod von Nutztieren als Missstand und fordern mitunter ein Recht auf Leben. Inzwischen wird die Diskussion absurderweise sogar auf Rinderföten und Eintagsküken ausgeweitet. Thilo Spahl fragt sich, was aus dem guten alten Tierschutz geworden ist

„Wer denkt an die Kälbchen?“, fragt Daniela Kuhr letzten Donnerstag in der Süddeutschen Zeitung auf Seite 1. [1] Sie berichtet von einem „Drama in deutschen Schlachthöfen, von dem kaum jemand weiß: Jährlich sterben Zehntausende ungeborene Kälbchen, weil trächtige Kühe geschlachtet werden.“

Als Zeuge der Anklage tritt ein Amtstierarzt auf. Er habe es schon erlebt, und zwar „nicht nur einmal“. „So einen Fötus vor sich liegen zu sehen, das geht einem an die Nieren“, sagt er. Bis zu vier Prozent der jährlich 1,2 Millionen geschlachteten Tiere seien trächtig, schätzt er. Die genaue Zahl sei aber nicht entscheidend: „Egal, wie hoch die Zahl tatsächlich ist – jedes einzelne Tier ist eines zu viel.“ Deshalb müsse endlich gehandelt werden.

Ist aber die gelieferte Begründung, der Anblick des Fötus gehe dem Tierarzt an die Nieren, ausreichend, um einen verpflichtenden Trächtigkeitstest einzuführen? Ist es für das „Lämmchen“ besser, erst nach der Geburt geschlachtet zu werden? Ist ein Lebewesen je jünger, desto unschuldiger und damit schutzwürdiger? Will uns Frau Kuhr womöglich im Tierschutzjargon ein Argument gegen Abtreibung unterjubeln – das altbekannte „Abtreibung ist Mord“, angewendet auf die Kuh?

Drama um Eintagsküken

Ein Blick aufs Geflügel zeigt, dass auch der Tod nach der Geburt von vielen als Drama empfunden wird. Hühnerrassen sind heute so gezüchtet, dass sie entweder als Legehenne sehr produktiv sind oder als Masthühner schnell Gewicht zulegen. Männlicher Nachwuchs von Legehennen ist für die Mast nicht geeignet. Die sogenannten Eintagsküken werden daher gleich nach dem Schlüpfen getötet. In Deutschland sind es rund 40-50 Millionen jährlich. Ende 2013 hat jedoch die Staatsanwaltschaft Münster entschieden, diese Praxis sei tierschutzwidrig, und das Land Nordrhein-Westfalen daraufhin ein Verbot erlassen. „Tiere sind Lebewesen und keine Abfallprodukte landwirtschaftlicher Produktionsprozesse“, sagte dazu Landwirtschaftsminister Johannes Remmel (Grüne). Sein niedersächsischer Amtskollege, Christian Meyer, ebenfalls von den Grünen, forderte im April ein bundesweites Verbot. Was bewegt die grünen Landwirtschaftsminister zu ihrem Engagement fürs Eintagsküken? Wie ist dem Tierwohl gedient, wenn die Küken statt sofort erst nach mehrwöchiger Mast sterben? Sind es gar Überlegungen zur Gleichstellung: Kükenmädchen dürfen leben, Kükenjungen (von der Tierschutzorganisation Peta als „kleine Brüder der Legehennen“ bezeichnet) müssen vorzeitig sterben? Oder werden einfach nur emotional berührende Bilder süßer kleiner Küken für die eigene agrarpolitische Agenda instrumentalisiert?

„Wie ist dem Tierwohl gedient, wenn die Küken statt sofort erst nach mehrwöchiger Mast sterben?“

Rein formal lautet das Argument, es handele sich um Tötungen von Tieren alleine aus wirtschaftlichen Gründen, ohne sie einem Nutzen zuzuführen. Dies verstoße gegen das Tierschutzgesetz. Wer einmal das Füttern der Otter im Zoo beobachtet hat, weiß jedoch, dass es für die toten Küken durchaus eine Verwendung gibt. Die Otter haben ihre Freude daran, und so ist neben wirtschaftlichem Nutzen sogar dem Tierwohl gedient. Auch einige Katzenhalter schwören auf diese artgerechte Ernährung. Bei haustierkost.de gibt es 10 Stück für 1,98 Euro [2].

Schlechtes Gewissen als Weg zum Tierschutz

Die wesentliche Motivation der „Aufklärer“ in Sachen Kuhfötus und Eintagsküken dürfte in einer generellen Ablehnung der effizienten landwirtschaftlichen Tierproduktion und/oder dem Fleischverzehr liegen. Die beachtliche züchterische Leistung, die dazu geführt hat, dass heutige Masthühner in nur fünf statt 17 Wochen schlachtreif sind und daher mit sehr viel geringerem Ressourceneinsatz erzeugt werden können, ist Agrarromantikern ein Dorn im Auge. Dabei ist es ökonomisch sehr leicht zu verstehen. Laut einem Fernsehbeitrag der NDR-Sendung Panorama wäre ein länger gemästetes Hühnchen zehn Euro teuer: „Kosten, die die Großindustrie nicht auf sich nehmen will“, erläutert die Reporterin in vorwurfsvollem Ton [3]. Soll das heißen, die „Großindustrie“ verdiene an einem Huhn, das wir für drei Euro kaufen, wundersamer Weise genug, um noch zehn Euro mehr für die Aufzucht auszugeben? Oder ist sie im Ernst der Meinung, irgendjemand sei bereit, zehn Euro mehr zu bezahlen, nur, damit das Hühnchen ein paar Wochen später einen weder besseren noch schlechteren Tod stirbt? Es geht hier ja ausdrücklich nicht darum, dass die Tiere ein besseres Leben haben, sondern nur ein längeres. Wäre die NDR-Reporterin selbst dazu bereit? Sehr wahrscheinlich nicht. Ziel der ganzen Übung ist es, uns mit Hilfe der Küken ein schlechtes Gewissen einzureden und zum Vegetarismus zu bekehren.

Mit Tierschutz hat das alles wenig zu tun. Tierschutz ist im Grunde eine einfache Angelegenheit: Es geht ums Quälen, nicht ums Töten. Wir sollten uns darum bemühen, Tiere im Leben (und beim Sterben) nicht unnötig zu quälen (was übrigens mit sogenannter artgerechter Haltung auf Biobauernhöfen auf der einen und so genannter Massentierhaltung auf der anderen Seite nur sehr bedingt zu tun hat) [4] Aber wir sollten nicht an unserem Recht zweifeln, Tiere zu töten. Tiere sind keine Menschen. Sehr viele Tiere existieren nur aus dem Grund, vom Menschen gegessen zu werden. Dafür werden sie auf die Welt gebracht und dazu werden sie zu einem geeigneten Zeitpunkt getötet. Milliarden weitere Tiere ̶  Insekten, Würmer, Schnecken, aber auch Mäuse, deren Leidensfähigkeit durchaus nicht geringer ist als die von Hühnern ̶  kommen ohne uns zur Welt und werden getötet, damit wir pflanzliche Nahrungsmittel produzieren können. Findige Fleischfreunde haben sogar berechnet, dass bei der Erzeugung der Nahrungsmittel eines Vegetariers mehr Tiere getötet werden als für Steakliebhaber, die Weidevieh verzehren [5].

Es macht absolut keinen Sinn, einzelne, irgendwie Unschuld verkörpernde Tiere herauszupicken und ihren vorzeitigen, womöglich gar vorgeburtlichen Tod als besonderes Drama unters Volk zu bringen. Solche Kampagnen sind einfach schlechte Propaganda oder bestenfalls ein missratener Versuch der Journalisten, die eigenen Gefühle auszudrücken. Einer rationalen Diskussion über Tierschutz dienen sie nicht.

erschienen bei NovoArgumente

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